Süddeutsche Zeitung

Mixed Martial Arts in Berlin:Ist das Sport?

Wucht und Härte wie nirgendwo sonst: Beim Mixed Martial Arts in Berlin wird klar, dass der Käfigkampf in Deutschland populärer wird. Auch wenn mal eine Nase zermatscht wird.

Bevor er seinem Gegner mit dem Knie gegen den Kopf kickt, bevor er ihn an den Zaun drückt und dann mehrmals an den Kopf schlägt, bevor seine Fäuste das Kinn seines Gegners treffen, die Nase, die Schläfe, bevor er seinen Gegner also 15 Minuten lang mit Füßen, Beinen, Fäusten attackiert, macht Nick Hein einen Purzelbaum. Wenige Schritte Anlauf, Rolle vorwärts, er steht wieder auf. Das Publikum jubelt.

Samstagabend in Berlin, die Ultimate Fighting Championship (UFC), die populärste Mixed-Martial-Arts-Serie der Welt, veranstaltet wieder einmal in Deutschland. Auftritt Nick Hein, 31 Jahre alt, Posterboy der deutschen Szene.

In der deutschen MMA-Branche sind sie froh, dass sie einen wie Nick Hein haben. Der Kölner ist Schauspieler, hatte ein paar kleinere Rollen, er weiß also, was die Leute sehen wollen, was sie hören wollen. Daher der Purzelbaum, diese Einlage mit der Leichtigkeit eines Kindes, bevor der Kampf los geht. Vor allem aber war Hein früher Judoka, in der Jugend wurde er deutscher Meister, später war er im Nationalkader, gewann internationale Turniere. Außerdem arbeitete er lange als Bundespolizist. Er hatte also einen Weg, der allen Klischees über den Sport widerspricht.

Erste Runde

Die erste Runde in Berlin, Hein tänzelt um seinen Gegner, den Polen Lukasz Sajewski herum, ein paar schnelle Schläge zum Kopf, einmal trifft er ihn mit dem Knie am Kinn. Wieder jubelt das Publikum.

8155 Menschen sind in die o2 World gekommen, sie wollen einen Sport sehen, der Elemente mehrere Kampfsportarten kombiniert, vom Boxen übers Judo bis zum Ringen, einen Sport, den diese 8155 Menschen sich gerne anschauen, weil er für sie schnell, athletisch, unterhaltsam ist. Ein Sport, der sie fasziniert, obwohl ein großer Teil der Bevölkerung ihnen schon genau das absprechen würde: dass sie sich Sport anschauen.

Mixed Martial Arts, ganz besonders aber die UFC, hat in Deutschland einen katastrophalen Ruf. Als die UFC erstmals nach Deutschland kam, 2009 nach Köln, beschwerten sich zahlreiche ergraute Politiker. Noch bevor der erste Kampf begonnen hatte, waren sie sich einig: Die UFC, das sei nichts mehr als eine reine Gewaltverherrlichung, ein Spektakel, das aus dem zivilisierten Menschen einen Wilden mache. Sie störten sich daran, dass in der UFC in einem achteckigen Käfig gekämpft wird. Eine Inszenierung, fanden sie, als treten zwei Pitbulls gegeneinander an. Außerdem störten sie sich an den Regeln, die sehr viele Schläge zulassen, vor allem die zum Kopf eines Gegners, der bereits am Boden liegt. Ein Jahr später setzte sich die Bayerische Landeszentrale für neue Medien durch; der Sport durfte nicht mehr im deutschen Fernsehen gezeigt werden.

Platzwunde bei Hein

Die zweite Runde in Berlin, Hein tänzelt weiter, schlägt mit seinen Händen viele Gerade. Einmal drückt er ihn gegen den Käfigzaun, trommelt kurz mit seinen Fäusten auf Sajewskis Kopf ein. Auch der Pole trifft mit seinen Boxschlägen, Hein hat eine Platzwunde unter dem rechten Auge. Kurz vor Ende der Runde trifft Hein seinen Gegner mit dem Fuß am Kopf. Wieder jubelt das Publikum. Aber es flippt nicht aus.

Heim will zeigen, dass er kein gewaltverherrlichender Brutalo ist

Heins Kampf ist der erste von vier Hauptkämpfen, nach sieben Vorkämpfen, die das Publikum verwöhnt haben. Oft wurde viel am Boden gekämpft, es entstanden dann die Momente, die viele verstören. Diese Momente, die zunächst so nah und intim sind, weil sich die Kontrahenten eng aneinander schmiegen. Und die dann innerhalb weniger Sekunden eine Wucht und Härte bekommen, die es so tatsächlich in anderen Sportarten nicht gibt. Wenn ein Gegner auf dem anderen kniet und ihn ins Gesicht schlägt. Wenn ein Gegner aufgibt, weil ihn der andere so fest im Schwitzkasten hat, dass er keine Luft mehr bekommt.

Das Publikum in Berlin jubelt genau in diesen Momenten der beiden Extreme. Am lautesten wird es im letzten Hauptkampf, in dem die Polin Joanna Jedrzejczyk der tapferen Amerikanerin Jessice Penne zweieinhalb Runden lang die Nase zermatscht, erst dann bricht der Schiedsrichter ab; beide Kämpferinnen sind da schon längst völlig blutüberströmt. Dass die Zuschauer sich nicht von denen einer Boxveranstaltung unterscheiden, dass also auch Männer in dunklen Anzügen, Männer mit geschorenen Haaren und Frauen mit tiefen Ausschnitten zuschauen, wird viele UFC-Gegner in ihren Vorurteilen bestätigen. Dass Boxen in Deutschland ein etablierter Fernsehsport ist, verdrängen sie dabei.

TV-Sender interessiert

In den USA, dem Kernland der UFC, hat diese das Boxen in seiner Beliebtheit beim Fernsehpublikum längst eingeholt. Auch in Deutschland interessieren sich mehrere Anstalten für diese Sportart, die auf der ganzen Welt immer mehr Anhänger findet. Der Sender Sport1 soll schon länger interessiert sein, inzwischen auch ProSiebenSat1 - im vergangenen Herbst hatte das Verwaltungsgericht in München das Fernsehverbot aufgehoben.

Die dritte Runde des Kampfes von Nick Hein, eine kurze Unterbrechung, weil er Sajewski ins Auge gefasst hat. Der Kampf geht weiter, aber er bleibt der ruhigste des Abends, es gibt nicht einmal einen längeren Bodenkampf. Hein gewinnt souverän nach Punkten.

Nach dem Kampf heizt er das Publikum ein, er verspricht, dass er weiter in der UFC kämpfen wird, bewirbt sich für einen Auftritt in Japan. Und mit jedem Kampf wird er, der als Judoka und Polizist so lange einen gesellschaftlich genormten Weg gegangen ist, weiter gegen die Vorurteile antreten. Er wird antreten, um zu zeigen, dass er kein gewaltverherrlichender Brutalo ist. Sondern ein Athlet, wie alle anderen Kampfsportler auch. Hein wird noch oft in der UFC antreten. Der schwerste Kampf wird der außerhalb des Käfigs bleiben.

Nach der Urteilsverkündung sinkt Hein auf den Boden, weint, bekreuzigt sich mehrfach.

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