Süddeutsche Zeitung

Fußball-Nationalspielerin Linda Dallmann:Expertin für spielerische Lösungen

Gegen Frankreich will Bundestrainerin Voss-Tecklenburg mit Blick auf die EM 2022 sehen, wer als alternative Leistungsträgerin in Frage kommt. Linda Dallmann sticht hierbei mit einer besonderen Fähigkeit heraus.

Von Anna Dreher

Linda Dallmann blickte nervös in die Runde bei ihrer ersten Pressekonferenz als Nationalspielerin. Aber die Aufgeregtheit verflog bald. Mit jedem Satz wurde Dallmann lockerer und erzählte ganz offen von ihren Eindrücken wie den ersten Begegnungen mit Dzsenifer Marozsán. "Ich bin der größte Marozsán-Fan. Als ich neu in die Mannschaft gekommen bin, habe ich mich gar nicht getraut, sie anzusprechen", sagte Dallmann und schaute verlegen. 2017 war sie in den EM-Kader berufen worden - und wurde so zur Teamkollegin der mehrmaligen Champions-League-Siegerin.

Inzwischen hat Dallmann 33 Länderspiele absolviert und sich zu einer etablierten Nationalspielerin entwickelt, die längst selbstverständlich nominiert wird. Ihr Problem ist in gewisser Weise aber nun, dass sie im gleichen Kader mit Marozsán steht. Die hochbegabte Technikerin von Olympique Lyon ist nicht nur eines von Dallmanns Idolen, sie spielt auch noch im Mittelfeld - wie Dallmann. Dort, wo sich auch Champions-League-Finalistin Melanie Leupolz (Chelsea FCW), Sara Däbritz, die mit Paris St. Germain vergangene Woche erstmals französische Meisterin wurde, und auch Lina Magull, Dallmanns Teamkollegin beim FC Bayern, wohlfühlen. Allesamt große Könnerinnen ihres Fachs.

Gegen Frankreich fehlen wichtige Spielerinnen wie Marozsán, Leupolz, Däbritz und Magull

Wenn das deutsche Fußballnationalteam der Frauen in den letzten Partien vor der Sommerpause an diesem Donnerstag gegen Frankreich (20.55 Uhr, sportschau.de) und nächsten Dienstag gegen Chile (15 Uhr, ZDF) spielt, dürfte Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Dallmann setzen. Der 26-Jährigen kommt da natürlich entgegen, dass Marozsán, Leupolz, Däbritz und Magull abgesagt haben.

Unabhängig davon hat Dallmann in der Bundesliga sowie zuletzt in den Länderspielen aber auch derart überzeugt, dass der Leistungsabstand zu den gestandenen Konkurrentinnen deutlich geringer geworden ist. "Sie ist gewachsen in ihrer ganzen Persönlichkeit. Es gefällt mir, dass sie mutig ist, egal, wer ihr Gegenüber ist", sagte Voss-Tecklenburg am Mittwoch. "Sie besitzt die Fähigkeit - deshalb ist sie auch so wichtig für uns - ein Spiel zu verändern, auch wenn sie nicht von Anfang an auf dem Platz steht. Nur mit Spielerinnen dieser Art wirst du Turniere gewinnen."

Dallmann hatte maßgeblichen Anteil daran, dass der FC Bayern vergangenen Sonntag mit zwei Punkten Vorsprung auf den VfL Wolfsburg deutscher Meister wurde: Beim 4:0 gegen Eintracht Frankfurt traf sie erst aus kurzer Distanz und dann mit einem präzisen Fernschuss. "Linda ist so eine schlaue Spielerin, unglaublich clever", sagte Bayerns Trainer Jens Scheuer danach. "Wie sie die Tore gemacht hat, wie sie in die Räume gelaufen ist, um abzuschließen, das war herausragend gut." Ihre erste Saison bei Bayern nach ihrem Wechsel von der SGS Essen schloss sie mit zehn Ligatoren ab, ihre zweite mit vier Treffern weniger bei jedoch einem gesteigerten Verständnis als Spielmacherin und einem auffällig guten Gefühl für Lücken und Laufwege.

Für die Bundestrainerin hat längst die Vorbereitung auf die EM 2022 in England begonnen

Die ungewöhnlichen Umstände seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie hat Dallmann, die im nordrhein-westfälischen Hünxe mit vier Brüdern und zwei Schwestern aufgewachsen ist, zur intensiven Arbeit an ihrer Physis genutzt. Bei einer Größe von 1,58 Metern ist sie dadurch zu einer robusteren Spielerin geworden; Wert auf eine feine Ballbehandlung hat sie ohnehin seit jeher gelegt. "Für mich ist Linda immer noch die Spielerin, die ich kennengelernt habe, als sie zwölf war", sagte Voss-Tecklenburg, die bis 2008 als Verbandssportlehrerin weibliche Auswahl-Teams am Niederrhein trainierte.

Was wie Stillstand interpretiert werden könnte, ist als Kompliment gemeint, weil sich Dallmann ihre große Spielfreude bewahrt hat: "Nehmen wir ihr 1:0 gegen Frankfurt. Da habe ich mit der Zunge geschnalzt und es bestimmt fünfmal angeschaut. Sie sucht das Eins-gegen-eins mit Tempo und geht dann nach. Ihre Aktion ist nie zu Ende. Linda kann viele Momente spielerisch lösen, die sie selbst forciert und kreiert - und dann ist sie auch noch torgefährlich."

Für die Bundestrainerin hat längst die Vorbereitung auf die EM 2022 in England begonnen. Partien wie nun gegen Frankreich, einen "sehr, sehr guten Gegner" will Voss-Tecklenburg nutzen, um zu sehen, "wie weit ist die ein oder andere auf internationalem Top-Niveau" und herauszuarbeiten, welche Spielerinnen "echte Alternativen, echte Leistungsträgerinnen" sind, wenn manch andere ausfällt. Nachdem bei der EM 2017 und bei der WM 2019 je im Viertelfinale Schluss war und Olympia 2021 ohne deutsche Fußballerinnen stattfindet, ist die Erwartung enorm hoch. Für Linda Dallmann gilt es nun, sich weiter als eine dieser echten Leistungsträgerinnen zu etablieren.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5317253
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/pps/jki/bek
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.