Süddeutsche Zeitung

Boxen:Klitschkos gefährlicher Freund

Wladimir Klitschko wählt in Anthony Joshua einen Gegner, von dem er sehr viel hält. Das führt bereits früh zu ungewöhnlichen Szenen.

Von Saskia Aleythe

Anthony Joshua hört aufmerksam zu, als der Mann neben ihm ins Schwärmen gerät. Mittwochnachmittag in London, es ist Pressekonferenz-Zeit, zwei Boxer auf der Bühne, dazwischen ihre Promoter, und dann legt Eddie Hearn los: "Er ist ein großartiges Vorbild und eine leidenschaftliche Person. Ihn reden zu hören und die Entschlossenheit in seinen Augen zu sehen, sagt mir: Das wird ein großartiger Kampf." Tolle Werbung also, nur eines irritiert Joshua dann doch: Hearn, sein eigener Promoter, spricht ja gar nicht von ihm, sondern von seinem Gegner. "Vertrittst du jetzt Wladimir, oder was?", fragt der Brite und lacht. Ja, Lachen und Nettsein auf Boxer-Pressekonferenzen, das gibt es tatsächlich.

Wladimir Klitschko wird Ende April gegen Anthony Joshua in den Ring steigen, das ist noch sehr viel Zeit, aber schon jetzt eine Botschaft, die den Ukrainer beflügelt. Es war ein nerviges, langes Jahr für den 40-Jährigen, seit zwölf Monaten schon hat er nicht mehr geboxt. Klitschkos Augen leuchten, als er in London auf dem Podium sitzt, er ist gelassen, in Vorfreude. "Ich werde dann eineinhalb Jahre nicht gekämpft haben", sagt Klitschko und könnte jetzt auch eine Einführungsvorlesung zur Philosophie geben oder ein Coaching-Seminar, er fragt: "Ist das nun gut oder schlecht?"

"Die Pause hat mir gut getan"

Er spüre, dass es gut ist, sagt Klitschko, "ich fühle, dass mein letzter Kampf nicht gut war." Nun, wo er wieder ein Ziel hat, findet er: "Die Pause hat mir gut getan", seine Motivation sei "as high as the sky", so hoch wie der Himmel. Und für einen kurzen Augenblick will man fast mit in den Ring steigen.

Seit Februar unternimmt Klitschko Ausflüge nach St. Gallen. An der Universität der schweizerischen Stadt doziert er für Führungskräfte. Er hat die Zeit nicht ungenutzt gelassen, in der ihn Tyson Fury immer wieder hingehalten hat. Im November 2015 hatte der nicht gerade austrainierte Brite ihn völlig überraschend in Düsseldorf besiegt, "mein Kampf war absolut nicht gut", sagt Klitschko heute, findet aber auch: "Das war ein Weckruf für mich."

Zweifel kamen auf, ob er überhaupt nochmal kämpfen wird, aber so sollte die Karriere von Dr. Steelhammer nicht enden: Zwei Mal vereinbarte er einen Rückkampf mit Fury, zwei Mal sagte der 28-Jährige ab. Offiziell wegen Verletzungen, inoffiziell haben auch Dopingvergehen, Kokainmissbrauch und psychische Krankheiten damit zu tun. Seine Gürtel musste er abgeben, Klitschko könnte gegen Joshua wieder IBF- und WBA-Weltmeister werden.

Klitschko traute ihm schon seine Nachfolge zu

Eine leichte Aufgabe kommt da nicht auf Klitschko zu, als Anthony Joshua auf dem Podium sitzt, pressen sich die Arme wie Bowlingkugeln in die Ärmel. Körperlich hat Joshua keinerlei Nachteile, mit 1,98 Meter ist er genauso groß wie Klitschko, eine Reichweite von 2,08 Meter kommt auch seinem Jab zu Gute. Experten trauen ihm viel zu. Die beiden Boxer kennen sich schon länger, als der heute 27-jährige Joshua 2012 in London Olympia-Gold holte, bekam das auch Klitschko mit: "Als ich ihn da zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich: Er wird mal in meine Fußstapfen treten."

Zwei Jahre später wählte ihn der langjährige Schwergewichts-Weltmeister als Sparringspartner aus. Mittlerweile hat Joshua 18 Profi-Kämpfe hinter sich, 18 Mal siegte er durch K.o.. "Das wird ein 50:50-Kampf", sagt Klitschko. "Wenn er gewinnt, werde ich ihm gratulieren. Wenn ich gewinne, werde ich ihm helfen, zurückzukommen." Klitschko hat seine Gegner stets respektiert, aber solche Sätze sind dann doch selten.

Für den jungen Briten geht es darum, den großen Durchbruch zu schaffen: Im Gegensatz zu vielen anderen Boxern weiß er, dass er die richtig großen Kämpfe noch nicht bestritten hat. "Ich bin jetzt IBF-Weltmeister", sagt Joshua, "aber nun liegt es an mir, die richtigen Leute zu besiegen, um in die Geschichte einzugehen." Tyson Fury klagte über Motivationsprobleme, weil er selber ja schon auf dem Boxthron angelangt sei, Anthony Joshua sagt: "Es geht nicht darum, einmal zu gewinnen. Es geht darum, es immer wieder zu tun." An gesunder Selbsteinschätzung fehlt es ihm nicht.

"Ich habe Respekt vor ihm, er ist eine Inspiration", sagt Joshua noch über Klitschko, kein Gepöbel, kein Gepose. "wir sind sozusagen Freunde", sagt Klitschko. In der Szene sorgte die Pressekonferenz sogleich für Erstaunen, Tyson Fury schimpfte auf Twitter, David Haye kommentierte: "Ich hoffe, keiner der beiden wird schwanger von dem verbalen Nümmerchen".

Ist der Auftritt der beiden Boxer nun zu langweilig, um einen Kampf verkaufen zu können? "Die Welt ist gerade verrückt genug", sagt Klitschko, "deswegen ist es gut, dass es hier anders ist." Ein Kampf, der rein sportlich dafür spricht, dass Ende April 90 000 Zuschauer ins Wembley-Stadion strömen - das wäre ja auch eine ganz hübsche Geschichte.

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