Süddeutsche Zeitung

Behindertensport:Professionelle Paralympier

Auch beim fünften Mal freut sich Anna Schaffelhuber noch über die Auszeichnung als Behindertensportlerin des Jahres.

Von Sebastian Fischer, Köln

Bevor Deutschlands herausragende paralympische Athletin mal wieder Bestätigung für ihre Leistungen erfuhr, trieb sie eine Sorge um: Anna Schaffelhuber befürchtete, das Publikum zu langweilen. Sie habe vermutet, erzählte sie, dass die Leute sie trotz dreier Goldmedaillen bei den paralympischen Ski-Weltmeisterschaften im Januar diesmal nicht zur Behindertensportlerin des Jahres wählen würden. "Weil die Leute sagen: ,Gut, die war's eh schon'." Doch dann wurde ihr Name gerufen, dann rollte sie auf die Bühne im Deutschen Sport- und Olympiamuseum, dann bekam sie den Pokal zum fünften Mal nach 2011, 2013, 2014 und 2015 überreicht. Es bedeutete ihr diesmal besonders viel.

Schaffelhuber ist zwar erst 24, doch sie hat bereits alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt in einem Monoskibob, der Variante des Skilaufs für Rollstuhlfahrer. 2014 bei den Paralympics in Sotschi startete sie fünfmal und gewann fünfmal. Sie dominiert seit Jahren ihre Wettkämpfe, selten kommen ihr Konkurrentinnen nahe. "Es wird jedes Jahr immer schwerer", sagte sie jedoch - und nutzte den Anlass, um ihre Laufbahn zu reflektieren: "Ich habe jetzt einen Weg hinter mir, nach dem ich sage: Gut, es hat sich gelohnt." Schaffelhuber sprach davon, dass sie die vergangenen Jahre manchmal "zäh" fand, dass sie sich dann fragte: "Warum tust du dir das noch an?" Doch man hört ja nicht einfach so auf. Viel überzeugter sprach sie über ihre Motivation, bei den Paralympics in Pyeongchang im kommenden Jahr ihre Erfolge zu wiederholen. Und so passten Schaffelhubers Worte in einen Abend, der die Professionalisierung des paralympischen Spitzensports ins Scheinwerferlicht stellte.

Als Mannschaft des Jahres wurde wie 2016 die 4x100-Meter-Staffel ausgezeichnet, die ausschließlich aus Sportlern des paralympischen Vorzeigevereins Bayer Leverkusen besteht. Bei den Männern gewann die Publikumswahl wie 2016 der kleinwüchsige Kugelstoßer Niko Kappel, der - wie die Staffel - sein Paralympics-Gold aus dem Vorjahr mit der Goldmedaille bei der Para-Leichtathletik-WM bestätigt hatte. Den ausgebildeten Bankkaufmann Kappel, 22, nennen sie beim Deutschen Behindertensportverband (DBS) "Außenminister", auch aufgrund eloquenter Talkshowauftritte und seines Mandats als Gemeinderat seiner Heimatstadt Welzheim. Kappel berichtete, er werde vom kommenden Jahr an Profisportler sein.

Schaffelhuber lebt längst vom Sport. Zuletzt hat die gebürtige Regensburgerin zwar auch viel Zeit mit ihrem Lehramtsstudium verbracht, etwas Abstand tat ihr gut, doch nun steht die Vorbereitung auf die Paralympics im Vordergrund. Jener Großveranstaltung, die durchaus etwas mehr Professionalität vertragen könnte, wenn es nach dem DBS geht. Obwohl die Wege in Pyeongchang als kurz angepriesen wurden, "fahren wir jeden Tag eine bis eineinhalb Stunden, bis wir am Wettkampfort sind", kritisiert Anna Schaffelhuber. Aber: "Die Pisten haben mir gut getaugt." Gut möglich also, dass sie demnächst mal wieder etwas gewinnt.

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Quelle:
SZ vom 27.11.2017
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