Süddeutsche Zeitung

Hertha BSC:Na dann Prost!

Investor Lars Windhorst bekennt sich zum Frusttrinken, Manager Fredi Bobic zürnt, Stürmer Davie Selke bittet um Vergebung, doch Hertha-Trainer Pal Dardai ist entspannt: "Ich habe gut geschlafen", sagt er nach dem 0:6 in Leipzig.

Von Javier Cáceres, Leipzig/Berlin

Man sollte sich wohl endgültig von dem Gedanken trennen, dass sich die Leidenschaft des Investors Lars Windhorst für Hertha BSC in Grenzen bewegt. Die Mimikry schreitet voran: Windhorst entwickelt die gleichen Verhaltensmuster wie jene Fans, die schon seit Jahrzehnten blau-weiße Träume hegen.

Am Samstag geriet Hertha bei RB Leipzig mit 0:6 unter die Räder, so deutlich also, dass Stürmer Davie Selke rasch einen "Tag zum Vergessen" ausrief. Wie sich herausstellte, bedurfte Windhorst einer solchen Aufforderung nicht. In einer geschlossenen Facebook-Gruppe von Hertha-Fans bekannte er sich zur äthylgetriebenen Verdrängung der bitteren Realität. "Wow! Bin etwas geschockt grad und brauche gleich einen Drink ...", schrieb Windhorst. Welches Gebräu auch immer er sich gönnte, es dürfte von besserer Qualität gewesen sein als jedes Fassbier, das seine Hertha-Kumpanen in den Kneipen von Berlin-Wedding orderten. Denn Windhorst gastierte auf der Jacht des Fürsten Albert von Monaco, als die Hertha wieder mal baden ging.

Die desaströse Pleite bei den Leipzigern war weder die erste Niederlage noch das erste Debakel der Saison: Vier Wochen vor dem 0:6 vom Samstag hatte Hertha 0:5 beim FC Bayern verloren. Beiden Spielen war aber etwas gemein, was mit Ernüchterung unzureichend beschrieben wäre. Denn Hertha war nicht mal annähernd auf Wettbewerbshöhe.

"Wir müssen uns bei unseren Fans entschuldigen. So einen Auftritt möchte ich in der Form nicht mehr sehen", grollte am Samstag Manager Fredi Bobic vor den TV-Kameras. Dardai hingegen nahm seine Jungs demonstrativ in Schutz. "Mich hat keiner enttäuscht", erklärte er noch in Leipzig, was wohl, wenn es in Realzeit zu den Ohren von Windhorst vorgedrungen wäre, dazu geführt hätte, dass der Investor an der Bar nicht ein Glas bestellt hätte. Sondern gleich die ganze Flasche.

374 Millionen Euro hat Windhorst in gut zwei Jahren in die Hertha gepumpt, und auch wenn das in der Fußballwelt kein Betrag ist, mit dem man von heute auf morgen zum Champions-League-Sieger wird, so bleibt es: viel Geld. Der Abstand Herthas zu den Großen der Branche aber ist in dieser Zeit nicht kleiner geworden. Sondern größer. 18 Gegentore hat die Hertha in dieser Saison kassiert, wobei es den Gegnern nicht immer so einfach fiel wie diesmal den Leipzigern. Sie kamen durch Christopher Nkunku (16./70.), Yussuf Poulsen (23.), Nordi Mukiele (45.+3), Emil Forsberg und Haidara (77.) zu einem Sieg, der noch weit höher hätte ausfallen können. Das Gute, aus Dardais Sicht jedenfalls: Es gab nichts, worüber man hätte hadern können, keine unglücklichen Begebenheiten luden zu den sonst oft bemühten Konjunktiven ein, so dass Dardai ganz ohne Schäfchenzählen, Yoga Nidra oder Schlummertrunk eindösen konnte: "Ich habe gut geschlafen", versicherte der beneidenswert entspannt wirkende Ungar, als er sich am Sonntag den Journalisten stellte.

Und überhaupt: "Ich bin mit guter Laune und voller Elan in die Kabine gekommen und habe mir nichts anmerken lassen, was gestern geschehen ist." Dass er nicht einmal am Strand beim Futvoley verlieren könne, das musste er fast schon betonen, ebenso, dass die hohen Niederlagen "ein Weckruf" gewesen seien und wehgetan hätten. Aber hey, "grob gerechnet" sei man "vielleicht einen Punkt im Minus", rechnete Dardai vor. "Wir haben unsere Qualität, da habe ich ein Riesenvertrauen und Fantasie." Nur hat man weder das eine noch das andere gesehen. Und die Kaderqualität wirkt karger als vor einem Jahr.

Ausreden möchte Dardai nicht öffentlich präsentieren. Als verbürgt aber darf gelten, dass er die Integration neuer Spieler als mühsamer ansieht als gedacht. Taktisch und personell hat er oft improvisiert, eine Reihe von Spielern sind verletzt oder nicht fit genug. An Herthas Trainingsplatz heißt es, in Leipzig seien aus Mangel an Alternativen Spieler aufgelaufen, die zuvor über zwickende Muskeln geklagt hatten. Das kann bei einigen Zugängen kaum verwundern, Hertha ging sehenden Auges Risiken ein: Stevan Jovetic, Kevin Prince Boateng und auch Myziane Maolida haben lange Verletzungshistorien hinter sich. Auch er höre Fragen, "was ist mit eurem Fitness-Coach", sagte Dardai - und wischte sie weg. Man arbeite professionell nach den neuesten Methoden der Sportwissenschaft.

Auch solche Einlassungen intensivieren den Blick auf den Trainer. Zumal Manager Fredi Bobic bemängelte, dass nicht ein Spieler an seine Leistungsgrenze gekommen sei, und damit einen Dissens mit Dardai offenbarte. Der Coach nämlich beteuerte, von keinem Akteur enttäuscht gewesen zu sein. Am Sonntag warf er nur den defensiven Mittelfeldspielern vor, ihre Positionen in entscheidenden Momenten verlassen zu haben - und nahm so die mitunter desolat agierenden Innenverteidiger aus der Schusslinie. Kapitän Niklas Stark, den teuren Lucas Tousart und - Sohn Marton Dardai.

Das stärkste Pfund, mit dem Dardai zurzeit wuchern kann, ist die Unterstützung aus dem Teamkreis. "Fangt mir bloß nicht an mit einer Trainerdiskussion. Wir stehen hinterm Trainerteam", sagte Stürmer Davie Selke. Aber Selke hin oder her: Die Diskussion ist längst da. In den Medien werden Namen wie Florian Kohfeldt (zuletzt Bremen) und Edin Terzic (BVB) diskutiert, sie stehen nicht zur Verfügung. Die Zahl überzeugender Alternativen, zu denen wohl Domenico Tedesco zählen würde, halten sich in Grenzen. Aber der ist ein früherer Schalker, und mit Schalkern haben sie es im Wedding nicht so. Die Konsequenz: Auch diesmal wird Dardai den "Reset-Knopf drücken", wieder einmal, kommenden Samstag kommt der SC Freiburg. Das Gute, aus Dardais Sicht: Die Lage ist nicht neu. "Wir haben die gleiche Situation wie nach dem Bayern-Spiel. Wir kennen die Methode, wie wir die Mannschaft wieder aufbauen", beteuerte Dardai. Na denn Prost.

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