Süddeutsche Zeitung

Michael Langer bei Schalke 04:Eine Wirkung wie der späte Jimmy Carter

Schalke 04 stabilisiert sich nach teils erschreckendem Start in der Liga - auch dank dem dritten Torwart Michael Langer, den die Kollegen nach dem 4:3 gegen Magdeburg für seine harmoniestiftenden Fähigkeiten loben.

Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Als Klaus, genannt "Tanne", Fichtel zum Ende der Achtzigerjahre im hohen Alter von 43 Jahren mit routiniertem Libero-Spiel und soliden Querpässen immer noch die Schalker Deckung sicherte, widmeten ihm Fans ein Transparent mit zeitgenössischem Bezug: "Der Wald stirbt - die Tanne steht". Die Parole rangiert an einer vorderen Stelle im königsblauen Zitatenschatz, sollte allmählich aber Gesellschaft erhalten: Fichtels Nachfolger Michael Langer, mit 38 Jahren der zweitälteste Schalker der Liga-Geschichte, verdient nach seinem Einsatz beim 4:3 gegen den 1. FC Magdeburg eine ähnlich gewichtige Würdigung. Vielleicht: "Die Erde wird immer wärmer - Langer immer cooler"?

Der Kopfball des Angreifers Luc Castaignos lag ja praktisch schon zum 4:4 für Magdeburg im Tor - einer dieser typischen Gibt's-doch-gar-nicht-Treffer in der letzten Sekunde einer ungefähr halbstündigen Nachspielzeit. Die Mannschaft in Unterzahl - hier: Magdeburg - hatte im Ringen um den Ausgleich einen Angriff nach dem nächsten gestartet, die Mannschaft in Überzahl - hier: Schalke 04 - in Angst und Schrecken verteidigt. Dann platzierte Castaignos scheinbar unaufhaltsam den finalen Stoß - und auf einmal flog Michael Langer herbei und wischt den Ball zur Seite. Im nächsten Moment war Schluss, und Langer wurde von den Kollegen mit Danksagungen überschüttet. Sebastian Polter, als doppelter Torschütze selbst ein Urheber des Sieges, lobte den dritten Ersatztorwart später nicht nur als Wundertäter ("hält wie ein junger Gott"), sondern ganzheitlich als "Vollblutmaschine".

Der bisherige Stammtorwart Marius Müller verlässt unter Tränen den Platz

Schalke hat zwar seit dem Abstieg 2021 gelernt, sparsam zu leben, aber Langers Vertrag wird trotzdem in jedem Sommer verlängert. Sportlich ist der aus Bregenz stammende Österreicher fast ein Luxusposten, doch angeblich hat er in der Kabine eine Wirkung wie der späte Jimmy Carter: Er stiftet Harmonie und Frieden. Und er lehrt die Mitspieler, was es heißt, Schalker zu sein. Diese Aufgabe gebührt zwar auch dem seit Jugendtagen dem Verein zugehörigen Torwartkollegen Ralf Fährmann, 34, doch dessen Rang ist gerade angekratzt: Am Samstag musste er mal wieder verletzt passen (Achillessehnenprobleme). Zudem sorgte er - mittelbar, aber kaum unbeteiligt - für Unruhe, als sein Berater mit seltsamen Argumenten die Rückgabe des Stammplatzes an Fährmann forderte.

Nummer eins auf Schalke war bis zur 42. Minute des Spiels am Samstagabend Marius Müller, 30, im Sommer aus Bern zugezogen. Müller, einst in der Kaiserslauterer Schule ausgebildet, begann als Fährmanns Stellvertreter und entwickelte sich im Laufe der teilweise erschreckend angelaufenen Saison zum stabilsten Profi im Schalker Kader. Nun aber musste er mit einer Muskelverletzung unter Tränen den Platz verlassen. Die Tränen seien nicht wegen der Schmerzen geflossen, erklärte er später: "Sondern, weil ich das Feld verlassen musste. Es bedeutet mir sehr, sehr viel, hier auf dem Platz zu stehen." Dann habe er die Reaktionen des Publikums realisiert, "den Zuschauern in die Augen geschaut - und das war krass! So einen Moment hab' ich noch nie gehabt. Zu Tränen gerührt, kann man sagen".

Eben dies ließ sich auch über Schalkes Spiel in der ersten halben Stunde sagen. Es sah aus wie Abstiegskampf der verkrampften Art, während Magdeburg wie ein designierter Erstligist den Ball laufen ließ. 2:0 lag der FCM vorn - und musste sich darüber ärgern, weil zwei Tore die Überlegenheit ungenügend ausdrückten.

So wechselte gemäß dem alten Huub-Stevens-Wort "SoischFußball" das Spiel plötzlich die Richtung. Schalke schuf sich Chancen, Magdeburg lieferte in einem misslungenen Versuch, Spielkultur zu zelebrieren, die Vorlage zu Polters wegweisendem 1:2. Der Ausgleich durch Derry Murkin fiel zwar erst nach einer Stunde, wirkte aber unvermeidlich. Weitere Pointen dieses dramatischen Abends folgten in Gestalt der nächsten Magdeburger Führung - hochverdient - und des erneuten Ausgleichs - ebenfalls hochverdient. Schalke entwickelte schließlich mehr Dynamik. Das Copyright für das 4:3 teilten sich der Elfmeterschütze Polter, der höchstwahrscheinlich begnadete 17-jährige Vorlagengeber Assan Ouédraogo - und Magdeburgs Verteidiger Daniel Heber, der Polter scheinbar minutenlang mit beiden Händen im Strafraum umklammert hatte.

Sieben Punkte finden sich jetzt auf dem Schalker Konto, das reicht zumindest zum Durchatmen. Die öffentliche Kritik hatte bereits grundsätzliche Ausmaße angenommen. "Uns wurde sehr viel vorgeworfen, was Mentalität und Klima in der Mannschaft angeht. Heute habe ich eine Mannschaft gesehen, die alles gegeben hat", brummte Trainer Thomas Reis nach dem Spiel mürrisch ins Mikrofon. Auch ihn hatten bereits Vorwürfe erreicht. Als Torwart, als gute Seele und als Schalker Klimaschützer hat Michael Langer somit wertvolle Dienste getan.

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