Süddeutsche Zeitung

Karriereende von Miriam Neureuther:Sie mochte den Schmerz und zog das Pech an

  • Biathletin Miriam Neureuther tritt zurück, ohne viele Titel gesammelt zu haben.
  • Ihre Karriere bleibt dennoch in Erinnerung.
  • Denn Neureuther verkörperte wie keine andere den dauernden inneren Kampf, den die Disziplin Biathlon erfordert.

Die letzten Meldungen von der Leistungssportlerin Miriam Neureuther waren knapp. Vor einem Jahr hatte der neue Langlauf-Bundestrainer Peter Schlickenrieder erklärt, die "Miri" werde ganz ruhig wieder aufgebaut. Vielleicht könne die Ski-Nordisch-WM 2021 in Oberstdorf ein Ziel sein. Dann aber wurde es wieder still - von Miri nichts Neues. Und nun kam, an einem Dienstag, die beiläufige Kurzmeldung: Miriam Neureuther, früher Gössner, hört auf.

Ein Karriereende wie ein Zieleinlauf im hinteren Feld ist das: Die Zuschauer haben sich schon abgewandt. Mit den Letzten anzukommen, das hat Neureuther als Biathletin oft genug erlebt. Dabei hat sie in den zehn Jahren ihrer Ski-Laufbahn ein Kunststück geschafft. Sie hat keinen großen Einzeltitel gewonnen, keine Rekorde gejagt und auch keine Siegesserien hingelegt - und war doch eine der aufsehenerregendsten deutschen Wintersportlerinnen.

Denn Miriam Neureuther war Biathletin und verkörperte wie keine andere den dauernden inneren Kampf, den diese Disziplin erfordert. Fast alle Biathleten ringen damit, ruhiges Schießen und rasendes Laufen unter einen Hut zu bringen, und der Gegensatz in Neureuthers Talent war besonders groß: Sie war eher eine miserable Schützin, aber eine famose Läuferin.

Die Freude daran, sich voll zu verausgaben

Wie schnell sie auf schmalen Latten vorankam, davon konnten die Spezial-Langläuferinnen berichten, etwa nach Neureuthers Ausflug als Spezialistin bei der Ski-Nordisch-WM 2009 in Liberec. Da lag die deutsche Staffel schon weit zurück, ehe Neureuther - ohne Gewehr - Platz zwei eroberte, was die zuvor gestarteten Kolleginnen beim Blick auf den Monitor verzückte. Ein Jahr drauf errang die Biathletin als Langläuferin noch einmal Großes, Staffelsilber bei den Olympischen Spielen.

Präzises Schießen kann man theoretisch lernen, Neureuther glaubte fest daran, dass es auch ihr gelingt und blieb Biathletin. Vielleicht hätte sie irgendwann einen Durchbruch am Schießstand geschafft, aber es kam ein zweites Verhängnis neben ihrem unsicheren Zeigefinger hinzu: eine Verletzungsgeschichte, die teils so absurd war, dass Neureuther, gäbe es Ranglisten für Verletzungspech, locker in die Top Ten gekommen wäre.

Schon als Kind hatte sie sich fortlaufend etwas zugezogen. Angefangen hatte es mit vier Jahren, als sie von vorne eine Rutsche hinauf stiefelte, oben angekommen herunterfiel und sich den Arm brach. Eine andere frühe Verletzung wirkte sich später noch in ihrer Biathlon-Zeit aus. Mit 13 war sie schon eine passable Jugend-Alpinfahrerin, dann aber traf sie eine Slalomkippstange im Gesicht, und sie brach sich Jochbein und Kiefer. Ihre Schneidezähne mussten ersetzt werden, und mit dem Titan-Implantat, das ihr eingesetzt wurde, lebte sie gut - bis 2012. Da hatten sich ihre Schießergebnisse gerade mal wieder verbessert, aber dann entzündete sich der Oberkiefer wegen einer Titanallergie, und musste nach Vereiterung durch Knochenteile aus dem seitlichen Kiefer verstärkt werden.

Das Gefühl kam zwar zurück, aber vier Wirbel waren gebrochen

Neureuther gab nicht auf. Sie sagte einmal, andere litten viel mehr an Verletzungen, und auch dass sie 2011 wegen einer Darmverschlingung gefolgt von einer inneren Entzündung im letzten Moment operiert werden musste, änderte nichts an ihrer Freude am Sport "Dieses Sich-Quälen ist etwas Besonderes", sagte sie, "wenn man ins Ziel kommt und ist völlig verausgabt, und alles tut einem weh, dann ist das ein gutes Gefühl."

Dieser Grundsatz, sich zu quälen, um danach die Ausschüttung der Glückshormone zu genießen, war ein Ansporn. Mit der Sucht nach Gefahr hatte es nichts zu tun, jedenfalls hatte Miriam Neureuther in jenem Moment in Norwegen im Mai 2013, der ihre Sportkarriere veränderte, keinen Geschwindigkeitsrausch auf dem Mountainbike. Sie fuhr gegen Ende einer Tour in normalem Tempo bergab, überschlug sich dennoch und blieb liegen, ohne ihre Beine zu spüren.

"Ich habe gemerkt, dass es für mich wichtigere Dinge gibt"

Das Gefühl kam zwar zurück, aber vier Wirbel waren gebrochen, dazu hatte sie weitere Verletzungen erlitten. Im Winter davor hatte Neureuther ihren größten Fortschritt gemacht, Neunte im Gesamtweltcup war sie im März, aber von diesem Sturz sollte sie sich nicht mehr richtig erholen. In einem Kraft- oder auch Schmerzensakt arbeitete sie auf die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi hin, doch Anfang Januar musste sie aufgeben. Trotz weiterer Anstrengungen verpasste sie auch danach alle weiteren Weltmeisterschaften.

Die andere Belohnung fürs Anstrengen neben den Glückshormonen, nämlich der große Applaus, die Medaillen und Interviews, kriegt Neureuther jetzt nicht mehr, aber mit 29 ist ihr das auch egal. "Ich habe gemerkt, dass es für mich wichtigere Dinge gibt", sagte die ehemalige Wintersportlerin an diesem September-Dienstag.

Neureuther war zweimal Biathlon-Weltmeisterin mit der Staffel, insgesamt aber bleibt sie eine jener Sportlerinnen, die nicht durch Heldentaten auffallen, sondern durch Geschichten, spannende, schöne und schaurige. Nun wird sie zum zweiten Mal Mutter und findet, jetzt es ist mal gut.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4606531
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 19.09.2019/jbe
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.