Süddeutsche Zeitung

Katharina Althaus:Deutschlands beste Skispringerin näht Schutzmasken

  • Skispringerin Katharina Althaus, Olympiazweite 2018, näht derzeit Atemschutzmasken.
  • Je nach Form schafft sie bis zu zehn Stück am Tag, insgesamt dürften es mittlerweile um die 100 sein.
  • Das Nähen ist auch in ihrer Sportart präsent, wenn es um die wichtige Weite des Anzugs geht.

Von Volker Kreisl

Skispringen und Nähen, das sind zwei Passionen, die gar nicht so weit voneinander entfernt liegen. Auch das Nähen verlangt hohe Präzision, Geduld und das schlafwandlerische Beherrschen spezieller Handgriffe. Nur in anderen Dimensionen.

Auch Skispringerin Katharina Althaus fädelt täglich den Faden durch eine Öse, so klein wie ein Floh, sie zieht den Garn stramm, spannt den Stoff unter das Füßchen und klappt es herunter. Dann setzt sie die Fußsohle aufs Pedal und die Maschine rattert los. Rauf und runter tackert die Nadel, vor und wieder zurück. Füßchen hoch, Füßchen runter, Stoff spannen, locker mitführen, wieder rattern, wieder tackern, und irgendwann, besser gesagt mittlerweile nach ziemlich genau 20 Minuten, verstummt die Nähmaschine und Althaus zieht die nächste fertige Atemschutzmaske hervor.

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Sie ist nicht nur irgendeine talentierte Skispringerin, sie ist seit Jahren die Beste in Deutschland, zählt zu den ersten Nachfolgerinnen der Pionierinnen in diesem Sport und sorgte zuletzt dafür, dass immer neue Talente Lust aufs Fliegen bekamen. Althaus, 23, ist Olympiazweite von 2018, vergangenes Jahr wurde sie Zweite bei den Weltmeisterschaften in Seefeld in Tirol, und mit dem Team gewann sie diverse Male Gold.

Doch die Saison und der Rausch des Springens sind nun vorbei, und im Vergleich zu anderen Sportlern haben die Skispringer gerade doch eher wenig zu klagen während der Corona-Pandemie. Ihr Training macht immer Pause im April, das Skispringen hoch oben in der Luft ist logischerweise per se ein Sport mit ausreichend Distanz zum Gegner, und allgemein ist man guter Hoffnung, dass das Training auch bei Verzögerungen rechtzeitig einsetzen wird für einen ordentlichen Aufbau der Saison 2020/21, mit dem Höhepunkt der WM in Oberstdorf, dem Heimatort von Althaus.

Bis zu zehn Stück am Tag

So richtig außergewöhnlich für diese geruhsame Skisprung-Pausenzeit ist eigentlich nur eines: Althaus' Atemschutzproduktion. Je nach Form schafft sie bis zu zehn Stück am Tag, insgesamt dürften es mittlerweile um die 100 sein. Auf die Idee brachte sie ihre Hausärztin, die auch die Verteilung organisiert, für ein Exemplar, ganz normal waschbar, verlangt Althaus nichts.

"Meine Mutter hat mir das Nähen beigebracht", sagt sie, und: "Hier im Dorf gibt's mehrere Mädels, die nähen." Und: "Mal eine Bluse, oder eine Trachtenschürze, oder Ähnliches, das nähen sich die Jüngeren schon auch mal." Überhaupt klingt Althaus nicht so, als wäre Nähen eine ganz außergewöhnliche Disziplin. Andererseits ist das Zusammenspiel der Passionen schon praktisch. Denn ihre so locker bewältigte Serienmanufaktur hängt wohl auch damit zusammen, dass sie Skispringerin ist.

In diesem Sport wird nicht nur von einer Schanze gesprungen, so groß wie ein Dinosaurier, und es werden nicht nur Füße und Ski nach einem langen Flug auf den Schnee gesetzt, und nicht nur fortwährend die richtige Hocke, der fein abgestimmte Sprung und die Fluglage trainiert, sondern eben auch genäht: zu Hause, im Hotel, vor dem Wettkampf, nach dem Wettkampf, zur Not noch schnell in der Früh. Das Nähen ist präsent, nicht alle Männer und Frauen beherrschen es, aber manche bringen es zu beachtlicher Meisterschaft. "Alle nähen", sagt Bundestrainer Andreas Bauer, die einen besser, die anderen schlechter, "Katharina am besten."

Es geht um den Skisprungsieg. Es heißt, wenn der Anzug eines Skispringers im Schritt nur ein paar Millimeter weiter ist als alle anderen, dann ist er nicht zu schlagen. Er hat mehr Tragfläche, und weil das auch an anderen Stellen gilt, muss ein Anzug bis ans Limit genäht sein. Also müssen die erlaubten vier Zentimeter Platz zwischen Haut und Stoff voll ausgenutzt werden. Sitzt der Anzug eine Nuance zu eng, dann fliegt der Springer zu kurz, sitzt er zu weit, wird er disqualifiziert und fliegt gar nicht.

Eigentlich, sagt Althaus, sei das Korrigieren von Sprunganzügen läppisch im Vergleich zur Herstellung einer passsicheren Mundmaske: "Beim Anzug muss ich nur eine Naht abnähen", sagt sie, "bei den Masken musste ich erst mal auf Youtube schauen, wie das überhaupt funktioniert." Und dennoch, auch ihr Sport verlangt hohe Präzision und zudem Arbeiten unter Druck.

Nicht selten bricht Hektik aus, erzählt Bauer. Wenn die Kontrolle am Tag vor dem Wettkampf eine nur leichte Abweichung ergab, und auch die üblichen Tricks fehlschlugen, mit denen man durch besonders stramme oder schluffige Körperhaltung den Anzug enger erscheinen lassen kann, wenn der Springer also gerade noch durchgelassen wird, aber mit einem Tadel des Materialkontrolleurs, dann muss er nachts noch mal ran an die Nähmaschine, und dann steht womöglich viel auf dem Spiel, vielleicht sogar eine Goldmedaille.

Aber bis dahin, bis wieder um Siege gesprungen wird, ist noch Zeit. Gerade hat Althaus anderes zu tun, Masken-Schnittmuster abmessen, Füßchen runterklappen, los geht's.

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Quelle:
SZ vom 14.04.2020/chge
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