Süddeutsche Zeitung

Fifa-Chefermittler Garcia:Rücktritt mit Attacke

Lesezeit: 2 min

Michael Garcia sorgt für das nächste Beben bei der Fifa. Der Chefermittler tritt zurück - und greift den Fußball-Weltverband an. Der Amerikaner beschreibt, wie frustriert und erschüttert er vom Umgang der Fifa mit ihrer eigenen Geschäftskultur ist.

Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner

Um kurz vor elf Uhr Ortszeit in New York verschickte das Büro des amerikanischen Anwaltes Michael Garcia eine Rundmail, die im Fußball-Weltverband (Fifa) am Mittwoch das nächste Beben auslöste. Bis zu diesem Zeitpunkt war der frühere US-Bundesanwalt als Chefermittler in der Fifa-Ethikkommission tätig; befasst war er zuletzt vor allem mit der Aufarbeitung der Korruptionsvorwürfe rund um die WM-Vergaben nach Russland (2018) und Katar (2022).

Doch nun, um kurz vor elf Uhr, erklärte Garcia in sehr geharnischtem Ton seinen Rücktritt. Weil es im Weltverband einen Führungsmangel gebe, weil sein Vertrauen in die Unabhängigkeit der rechtsprechenden Kammer verloren gegangen sei - und weil er alle Hoffnung auf den Willen zur Aufklärung in der Fifa aufgegeben habe. "Meine Rolle in diesem Prozess ist zu Ende", schreibt Garcia. Er ist der nächste, der aufgibt - erkennbar frustriert und erschüttert vom Umgang der Fifa mit ihrer eigenen Geschäftskultur.

Garcias Schritt ist der vorläufige Höhepunkt einer Auseinandersetzung, die sich über einen langen Zeitraum hochgeschaukelt hatte. Im Juli 2012, angesichts des wachsenden öffentlichen Drucks und der schon damals schwelenden Manipulationsthematik rund um die Vergabe nach Katar und Russland, nahm eine in zwei Kammern geteilte Ethikkommission die Arbeit auf. Garcia war für die Ermittlungen zuständig, der Münchner Richter Hans-Joachim Eckert leitete die rechtsprechende Kammer.

Garcia flog quer über den Globus, sprach mit vielen jener Fifa-Vorständen, die im Dezember 2010 die umstrittene WM-Vergaben vorgenommen hatten, er traf Szenekenner und Whistleblower und erhielt viel Material. All das bündelte er in einem 430 Seiten starken Dokument, das er Eckert übergab. Der veröffentlichte Mitte November eine Kurzfassung. Seine Kernthesen: Bei der Vergabe sei im Wesentlichen alles sauber zugegangen, gegen einzelne Personen solle es weitere Untersuchungen geben - und Fifa-Chef Sepp Blatter sei ein guter Reformer.

Garcia grätscht dazwischen

Noch bevor die Fifa das freundliche Urteil feiern konnte, grätschte Garcia dazwischen. Eckerts Stellungnahme sei "unvollständig und fehlerhaft" zürnte er - und ging dagegen per Einspruch bei der zuständigen Stelle vor. Bis Dienstag konnte Garcia zumindest hoffen, dass sich in dem Streit mit Eckert noch etwas tun würde, dann kam aus Zürich das Verdikt: Die Berufungskommission wies den Einspruch zurück. Der sei unzulässig, weil Eckerts Stellungnahme kein "Entscheid" gemäß des Ethikcodes sei - sondern eine freiwillig erteilte persönliche "Meinung". So flott variiert die Interpretation eines Dokumentes in der Welt der Fifa: Noch unmittelbar nach Veröffentlichung des Eckert-Papiers hatte Sepp Blatter mit Hinweis auf selbiges erklärt, die Ermittlungen zu Russland/Katar seien nun abgeschlossen. Vier Wochen später heißt es nun plötzlich, dass Eckerts Stellungnahme gar kein richtiger Beschluss sei.

Vieles angesprochen, aber nicht bekannt?

Garcia wundert sich über diese Deutung, zumal gemäß Fifa-Regelwerk nur "endgültige Entscheidungen" in der Form veröffentlicht würden, wie das ja mit dem Eckert-Papier geschah. Überdies verweist er darauf, dass Eckert selbst festgehalten habe, dass die Evaluierung der Vergabe 2018/2022 "abgeschlossen" sei. Garcias Schritt nährt zudem den Verdacht, dass in seinem Bericht viele heikle Vorgänge angesprochen wurden, die noch nicht bekannt sind.

So wollte er sich etwa rückblickend mit der deutschen WM-Bewerbung für 2006 befasst haben. Und dass er in seiner Rücktrittsnote am Mittwoch ausdrücklich auch "Hinzufügungen" rügt, die Eckert vorgenommen habe, deutet auf jene Passage in der Zusammenfassung hin, die eine besondere Belobigung der Arbeit Blatters und eine Darstellung seiner angeblichen Abhängigkeit von anderen Funktionären enthält.

"Keine unabhängige Regierungskommission, kein Ermittler und kein Schiedsgericht kann die Kultur einer Organisation ändern", schreibt Garcia.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2272588
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 18.12.2014
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.