Süddeutsche Zeitung

Irlands Nationalmannschaft:Kämpfen ist out

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Sie müssen auf eine Containerladung Glück hoffen: Irlands Team ist in der WM-Qualifikation so gut wie gescheitert, gegen Deutschland hofft es aber noch auf eine winzige Chance. Den irischen Fußball plagt vor allem das Desinteresse der Premier League - Kampfgeist und Laufbereitschaft sind dort nicht mehr gefragt.

Von Raphael Honigstein, London

"GT" stand auf der Sporttasche von Noel King, als Irlands Interimstrainer am Montag im Trainingszentrum von Malahide erstmals vor die Journalisten trat. Die Ausrüstung und Initialen hat Vorgänger Giovanni Trapattoni hinterlassen, der Italiener war vor einem Monat nach der 0:1-Niederlage gegen Österreich in Wien gefeuert worden.

Für King gab der notorisch klamme irische Fußballverband (FAI) erstmal keinen eigenen Beutel in Auftrag. Der 57-Jährige, der zuvor die U21 trainiert hatte, ist nur so lange im Amt, bis eine Expertenkommission um den ehemaligen Liverpool-Mittefeldspieler und Nationalhelden Ray Houghton einen neuen Cheftrainer empfiehlt. Der Nordire Martin O'Neill wird als aussichtsreichster Kandidat gehandelt.

Bevor der Neubeginn nach dem zuletzt nicht mehr sehr wohl gelittenen Trapattoni-Regime wirklich anfängt, muss King zunächst aber die zwei letzten Spiele der enttäuschenden WM-Qualifikation abwickeln. Die "Boys in Green" haben nur noch eine winzige, hart an der Grenze zur Null notierte mathematische Chance auf den zweiten Platz. Kings Elf muss nicht nur in Köln gegen die DFB-Auswahl gewinnen, sondern auch auf einen Haufen unwahrscheinlicher Ergebnisse in den anderen Partien hoffen, unter anderem auf eine absurd hohe Niederlage der drittplatzierten Österreicher gegen die Faröer.

Eine ganze Containerladung des berühmten luck of the Irish (irisches Glück) wird da kaum ausreichen, auch wenn King sich außerordentlich optimistisch gab. "Wir haben ein Ziel, ein Streben: wir wollen versuchen, das Match (gegen Deutschland) zu gewinnen", sagte er, "es geht hier nicht um Stolz."

King, der als Profi bis auf sieben Spiele für Valenciennes in Frankreich nur in der unterklassigen irischen Liga beschäftigt war, hat es immerhin schon geschafft, das Klima im Lager positiv zu verändern. Er deutete eine Abkehr von Trapattonis starrem, ganz der Defensive verschriebenen 4-4-2-System an und verriet, dass die Spieler die Veränderung voll unterstützten. King wird in Köln eine 4-5-1-Formation aufbieten, die bei Ballbesitz zu einem mutigen 4-3-3 werden soll. Sein Irland soll klug verteidigen, aber eben auch leidenschaftlich kontern. Wichtiger als diese taktische Maßnahme ist jedoch die Rückkehr von Andy Reid (Nottingham Forest), Darron Gibson (FC Everton) und Anthony Stokes (Celtic).

Starkes Qualitätsgefälle

Das Trio hatte die letzten Tage des Trap-Regimes in der "internationalen Wildnis" (Irish Echo) erlebt, der 74-Jährige hatte die drei aus unterschiedlichen, und nicht immer nachvollziehbaren Gründen nicht mehr berücksichtigt. Besonders der technisch begabte und schnelle Stokes, 25, dem Trapattoni wohl die Absage für ein Freundschaftsturnier im Mai 2011 übel genommen hatte, ist eine echte Verstärkung des insgesamt niveauarmen Kaders. Der Mittelfeldspieler überzeugte vor einer Woche bei Celtics 0:1-Niederlage gegen Barcelona als Gegenspieler von Sergio Busquets und wird am Freitag voraussichtlich in ähnlicher Funktion als Sonderbewacher für Mesut Özil zum Einsatz kommen.

Im Angriff muss der unverwüstliche Robbie Keane "die Furche alleine beackern", wie der Irish Independent (ohne Schlüpfrigkeit im Sinn) schreibt. Der 33-Jährige Stürmer von LA Galaxy ist und bleibt der einzige Ire von Weltrang, auch wenn er im November des vergangenen Jahres in einem Foto neben David Beckham und Komiker Russell Brand von US-Medien als "unidentifizierter Fan" bezeichnet wurde. Der Rest des Kaders reflektiert das große Strukturproblem: Die Premier League, einst der natürliche Arbeitsplatz für Talente von der grünen Insel, interessiert sich kaum noch für irische Spieler.

Die englischen Topklubs kaufen mit ihren Millionen lieber ballfertigere Stars vom Kontinent oder aus Südamerika ein; mit Werten wie Kampfgeist oder Laufbereitschaft können die Iren in der Regel nur noch bei Klubs am Tabellenende oder in der zweiten Liga reüssieren. Dazu kommt, dass es in der von der Eurokrise gebeutelten Heimat keine echte Profi-Liga gibt. "Man verdient dort ein paar hundert Euro im Monat", sagt Houghton, "wer vom Sport leben will, geht bei uns zum Gaelic Football oder Hurling." Irland ist anders als zum Beispiel die viel bewunderten Belgier ganz davon abhängig, dass seine Nachwuchskicker im Ausland, sprich: England oder Schottland gefördert werden.

Am stärksten kommt das momentane Qualitätsgefälle auf internationalem Niveau in der Abwehr zur Geltung. Sean St. Ledger vom englischen Zweitligisten Leicester City gilt in der Nationalelf als unverzichtbar, obwohl der 28-Jährige im Verein seit Anfang August kein Spiel bestritten hat. "Wir fahren nicht hin, um am Freitag zu verlieren oder Zweiter zu werden, wir wollen gewinnen", sagte St. Ledger. An den Sieg in Köln glaubt nach dem 1:6 im Hinspiel in Dublin vor zwölf Monaten zwar niemand ernsthaft.

Aber mit dem Gelassenheit und Zuversicht ausstrahlenden King als Anführer ist wenigstens ein Hauch von Fröhlichkeit zurückgekehrt, die Iren fühlen sich wieder wohl in ihrer Haut. "Er bringt Leben in die Kabine", sagte Seamus Coleman, der Rechtsverteidiger vom FC Everton. Das Malheur mit Traps alter Tasche wurde übrigens rechtzeitig vor dem Abflug nach Deutschland auch noch behoben; auf irische Art. Über dem "GT" prangt jetzt ein grüner Sticker, mit einem mit Filzstift aufgemalten "NK".

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Quelle:
SZ vom 10.10.2013/fued
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