Süddeutsche Zeitung

Meinung am Mittag: FC Bayern:Hoeneß muss endlich loslassen

Er hat das Gefühl für Stimmungen verloren - sein Teil-Rückzug erspart Uli Hoeneß erst mal eine kritische Mitgliederversammlung. Seine letzte große Aufgabe wird es von nun an sein, den Klub sauber zu übergeben.

Es gibt sie noch, die Ulianer, die Anhänger von Uli Hoeneß, die ihrem Präsidenten bedingungslos folgen und für die die Namen "Uli Hoeneß" und "FC Bayern" synonym zu verwenden sind. Als Hoeneß am Mittwoch vor der Bayerischen Staatskanzlei mit der Mannschaft auftrat, weil Ministerpräsident Markus Söder den FC Bayern für das Double ehrte, da besangen ihn die Fans als besten Mann. Einige Ulianer haben Aufkleber machen lassen und in München verteilt, man sieht darauf Hoeneß, wie er ein Schiff mit dem Wappen des FC Bayern verlässt. Das Bild erinnert an die berühmte Bismarck-Karikatur "Der Lotse geht von Bord". Zu diesem Sticker gibt es im Internet auch einen Text: "Als das letzte Mal in Deutschland der Lotse von Bord ging, folgte ein kurzes Jahrhundert, ein Zeitalter der Extreme. Das darf uns nicht passieren. Uli Hoeneß muss bleiben! Er ist Motor und Seele des Vereins."

Wenn Uli Hoeneß an diesem Donnerstag dem Aufsichtsrat des FC Bayern mitteilt, dass er seine Posten als Chef des Gremiums und als Präsident aufgeben wird, dann geht er als Gefeierter. Allerdings: Die Leute bejubeln ihn auch deswegen, weil er eingesehen hat, dass es an der Zeit ist zu gehen. Sein Rücktritt ist aus vielen Gründen richtig - und so, wie er ihn vollzieht, ist er aus Hoeneß' Sicht sogar clever. Denn der Lotse geht nicht wirklich von Bord, er könnte am Ende sogar mehr Einfluss haben als vorher.

Aber vielleicht zunächst zum wichtigsten Grund für den Rücktritt: Der Bauchmensch Hoeneß hat sein Gefühl für Stimmungen verloren. Seit er aus der Haft wegen Steuerhinterziehung zurück ist, hat er mehrere unglückliche Auftritte hingelegt. In einem Interview mit dem eigenen Vereinsmagazin sagte Hoeneß, Klartext sei in der heutigen Zeit offenbar nicht mehr erwünscht. Aber da irrt er. Er trifft einfach den Ton nicht mehr. Im Herbst 2018 berief er zusammen mit Karl-Heinz Rummenigge eine Pressekonferenz ein, um die Mannschaft gegen Kritik zu verteidigen. Dort beschimpfte Hoeneß den Ex-Spieler Juan Bernat. Bernat hat nie eine große Rolle beim FC Bayern gespielt, aber einen eigenen Spieler anzugreifen, das missfiel vielen Fans. Auf der Jahreshauptversammlung ein paar Wochen später kritisierte ihn ein Mitglied dafür - aber auch wegen anderer Dinge, wie dem Sponsoring durch Katar oder den Umgang mit Paul Breitner. Hoeneß ging auf die Kritik nicht ein, Mitglieder pfiffen ihn aus. Und in einer Talkshow im Frühjahr 2019 macht er sich mit dem Satz "Wenn Sie wüssten, was wir schon alles sicher haben" zur Transferpolitik lächerlich.

Schon im vergangenen Herbst sagte Bernd Hofmann, Vorsitzender des größten FC-Bayern-Fanklubs aus Nabburg/Oberpfalz, dass sein Fanklub in der Frage, ob Hoeneß weitermachen solle, gespalten sei. Viele fänden, es sei Zeit für einen Wechsel. Auf der Mitgliederversammlung in diesem Herbst müsste sich Hoeneß zur Wiederwahl stellen - und er wäre wiedergewählt worden, keine Frage. Aber nicht mehr mit 99 Prozent wie in der Vergangenheit. Wie viele gegen ihn gestimmt hätten? Hoeneß fürchtete, dass es zu viele gewesen wären, er kennt nur ganz oder gar nicht. Ein FC Bayern, der nicht komplett hinter ihm steht, ist nicht mehr sein FC Bayern.

Statt diesen Denkzettel einzustecken, verwandelt Hoeneß nun gekonnt seinen Rücktritt in eine große Abschiedsvorstellung mit Tränen, Jubel, Huldigungen. Dabei - und das ist der Clou - geht er ja gar nicht wirklich. Seinen Sitz im Aufsichtsrat behält er, seine Nachfolge als Präsident und Aufsichtsratschef wird der Ex-Adidas-Chef Herbert Hainer übernehmen, ein Freund von Hoeneß. Den Vorstandsvorsitz des FC Bayern wird nach dem Abschied von Karl-Heinz Rummenigge spätestens am 31. Dezember 2021 Oliver Kahn vollständig übernehmen, auch ein Hoeneß-Kandidat, nachdem es zwischen Hoeneß und Rummenigge öfters Unstimmigkeiten gab. Nicht nur Edmund Stoiber vermutet, dass die "Zwistigkeiten mit Kalle" ein Grund für Hoeneß' Schritt seien.

Wenn Karl-Heinz Rummenigge in zwei Jahren weg ist, wird aller Voraussicht nach einer noch da sein: Uli Hoeneß. Strategisch mag das geschickt sein, um weiter Einfluss zu haben, aber Hoeneß muss einsehen, dass ein Abschied letztendlich auch Abschied bedeutet. Die Mitglieder des FC Bayern haben ihm seine Steuerhinterziehung verziehen, sie erkennen seine Lebensleistung an. Für die endgültige rot-weiße Heiligsprechung muss er nur noch den Klub sauber übergeben. Das wird seine letzte große Aufgabe sein.

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