Süddeutsche Zeitung

Goalball:Vor der Tagesschau

Goalball hatte eher im Ausland ein Fachpublikum. Nun sind die deutschen Männer in Rostock Europameister geworden - und Millionen sahen die Fernsehbilder.

Was es bedeutet, ein Europameister zu sein, hat Thomas Steiger so richtig erst zwei Tage später im Taxi in Nürnberg gemerkt. Der Fahrer, so erzählt er es, habe ihn erkannt, er outete sich beinahe als eine Art Fan. Jedenfalls war ihm der Fahrgast in der Sportschau im Trikot der Nationalmannschaft bei der EM im eigenen Land aufgefallen. "Ich habe die Sportart zum ersten Mal gesehen" - diesen Satz, bewundernd gemeint, hat Steiger in den vergangenen Tagen oft gehört oder gelesen. Seine Facebook-App traute er sich vor lauter Nachrichten zwischenzeitlich nicht mehr zu öffnen. Er sagt es mit großer Freude in der Stimme.

Thomas Steiger, 23, aus Ellwangen spielt Goalball, die seit 1976 paralympische, weltweit beliebteste Sportart für Menschen mit Sehbehinderung. Drei Spieler pro Team stehen sich auf einem neun mal 18 Meter großen Spielfeld gegenüber und versuchen einen klingelnden Ball in das gegnerische, grundlinienbreite Tor zu schleudern. Man muss sich das Spiel wie eine Mischung aus Kegeln, Handball und Schiffe versenken vorstellen: Kegeln, weil das der Ausholbewegung der Spieler am nächsten kommt, obwohl man den Ball noch besser als eine Kugel anschneiden kann; Handball, weil es natürlich viel athletischer und temporeicher zugeht als beim Kegelabend; Schiffe versenken, weil der Angreifer hören oder erahnen muss, wo sich die Gegner zur Verteidigung positioniert haben. Alle Spieler tragen zur Chancengleichheit lichtundurchlässige Brillen.

In Brasilien, der Türkei oder Litauen haben Goalballer traditionell ein interessiertes Fachpublikum, in Deutschland bislang eher nicht. Die Bundesliga, in der Steiger für den BVSV Nürnberg spielt, gibt es seit 2013, sechs Teams machen mit. Ja, sagt er, die Leute hätten ihn auch schon hie und da mal angesprochen, nachdem er mit dem Nationalteam an den Paralympics in Rio de Janeiro teilgenommen hatte, Deutschland wurde Sechster. Im Regionalfernsehen kamen Beiträge mit ihm, einmal zeigte er zwei Fußballern des 1. FC Nürnberg seinen Sport, was für Steiger auch deshalb sehr schön war, weil er zu den leidensfähigen Menschen zählt, die den Club als Fan begleiten. Aber alles vorher da gewesene ist kaum vergleichbar mit den Tagen während und nach der Heim-EM. Steiger sagt: "Diese eine Woche hat einiges verändert."

"Wir wollen die beste Goalball-EM aller Zeiten auf die Beine stellen und neue Maßstäbe setzen", das hatte Nationalspieler Reno Tiede gesagt. Er ist so etwas wie der Pionier seines Sports in Deutschland, hat den Ligaverband gegründet, Teams und Sponsoren für die Bundesliga gesucht, und auch weil er für den GC Hansa in Rostock spielt, den er ebenfalls mitgegründet hat, fand die EM in seiner Heimat statt. Die deutschen Männer gewannen dann jedes Spiel. Die Zusammenfassung des Halbfinalsiegs gegen Titelverteidiger Litauen vor der Tagesschau sahen laut AGF und GfK 2,27 Millionen Zuschauer, in der Top-Ten der Einschaltquoten der ARD am Samstag Platz drei hinter "Verstehen Sie Spaß?" Nach dem Finalsieg gegen die Ukraine sagte Tiede im TV-Interview ergriffen: "Meine Stadt, mein Sport. Das war das Geilste in meinem Leben."

Auch für Thomas Steiger waren es Tage voller besonderer Erinnerungen, vier Tore hat er erzielt, aber er war vor allem auch in der Defensive wertvoll. Sein Beispiel zeigt im Kleinen, was so eine Veranstaltung bewirken kann, die den Sport ins Bewusstsein der Menschen rückt. Goalball spielt er seit sechs Jahren, er sei "irgendwie in die Branche reingerutscht". Er war Fußballer, bis seine Sehfähigkeit wegen einer angeborenen Netzhautdegeneration zu schwach wurde, sie ist inzwischen auf ein bis zwei Prozent bemessen, womit er vor dem Gesetz als blind gilt. Als ihm ein Bekannter Goalball als Alternative empfahl, war sein erster Eindruck: "Die saßen auf dem Boden und haben den Ball hin und her gekullert." Er war also nicht gerade angefixt.

Doch weil er ein ehrgeiziger Mensch sei, sagt er, versuchte er es trotzdem mal, und der zweite Eindruck war besser. Wenn er heute über seinen Sport spricht, klingt das so: "Mit 80 Kilometer pro Stunde vorn Latz, das ist Dynamik." Oder: "Es gibt Konter, das ist krass." Er findet Goalball jetzt besser als Fußball. Und es sagt viel über seine positive Haltung, wie er einen weiteren Vorzug beschreibt: "Du musst dich auf deine Mitspieler verlassen können." Kurze Pause für die Pointe. "Blind."

Steigers Talent blieb nicht lange verborgen, bereits 2013 nahm er mit der Nationalmannschaft an der EM teil. Er ist im aktuellen Sechser-Kader der Nationalmannschaft der einzige Goalballer aus Nürnberg. Der bislang einzige deutsche paralympische Goalball-Stützpunkt ist in Marburg, das Team der dortigen Blindenstudienanstalt ist Rekordmeister. Steiger absolviert in Nürnberg seine Ausbildung zum Physiotherapeuten, er will sich nicht beschweren über die Rahmenbedingungen für seinen Sport, keineswegs. Über mehr Zuschauer in Zukunft würde er sich aber natürlich freuen. Und einen konkreten Plan hat er dann schon, was der EM-Titel bewirken könnte: Gerade hat er mit seiner Klubmannschaft wegen komplizierter Hallenbelegungszeiten im Nürnberger Stadtteil Langwasser nur einmal die Woche Training, donnerstags von 18 bis 19 Uhr. Eine Stunde mehr, findet der Europameister, das wäre nicht zu viel verlangt.

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Quelle:
SZ vom 20.10.2019
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