Süddeutsche Zeitung

Kommentar:Sommerrodeln in Pattaya

Olympia nur noch ohne Umweltschutz? Das will Fis-Präsident Kasper nicht so gemeint haben. Dabei passt sein Satz ins Bild.

Von Johannes Knuth

Gian Franco Kasper, der Präsident des Ski-Weltverbands Fis, hat in den vergangenen Tagen eine Reihe von, nun ja, interessanten Interviews gegeben. "In Diktaturen ist es für uns einfacher", sagte der Schweizer zum Beispiel mit Blick auf die Winterspiele und deren Eigentümer vom Internationalen Olympischen Komitee. Beim Diktator, fand der 75-Jährige, da könne man Gott sei Dank noch in Ruhe eine alpine Abfahrtspiste durchs Naturschutzgebiet fräsen und werde nicht mit neumodischen Dingen wie Umweltschutz belästigt. Auch beim angeblichen Klimawandel habe er doch so seine Zweifel, ließ Kasper wissen. Bei der alpinen Ski-WM zum Beispiel, die gerade in Are stattfindet, das immerhin epische 352 Kilometer südlich des Polarkreises liegt: Schnee und klirrende Kälte, wohin das Auge reicht und die angefrorenen Zehen einen tragen. Geht doch. Und wie hatte es Peter Schröcksnadel, Präsident des Österreichischen Skiverbandes, erst zuletzt so treffend formuliert: Wie könne es sein, dass Meteorologen riesige Probleme haben, das Wetter für das kommende Wochenende halbwegs unfallfrei vorherzusagen - aber jetzt meinen, sie wüssten, wie kalt oder warm es in zehn, 20 oder gar 40 Jahren wird? Eben!

Aber gut, all die Nörgler und Spaßbremsen haben die Anmerkungen des Fis-Präsidenten natürlich mal wieder in den falschen Hals gekriegt. "Ich möchte mich entschuldigen", teilte Kasper jetzt mit, "diese Kommentare waren nicht wörtlich gemeint." Na also.

Und wer nun meint, der Chef des wichtigsten Wintersportverbandes würde sich nicht mit der gebotenen Ernsthaftigkeit um die drängenden Probleme seines Sports kümmern, der irrt natürlich auch gewaltig. Was den Klimawandel betrifft: Nur wenige wissen, dass Kasper da in Wahrheit längst vorgesorgt hat. Der nächste Kongress seines Welt-Skiverbands findet 2020 in, na, wo wohl statt? Genau, Pattaya, Thailand. Bekannt für seine Strände und hochalpinen Jahrestiefstwerte von 22 Grad. Sollte der Winter den klassischen Winterdestinationen also doch mal davonschmelzen, ließe sich am Golf von Thailand problemlos ein neues Portfolio anbieten. Dann gibt es halt keine Sommer- und Winterspiele mehr, sondern Sommer- und Tropen-Monsunspiele, mit leicht justiertem Programm: Sommerrodeln, alpines Wasserskifahren mit der Königsdisziplin Wasserrutschen-Abfahrt, Slalomlauf durch die mal wieder völlig überfüllte Strandbar zur Toilette. Oder die Super-kombination aus Strandliegen-mit-dem-Handtuch-Reservieren und Wer-bekommt-den-knalligsten-Sonnenbrand.

Und all jene Funktionäre, die vor der Spielevergabe mal wieder das Kleingedruckte im Ethikcode überlesen haben, müssen sich in den Badeparadiesen auch nicht sorgen: Es gibt viele schöne Möglichkeiten zum Abtauchen oder Vorm-Staatsanwalt-Davonpaddeln.

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Quelle:
SZ vom 08.02.2019
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