Süddeutsche Zeitung

DFB-Team ohne Marozsán:Wenn die Schlüsselspielerin plötzlich ausfällt

  • Die Verletzung von Dzsenifer Marozsán trifft das DFB-Team bei der WM schwer.
  • "Der Ausfall tut weh, er tut vor allem persönlich weh", sagt Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg. Sie muss nun improvisieren.
  • Hier geht es zum WM-Spielplan.

Die meisten Spielerinnen sind noch auf ihren Zimmern gewesen, vielleicht putzten sie sich gerade die Zähne oder waren damit beschäftigt, eine Socke anzuziehen. Der Arbeitstag von Britta Carlson hingegen begann am Dienstag früh, kurz vor 8 Uhr stand sie zur Schalte mit dem ARD-Morgenmagazin bereit. Die Co-Trainerin der deutschen Fußballnationalmannschaft beantwortete lächelnd die Fragen des Moderators, der mit der früheren Nationalspielerin Inka Grings auf Sesseln saß, die wie Fußbälle aussahen. Bei einem Thema aber zeigte sich die wahre Stimmungslage von Carlson. Sie bemühte sich, weiterhin freundlich zu schauen und am Ende ihrer Antwort zu lächeln. Aber die Betroffenheit war ihr anzumerken: "Also es ist definitiv so, dass sie gegen Spanien nicht spielen wird. Die Bundestrainerin wird sich dazu auf der Pressekonferenz im Detail äußern und dann wird man sehen, wie es mit Dzseni weitergeht."

Drei Stunden später saß die Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg im Stadion von Valenciennes auf dem Podium der Pressekonferenz und sprach über jenes Thema, das seit Samstag nach dem Sieg gegen China zum Auftakt der Weltmeisterschaft in Frankreich das bestimmende war: Wird Dzsenifer Marozsán, die deutsche Schlüsselspielerin, am Mittwoch gegen Spanien (18 Uhr, ZDF) einsetzbar sein?

Auch Voss-Tecklenburg, 51, war die Betroffenheit deutlich anzumerken, als sie öffentlich all die Tatsachen aussprach, die niemand aus dem deutschen Team hören oder wahrhaben wollte. Marozsán war von einer Chinesin nach zwölf Minuten hart auf den linken Fuß getreten worden und hatte spürbar eingeschränkt weitergespielt - obwohl, wie die Diagnose ergab, danach ihr mittlerer Zeh gebrochen war. Sie wird nicht gegen Spanien und auch nicht am Montag gegen Südafrika spielen können.

"Der Ausfall tut weh, er tut vor allem persönlich weh"

Eine Einschätzung, ob die 27-Jährige nach der Vorrunde wieder auf dem Platz stehen könnte, wollte Voss-Tecklenburg auch nach der Rücksprache mit den Ärzten, Marozsán selbst und ihrem Verein Olympique Lyon nicht geben. Wirklich zuversichtlich wirkte die Bundestrainerin nicht. "Jeden Tag bete ich zum lieben Gott: Bitte lass die gute Form von Dzseni noch ein paar Wochen anhalten", hatte sie vor der Abreise gesagt - und vielleicht blöderweise nicht daran gedacht, auch Verletzungen in ihr Gebet einzuschließen.

Wie sehr die deutsche Mannschaft von dieser Nachricht durcheinandergebracht worden ist, zeigt auch die zwischen Diagnose und Bekanntgabe verstrichene Zeit und Zurückhaltung jeglicher Äußerungen bis Dienstag. "Wir kannten die Diagnose, nachdem sie im Anschluss an das Spiel im Krankenhaus war", sagte Voss-Tecklenburg. "Wir haben aber bewusst gesagt, wir müssen das erst alle verarbeiten, vor allem muss Dzsenifer das alles verarbeiten. Für uns war das ein Schock." Auf ungute Weise fügt sich diese Verletzung in den Verlauf bisheriger WM-Teilnahmen der weltweit als eine der besten geltenden Fußballerin. Für das Turnier in Deutschland 2011 wurde sie nominiert, in den Wochen zuvor riss ihr Innenband im rechten Knie, Marozsán fiel aus. 2015 flog sie mit nach Kanada und spielte trotz einer im Training erlittenen Verletzung am Sprunggelenk, an der sie danach noch lange laborierte. Jetzt der gebrochene Zeh - nachdem sie sich nach einer Lungenembolie seit Sommer 2018 wieder zurückgekämpft hat.

Für Marozsán ist das auch deswegen so bitter, weil Frankreich inzwischen zu einer dritten Heimat geworden ist. Die gebürtige Ungarin steht seit drei Jahren in Lyon unter Vertrag, dort ist sie zu einer noch besseren Spielerin geworden, als sie ohnehin schon war. Ihr Bekanntheitsgrad ist größer, als er es zu Bundesligazeiten war, ihre Leistungen werden respektiert und anerkannt: In der abgelaufenen Saison, in der sie mit Olympique das Triple gewann, wurde sie zum dritten Mal nacheinander zur besten Spielerin der französischen Liga gewählt. Und es gibt viele herausragende Spielerinnen in dieser Liga. "Der Ausfall tut weh, er tut vor allem persönlich weh, weil das ja ein besonderes Turnier ist für Dzseni", sagte Voss-Tecklenburg. "Von daher trifft uns das nicht nur sportlich."

Ohne Marozsán muss die Spielweise der DFB-Elf eine andere sein

Welche Tragweite das für die Mannschaft bei der ohnehin schwierigen Weltmeisterschaft haben dürfte, ist der Bundestrainerin sehr bewusst, das schwang in jedem Satz mit. Marozsán ist im deutschen Kader die technisch und fußballerisch beste Spielerin, sie ist die Regisseurin im Aufbau mit einer sehr guten Übersicht, Kreativität und gefährlich vor allem durch ihre überraschenden, präzisen Pässe und Hereingaben. Vor dem 1:0 von Giulia Gwinn gegen China war es eine Ecke von Marozsán, die das Tor in der 66. Minute einleitete. Schon da hatte das deutsche Spiel merklich darunter gelitten, dass die Nummer 10 nicht ihr volles Potenzial zeigen konnte. "Dzsenifer Marozsán kann man nicht ersetzen. Das funktioniert nicht, weil sie besondere Eigenschaften und Fähigkeiten hat", sagte Voss-Tecklenburg am Dienstag. Ihren Ausfall müsse nun das Team kompensieren, die Spielweise entsprechend angepasst und versucht werden, auch so die richtigen Mittel zu finden, um am Ende zu gewinnen.

Die Frage ist also, wie diese Elf eine Spielerin ersetzen soll, die nicht zu ersetzen ist.

Dass Deutschland mit einer anderen Aufstellung beginnen werde, liege nicht allein an der Verletzung von Marozsán, sagte Voss-Tecklenburg, sondern habe sich auch aus Beobachtungen gegen China ergeben. Sollte die Bundestrainerin am 4-2-3-1-System festhalten wollen, könnte sie Kapitänin Alexandra Popp von der Spitze auf Marozsáns Position zurückziehen und im Sturm Lea Schüller bringen. Sara Däbritz könnte von der Doppelsechs nach links außen rücken, rechts außen bliebe Svenja Huth. Statt Däbritz würde dann möglicherweise neben Melanie Leupolz die erst 17-jährige Lena Oberdorf auflaufen, die bei ihrem WM-Debüt mit viel Ruhe auffiel. Die Abwehr dürften trotz teils gravierender Fehler Gwinn, Marina Hegering, Sara Doorsoun und Carolin Simon bilden.

Wie auch immer diese Elf dann aussehen wird: Sollte sie sich bewähren, steigen die Chancen, dass das Turnier für die deutsche Mannschaft noch lange weitergeht - und somit auch die Chancen auf eine Rückkehr von Marozsán. "Wer mich kennt, weiß ganz genau, dass ich nicht so einfach aufgeben werde", schrieb Marozsán auf Instagram. "Ich werde so gut es geht meine Mannschaft neben dem Platz unterstützen und alles daransetzen, dass ich wieder schmerzfrei werde."

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SZ vom 12.06.2019/ebc
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