Süddeutsche Zeitung

Fans in Wembley:Jeder schreit für vier

Nur 22 500 Zuschauer im Wembley-Stadion gestattet? Die allein rund 20 000 Schotten in der Londoner Innenstadt haben für diese missliche Lage eine kreative Lösung.

Von Michael Neudecker, London

Irgendwann wurde am Trafalgar Square auch noch Diego Maradona besungen, der Kontext war nicht gänzlich zu verstehen, verschluckt von der berauschten Glückseligkeit der schottischen Fans, aber es war ein ausgesprochen fröhliches Lied. Diego Maradona hat 1986 die Engländer im WM-Viertelfinale praktisch alleine besiegt, er hat beide Tore geschossen, das eine wurde berühmt, weil er es mit der von ihm so genannten "Hand Gottes" erzielte, das andere, weil er die halbe englische Mannschaft mit einem auch heute noch unfassbaren Sololauf aussehen ließ wie Kreisklassekicker. Kein schöner Moment für England und daher ein guter Grund für Schottland, ihn zu feiern, auch heute noch, wenn sich die Gelegenheit bietet. Die Gelegenheit war am Freitagabend günstig wie lange nicht mehr.

Fußballfans sind objektiv betrachtet nicht die Bevölkerungsgruppe, die am meisten zu leiden hatte unter den Folgen der Pandemie, andererseits sind Fußballfans gerade in Großbritannien eine recht große Bevölkerungsgruppe, eine überaus begeisterungs- und leidensfähige zudem. Wie sehr, war gut zu sehen und hören am Freitag. In London durften zwar immerhin 22 500 Zuschauer ins Wembley-Stadion, eine Menschenmenge, die einem nach Monaten des Lockdowns durchaus seltsam vorkommt, aber das ist doch nur ein Viertel der 90 000, die in normalen Zeiten zugelassen sind. Die anwesenden Engländer und Schotten hatten für diese missliche Differenz eine kreative Lösung: Jeder von ihnen schrie für vier.

Schon am Donnerstag waren viele Schotten in London angekommen, die Rede war von 20 000, sie versammelten sich am Bahnhof King's Cross, am Leicester Square (wo am Freitag zwei Fans festgesetzt wurden, insgesamt sprach die Polizei am Abend von 18 Festnahmen), und auch am Trafalgar Square. Vor allem dort bereiten sich die Schotten vor, wenn ihre Nationalmannschaft in London spielt, singend, hüpfend, Bierduschen versprühend. Die Zeitungen erinnerten am Freitag auch noch mal an jene Szenen 1975, als die Schotten im Brunnen badeten, ehe ihre Fußballer 1:5 verloren.

"Football's coming home" - oder doch "Scotland's going home"?

Das letzte Mal traten die beiden Nachbarn vor 25 Jahren in einem größeren Spiel gegeneinander an, bei der EM 1996 war das. England gehört nun bei der EM zu den Mannschaften, denen der Titel zuzutrauen ist, Schottland ist erstmals seit 23 Jahren wieder für ein größeres Turnier qualifiziert. "Battle of Britain", so nannten die britischen Medien dieses Spiel trotzdem, das ist Teil der üblichen Folklore, für die insbesondere die britischen Boulevardmedien eine gewisse Vorliebe haben.

Das Walross Wally schaffte es am Freitag gar auf die Titelseite der Sun, mit der im Grunde bewundernswerten Schlagzeile "Footwal's coming home"; Wally ist ein von Tierschützern beobachtetes Walross, das zuletzt in den Gewässern Frankreichs abgetaucht war und jetzt, ausgerechnet jetzt!, nach Großbritannien zurückkehrte.

"Football's coming home", sangen die englischen Fans, am Trafalgar Square, in der U-Bahn, bei jeder Gelegenheit, manchmal sangen sie auch "Scotland's going home", aber im Stadion war zumindest davon nichts mehr zu hören. Schottland kämpfte, hatte Chancen, immer wieder nach vorne geschrien von den Fans, sie feierten das 0:0 wie einen Sieg. Das Rot der Stadionsitze war die dominante Farbe an diesem Abend in Wembley, aber die Fans, Engländer wie Schotten, waren Schuld, dass es oft wie eine optische Täuschung wirkte.

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