Süddeutsche Zeitung

Karate:Drei Jahre für einen Tag

Karate gehört in Tokio zum ersten und vorerst letzten Mal zu Olympia. Die Aschaffenburgerin Jasmin Jüttner hat sich erst im allerletzten Moment qualifiziert - nach einer Odyssee um die ganze Welt.

Von Frederik Kastberg

Die Karriere von Jasmin Jüttner beginnt mit einer Zeitungsanzeige. Knapp 21 Jahre ist es her, dass ihr Vater Ralf in der bayerischen Regionalzeitung Main-Echo eine Anzeige für ein Karate-Probetraining liest. "Oh, cool, Karate. Das wäre doch was", soll er damals gesagt haben. Seine Tochter hatte zuvor den Wunsch geäußert, Sport zu machen, was den Vater erst einmal gefreut haben dürfte, allerdings war ihre Wahl auf Ballett gefallen. Das hatte ihre Freundin gemacht, was der Siebenjährigen als Entscheidungsgrundlage genügte.

Der Papa, selbst Taekwondo-Kämpfer und Bruce-Lee-Fan, hatte mit seinem Gegenvorschlag also erst einmal schlechte Chancen, und so hielt sich die Begeisterung über das Probetraining bei seiner Tochter zunächst auch in Grenzen. "Ich fand's komisch, dass da alle barfuß waren und einige Anzüge anhatten", sagt die Aschaffenburgerin heute. Die nackten Füße haben sie aber nicht vom zweiten Probetraining abgeschreckt und schon bald war klar, dass Jüttner Talent hat. "Und wenn man dann relativ schnell Erfolg hat, macht es auch umso mehr Spaß."

Im Karate gibt es zwei Disziplinen, Kumite und Kata. Erstere ist vermutlich das, was sich die meisten Menschen unter Karate vorstellen: Zwei Karateka kämpfen gegeneinander und versuchen, mit kurzen, explosiven Schlägen und Tritten möglichst viele Treffer zu landen, ohne den Gegner dabei zu verletzen. Beim Kata hingegen stehen die Athleten alleine auf der Matte und präsentieren den Kampfrichtern eine vorab festgelegte Abfolge von Schritten, Drehungen und Kampftechniken. Bewertet wird die Vorführung dann anhand bestimmter Kriterien wie etwa Technik, Ausdruck und Athletik. "Eine Kata ist wie eine Choreografie aus verschiedenen Elementen und dauert ungefähr drei Minuten", sagt Jüttner. In den unterschiedlichen Stilrichtungen gibt es zahlreiche solcher Choreografien, aber auf internationalen Wettkämpfen werden eigentlich immer dieselben 20 Stück gezeigt, erzählt Jüttner.

Mentaltraining gab entscheidenden Impuls

Sie selbst habe von Anfang an mehr Lust auf diese weniger bekannte Karate-Disziplin gehabt: "Ich bin ein Mensch, der gerne alleine Sachen macht, ich tüftle gerne vor mich hin - und genau das ist Kata." Seit 16 Jahren wohnt Jüttner in Wiesbaden, trainiert aber auch in Frankfurt. Bis zu siebenmal pro Woche trainiert sie Kata, dazu kommen Krafttraining, Yoga und Athletik-Training. "Kata ist mein ganzer Lebensinhalt", sagt sie. Da der Sport extreme Fokussierung und Konzentration verlangt, arbeitet sie seit knapp zwei Jahren mit einem Mentaltrainer zusammen. "Ich wusste, dass es am Ende an sowas hakt und glaube, dass sich bei Spitzensportlern alles im Kopf entscheidet." Die Ereignisse dieser Spiele bestätigen ihren Eindruck wieder einmal.

Seit dem Wochenende ist sie nun in Japan, die Eröffnungsfeier musste sie noch am Fernseher verfolgen. Die Olympia-Teilnahme ist für sie der "größte Erfolg meines Lebens", größer noch als die Goldmedaille, die sie bei der Karate-WM 2014 mit dem deutschen Team holte. Der Weg dahin führte Jüttner in den vergangenen drei Jahren einmal um den gesamten Globus, die Quali-Turniere fanden unter anderem in Montreal, Tokio, Santiago de Chile und Istanbul statt. Im Schnitt stand Jüttner alle vier Wochen irgendwo auf der Welt auf der Matte: "Das war eine große Umstellung, Karate ist eigentlich kein Sport, bei dem es in einem halben Jahr sechs Wettkämpfe gibt." Am Ende dieser Weltreise bekamen nur die vier Athletinnen mit den meisten Punkten ein direktes Ticket nach Tokio. Dass es dafür nicht reichen würde, sei ihr schon nach den ersten vier bis fünf Turnieren klar gewesen, so Jüttner. Ihre einzige Chance: ein Qualifikationsturnier in Paris im Juni, bei dem noch einmal drei Plätze vergeben wurden. "Das waren drei Jahre für einen Tag. Ich wusste, dass es nur an diesem Tag hängt", erzählt sie. Jüttner bereitete sich optimal vor, wurde Dritte und holte sich den begehrten Olympia-Platz. "Da war ich fertig mit der Welt und habe die ganze Zeit geheult."

2024 ist Karate nicht mehr dabei

Um drei Uhr in der Nacht auf Donnerstag erfüllt sich ihr olympischer Traum in der geschichtsträchtigen Kampfsporthalle Nippon Budokan, in der Abba und Bob Dylan einst schon spielten. Dass ausgerechnet im Heimatland des Karate die Zuschauer fehlen, damit hat sich Jüttner schon lange abgefunden: "Die Spiele hätten auch überall anders stattfinden können, weil wir nichts von Land und Leuten mitbekommen." Trotzdem ist sie dem Land dankbar, dass die Organisatoren ihren Sport zum ersten Mal mit ins Programm genommen haben - und ihr damit wohl die einmalige Chance geben, überhaupt jemals bei den Spielen anzutreten. In drei Jahren in Paris ist Karate schon nicht mehr dabei, das steht fest. Breakdancing wird es geben, neben Karate wurden auch Baseball und Softball wieder gestrichen. Auch 2028 in Los Angeles sieht es schlecht aus, wenngleich eine endgültige Entscheidung noch aussteht. Aber irgendwann sei "der Zug dann auch abgefahren", sagt die 28-Jährige. Dies wird wohl ihre einzige Olympia-Teilnahme sein, umso dringlicher will sie mit einer Medaille zurückkommen: "Wenn ich schon mal dabei bin, dann will ich's auch wissen." Angesichts der starken Konkurrenz käme das aber durchaus überraschend.

Mit einer Medaille gäbe es bestimmt auch wieder einen Karate-Artikel im Main-Echo - diesmal mit Jüttner als Protagonistin. Nur was wäre passiert, wenn in der Zeitung damals eine Anzeige für Tennis gestanden hätte? "Dann wäre ich jetzt ziemlich reich", vermutet Jüttner, schiebt aber gleich hinterher: "Also vielleicht. Kann natürlich auch sein, dass ich grottenschlecht gewesen wäre."

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