Süddeutsche Zeitung

Eisschnelllauf:Eskalation der Eiskrise

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Ein offener Brief sorgt für Aufregung: Kurz vor der EM kündigt der deutsche Verbandspräsident Große einem Sprinter-Quartett Konsequenzen an. Die Verwerfungen rufen auch die Politik auf den Plan.

Von Barbara Klimke, München

Die besten deutschen Eissprinter prangern offen Missstände in der Verbandsspitze an, Präsident Matthias Große droht ihnen mit Konsequenzen. Wenige Tage bevor in Heerenveen der Startschuss zur Europameisterschaft fällt, sind die Fronten in der Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft (DESG) derart verhärtet, dass die Athleten von einem "Einschüchterungsversuch" sprechen.

Die Sprint-Nationalmannschaft um den Olympialäufer Joel Dufter sieht sich von der Verbandsspitze im Stich gelassen. Die Athleten sind ohne ihren langjährigen Bundestrainer Danny Leger nach Heerenveen zum ersten internationalen Wettkampf seit Monaten gereist, weil die DESG von einer Vertragsverlängerung mit dem Coach über das Jahresende hinaus abgesehen hat. Über die Gründe fühlen sich die Athleten trotz mehrmaliger Nachfrage bis heute nicht informiert, ebenso wenig über ihre sportliche Zukunft im Verband. In ungewohnt offener Kritik hat ein Athleten-Quartett daraufhin Personalentscheidungen und fehlende Transparenz bemängelt. Es werde "nicht im Sinne der Sportler", sondern nach Eigeninteressen entschieden, heißt es in dem am Montag von Dufter sowie Jeremias Marx, Hendrik Dombek und Stefan Emele unterzeichneten Brief: "Persönliche Differenzen und Machtbestrebungen Einzelner stehen über allem."

Daraufhin, so berichtete Dombek, 23, am Telefon, habe der Teamleiter der DESG in Heerenveen, Helge Jasch, der auch als kommissarischer Cheftrainer fungiert, dem Quartett von Präsident Große mündlich ausrichten lassen, dass dieses Verhalten "verbandsschädigend" sei; schriftlich hätten sie die Aussage nicht erhalten. Die Sportler, so Dombek, müssten dies als "Drohung und Einschüchterungsversuch" werten. Präsident Große teilte am Donnerstag auf Anfrage mit: "Diese Art und Weise wird Konsequenzen haben", das Präsidium werde "adäquat der Satzung" reagieren.

Aus Sicht der Athleten ist ihr Vorgehen auch deshalb gerechtfertigt, weil sie "keinen anderen Ausweg mehr gesehen haben, als sich an die Öffentlichkeit zu wenden, wenn der Verband uns nicht zuhört", wie Dufter, 25, erklärt. Den Inzeller Sprinter trifft die abrupte Verabschiedung des Trainers Danny Leger besonders hart, weil er im vorolympischen Jahr jenen Fachmann und Betreuer verliert, mit dem er zehn Jahre lang zusammengearbeitet hat.

Schatzmeisterin Wunderlich tritt nach vier Monaten zurück, wegen unterschiedlichen Vorstellungen über die Führung eines Verbands

Zusätzlich wird die Verunsicherung der Athleten durch den Kahlschlag verstärkt, den die DESG unter ihrem neuen, seit September im Amt befindlichen Präsidenten Große erlebt. Bereits Anfang Dezember hatte die frühere Weltmeisterin Jenny Wolf als Bundestrainerin aufgegeben. Zehn Stellen sind derzeit auf der Homepage der DESG ausgeschrieben. Am Mittwoch wurde auch noch der Rücktritt von Schatzmeisterin Marina Wunderlich bekanntgegeben, die sich bereits am 28. Dezember entschlossen hatte, ihr Ehrenamt mit sofortiger Wirkung niederzulegen.

Wunderlich, erst im September ins vierköpfige Präsidium gewählt, hat sich in einem Schreiben an ihre Vereinsabteilung im Berliner TSC gewandt, das der SZ vorliegt; darin heißt es: "Meine Bemühungen, auf der Grundlage der Satzung und deren Ordnungen meiner Verantwortung als Schatzmeisterin gerecht zu werden, haben nicht gefruchtet. Es gibt augenscheinlich ein unterschiedliches Verständnis zur Führung eines Verbandes als eingetragener Verein." Ein bereits am 14. Dezember "dringlich erbetenes persönliches Gespräch" mit Große sei nicht zustande gekommen.

Als Nachfolger im Präsidium wurde der Berliner Anwalt Frank Rohrlack ernannt. Zu anderen Personalien wie auch dem sportlichen Konzept des Eisschnelllaufverbands will sich Große erst am 22. Januar äußern.

Der frostige Ton im Verband erregt mittlerweile auch in der Politik Besorgnis, wie Mahmut Özdemir, SPD-Obmann im Sportausschuss, der Nachrichtenagentur SID bestätigte. Weder das Bundesinnenministerium noch der Sportausschuss wüssten, weshalb Große "viele angesehene Trainer und Funktionäre der DESG entlässt, ohne für adäquate Nachfolge zu sorgen", sagte Özdemir. Das sei "definitiv nicht im Interesse der Athleten oder des Verbandes".

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