Süddeutsche Zeitung

Krefeld Pinguine:Die Lieblinge müssen gehen

Bereits mit den ersten Personalentscheidungen zieht sich Krefelds neuer Investor den Unmut der Eishockey-Fans zu. Trotz Rettung vor der Insolvenz klagen nun selbst die Alt-Gesellschafter.

Von Ulrich Hartmann, Krefeld/München

Zwei Wochen hat es gedauert, ehe in Krefeld auch dem letzten Optimisten klar geworden ist, was der Einstieg eines Schweizer Investors für das örtliche Eishockey bedeutet. Ende April galt ein in der Branche vollkommen unbekannter Mann namens Stefano Ansaldi noch als Retter, weil er mit der Übernahme von 80 Prozent der Gesellschaft zugleich mehr als die Hälfte der siebenstelligen Verbindlichkeiten der insolvenzgefährdeten Pinguine getilgt hat. Zwei Wochen später wird deutlich, dass seine erst kürzlich im 600 Kilometer entfernten Lugano gegründete Holding an niederrheinischen Befindlichkeiten weit weniger Interesse zeigt als an den wirtschaftlichen Möglichkeiten mit solch einer Eishockey-GmbH, durch die sich trefflich Personal schleusen lässt.

Dass der Pinguine-Geschäftsführer Matthias Roos durch den früheren Eishockey-Profi Roger Nicholas ersetzt wurde und der Trainer Pierre Beaulieu durch den vormaligen NHL-Coach und Schweizer Nationaltrainer Glen Hanlon, haben die Fans hingenommen. Doch seit bekannt ist, dass trotz eines noch fünf Jahre gültigen Vertrags ihr Lieblingsspieler Daniel Pietta aussortiert wird und womöglich weitere Fanfavoriten folgen wie Torsten Ankert und Martin Schymainski, bekommen sie es mit der Angst zu tun. Vom Krefelder Eishockey scheint wenig Identifikationswürdiges übrig zu bleiben. Auf einem Plakat, das einer an der Eishalle aufgehängt hat, steht: "Die GmbH gerettet - die Werte begraben."

In den 27 DEL-Jahren hat der Klub immer wieder Löcher gestopft wie bei abgewetzten Lieblingssocken

Mit den Werten ist das allerdings so eine Sache. Einmal nur hing beim Gründungsmitglied der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) der Himmel voller Geigen, als der Klub 2003 im Endspiel gegen Köln sensationell deutscher Meister wurde. Ansonsten waren die 27 DEL-Jahre von der Mühe geprägt, immer wieder Löcher stopfen zu müssen wie bei den abgewetzten Lieblingssocken. Die Werte bei der wiederholten Rettung vor der Pleite wurden immerhin stets von örtlichen Honoratioren repräsentiert, vom Anwalt Wilfrid Fabel etwa oder dem Stahlunternehmer Wolfgang Schulz.

Doch diesmal, inmitten der Corona-Krise, fand sich in der 250 000-Einwohner-Stadt westlich des Ruhrgebiets kein einheimischer Retter mehr. Diesmal bedurfte es auswärtiger Hilfe, der neue Besitzer residiert im Tessin. Dort wurde jetzt entschieden, populäre Spieler loszuwerden - würde man das freilich nicht tun, müssten sich diese Spieler ohnehin neue Klubs suchen: Dann wären die Pinguine wohl schon insolvent und nicht mehr in der DEL vertreten.

Auf 1,2 Millionen Euro hatte sich am Saisonende der Verlust in der Eishockey-GmbH summiert, dazu kamen ausstehende Darlehen von Alt-Gesellschaftern in großer sechsstelliger Höhe. Den Saisonverlust beglich laut Verein der neue Investor; Alt-Gesellschafter verzichteten demnach auf die Rückzahlung der Darlehen. "Jetzt stehen die Pinguine wirtschaftlich so gut da wie lange nicht", sagt der scheidende Geschäftsführer Roos. Er hat die wildesten Wochen der GmbH erlebt, als die sich im vorigen Jahr den russischen Investor Michail Ponomarew aus Meerbusch ins Haus holte, von diesem allerdings nicht die erhoffte Liquidität erhielt und ihn nur mit größter Mühe wieder loswurde. Als dessen Gesellschaftsanteile auf mehrere Krefelder Unternehmer verteilt werden sollten, brach das Coronavirus aus.

In der Krise sah der Schweizer Investor seine Gelegenheit. "Herr Ansaldi war unsere letzte Chance", sagt Geschäftsführer Roos. "Herr Ansaldi suchte gerade einen Eishockeyklub", sagte der neue Pinguine-Generalbevollmächtige Nicholas der Rheinischen Post: "Die Finanzen waren zwar miserabel, und sportlich lief es fünf Jahre nicht, aber der Standort ist super, der ist ein Schatz." Mit seinen ersten Entscheidungen hat der 62 Jahre alte Amerikaner diesen Schatz freilich nicht gerade aufpoliert. Die mit 20 Prozent verbliebenen Alt-Gesellschafter klagen, mit ihnen sei nichts abgesprochen; erste Fangruppen kündigten bereits wütend den Liebesentzug an.

"Familie. Heimat. Nähe" - so lautet der Slogan des Klubs. Doch mit dem neuen Investor werden diese Werte arg strapaziert. In einer Stellungnahme begründete Nicholas soeben seine ersten Entscheidungen: "Ohne Daniel Pietta haben wir deutlich mehr Budget zur Verfügung." Seine grundsätzlichen Ziele: "Dass Eishockey schön ist, die Tradition nicht verloren geht, wir den Nachwuchs fördern und Erfolge feiern." Seine versuchte Beruhigung der aufgebrachten Fans: "Ich bin ein Fachmann, Glen Hanlon ist auch ein Fachmann. Man muss uns einfach arbeiten lassen."

Die Verwerfungen mit der Basis treffen den Klub zu einer ungünstigen Zeit. In der kommenden Saison wird in der DEL erstmals wieder ein Klub absteigen. Die Branche erwartete deshalb ursprünglich ein riskantes Wettrüsten der gefährdeten Klubs, doch die Pandemie erschwert Investitionen. Bis zum 24. Mai müssen die Lizenzunterlagen eingereicht werden, am 18. September soll die Saison beginnen - nach Möglichkeit mit Publikum. Bei den Pinguinen machen die Ticket-Einnahmen ein Drittel des Etats aus. Sollten Zuschauer zunächst verboten bleiben, könnte die Liga den Saisonstart noch verschieben; aber spätestens im Dezember müsste sie beginnen, weil eine Doppelrunde selbst ohne Playoffs viereinhalb Monate dauert. Auch für den so früh schon umstrittenen neuen Investor der Pinguine wird die erhoffte Eisrevue zum Vabanque-Spiel.

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SZ vom 14.05.2020
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