Süddeutsche Zeitung

FC Bayern:Niko Kovac und der trojanische Maulwurf

  • Mit dem Champions-League-Spiel gegen AEK Athen und dem Bundesliga-Duell gegen Borussia Dortmund steht dem FC Bayern eine schwierige Woche bevor.
  • Öffentlicher Rückhalt vom Verein für Trainer Niko Kovac war zuletzt nicht zu vernehmen.
  • Das Problem ist offenbar: Aus der Chefetage führt keiner den Coach, der die anspruchsvollen Charaktere im Team deshalb seinerseits nur schwer führen kann, weshalb das Team sich auch nicht selbst führt.

Der Bart ist ab! Niko Kovac, 47, sitzt vor dem Champions-League-Spiel gegen AEK Athen auf dem Pressepodium in der Arena, und bestimmt nimmt er es gerne in Kauf, dass er folgenden Eindruck hinterlässt: Jung schaut er wieder aus, frisch schaut er wieder aus, und er wirkt doch optimistisch, oder? Gut auch, dass der Korsarenbart offenbar aus freien Stücken abgenommen wurde und keinesfalls aufgrund irgendeines Instagram-Posts irgendeiner Spielerfrau. Ob Kovac mit der Rasur auch auf die öffentliche Meinung reagiert hat, hat er nicht gesagt, aber es ist ihm natürlich aufgefallen: dass die Leute sein Gesicht zuletzt als Krisengesicht wahrgenommen haben und dass sie das ehrenwerte Grau in seinem Bart nicht als ehrenwertes Grau in seinem Bart gewertet haben, sondern als Ausdruck tieferer Sorge.

Okay, Niko Kovac ist also recht optimistisch da rumgesessen am Dienstag, mit seinem Beste- Laune-Gesicht. Der Erfolg dieser Maßnahmen war allerdings nur, dass gleich der erste Fragesteller sinngemäß wissen wollte, ob es sein könne, dass Kovac gerade in seine letzte Woche als Bayern-Trainer gehe. Innerlich dürfte dem Trainer in diesem Moment ein sehr grauer Bart gewachsen sein, äußerlich blieb er lässig und sagte: "Das ist aber eine harte Frage." Und dann sagte er sinngemäß, dass er sich nur mit dem Spiel gegen Athen beschäftige.

Die Bayern spielen am Mittwoch also gegen Athen und am Samstag bei Borussia Dortmund, wo im Falle einer Niederlage ein Sieben-Punkte-Rückstand droht. Es spielen aber nicht nur die Bayern gegen Athen und Dortmund, auch Kovac spielt gegen sie. Zwar hat der Präsident Uli Hoeneß vor ein paar Wochen gesagt, er werde den Trainer "wie eine Eins" und "bis aufs Blut" verteidigen; aber erstens ist das wie gesagt ein paar Wochen her, und zweitens hat man von dieser Verteidigung bisher nicht viel mitbekommen. Gut, die Bayern haben diese legendäre Auf-die-Fressekonferenz veranstaltet, zu der sie alle Reporter eingeladen haben, obwohl sie eigentlich nur dem Springer-Verlag den Kampf ansagen wollten. Diese Veranstaltung könnte mit gutem Willen als Unterstützung für den Coach interpretiert werden, weil da eine klassische Wir-da-drin-ihr-da-draußen-Wagenburg errichtet wurde und Kovac immer noch zu denen da drinnen gehört.

Aber irgendein konkreter Satz zuletzt, der den Trainer stützt? Keiner erinnerlich.

Die Unterstützung der Bosse sei "intern absolut da", hat Kovac am Dienstag gesagt, "wir tauschen uns regelmäßig aus". Ob das auch öffentlich "gemacht werden soll oder muss", ergänzte der Trainer, darüber könne man diskutieren - ein schüchterner Nachsatz, der darauf schließen lässt, dass Kovac sich gegen öffentlichen Rückhalt nicht sehr wehren würde. "Es ist wie in der Familie auch: Wenn sie zusammenhält, ist es leicht, wenn nicht, geht sie auseinander", sagte er dann noch und meinte damit gewiss auch seine Spieler: "Wir müssen zusehen, dass wir keine Luft ranlassen."

So weit war alles irgendwie interpretierbar, was der bartlose Trainer da sagte. Aber dann kam dieser eine Satz. Kovac sagte: "In der Geschichte gab es genug Beispiele, ob es Troja war, ob es Cäsar war. Wir müssen zusammenhalten, vom Zeugwart bis zum Trainer."

Was der Trainer damit sagen wollte? Ging es in seinem Vergleich um Verrat? Ging es um untergegangene Weltreiche, und darum, dass der FC Bayern auch eines ist? Oder verfügt Kovac über Erkenntnisse, wonach Cäsar einen Zeugwart beschäftigte, der ihm die Stollen reinschraubte?

Der "Lolli" sei "jetzt mal ausgelutscht"

Kovac hat das nicht mehr erklärt, aber dieser Satz zeigt seine Lage ganz gut. Man hat das Gefühl, der Trainer kann gerade nicht viel richtig machen. Gibt er seine Aufstellung intern früh bekannt, muss er damit rechnen, dass ein Maulwurf sie nach draußen trägt. Folgt er angeblichen Ratschlägen und hält sie bis zum Spieltag zurück, kann es passieren, dass Spieler wie Ribéry pikiert sind, weil ihnen niemand vorher gesagt hat, dass sie draußen sind.

Der "Lolli" sei "so langsam ausgelutscht", sagte Kovac, als es am Dienstag wieder um die Rotation ging. Verständlich, dass der Trainer versucht, dieses Thema klein zu halten, denn mit diesem Thema lässt sich die komplexe Krisenlage des Vereins am besten bebildern. Die Rotation hat in München immer dann funktioniert, wenn sie auf Basis einer bestehenden Hierarchie zum Einsatz kam; wenn der Trainer also früh seine vier, fünf Führungsspieler definierte, die dann genau wussten, dass ein Bankaufenthalt nur eine Erfrischungspause ist. Aktuell aber weiß kein Ribéry, kein Robben, kein Hummels, kein Boateng und kein Müller, was das bedeutet, wenn sie draußen sitzen: Ist das noch Rotation, oder ist das schon Misstrauen? Schont der Coach mich, oder steht der nicht auf mich?

Tatsächlich hat es Kovac bisher versäumt, seiner Elf fußballerisch und hierarchisch eine klare Struktur zu verpassen, aber es hat ihm auch keiner geholfen dabei. Kovac ist neu in München und neu auf dieser großen Bühne, und auch ein Trainer muss geführt werden. Von Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge ist nicht bekannt, dass sie häufiger in der Kabine auftauchen, und der kraft Amtes für die Führung des Trainers zuständige Sportdirektor Hasan Salihamidzic fiel zuletzt nur auf, als ihm Rummenigge in der legendären Pressekonferenz das Wort abschnitt.

Das ist offenbar das Problem: Von oben führt keiner den Coach, der die anspruchsvollen Charaktere im Team deshalb seinerseits nur schwer führen kann, weshalb das Team sich auch nicht selbst führt - unterlassene Hilfeleistung auf allen Ebenen.

Dem anspruchsvollen Arjen Robben, immerhin, wird Kovac nicht erklären müssen, warum er gegen Athen nicht spielt, er fällt wegen einer Blockade im Knie aus. Der Einsatz des anspruchsvollen Kolumbianers James (Wadenprobleme) ist fraglich.

Was mit Niko Kovac passiert, sollte er in Dortmund krachend verlieren? Diese Frage beantwortet natürlich keiner, aber sieben Punkte Rückstand lassen sich die Bayern nicht gerne von jemandem gefallen, auch nicht von ihrem eigenen Trainer.

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Quelle:
SZ vom 07.11.2018/ska
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