Süddeutsche Zeitung

2. Fußball-Bundesliga:1860 München ist führungslos

  • Nach nur fünf Monaten als Sportchef beim TSV 1860 München muss Thomas Eichin gehen.
  • Ein neuer Trainer für den Fußball-Zweitligisten soll aus Portugal kommen und ein Wunschkandidat von Investor Hasan Ismaik sein.
  • Innerhalb der Fanorganisation Arge gibt es Ärger. Einige Regionen planen ihren Austritt.

Es war ein Abschied in Episoden. Zwei Wochen ist die bereits legendäre Pressekonferenz nun her, in der 1860-Investor Hasan Ismaik die Geschäftsführer des Münchner Fußball-Zweitligisten degradierte und durch den aus den USA stammenden gelernten Maschinenbauingenieur Anthony Power ersetzte. Hinterher wurde zwar viel davon geredet, dass Thomas Eichin und Raed Gerges ohnehin nur als interimsmäßige Geschäftsführung eingeplant gewesen seien und es sich mithin nicht zieme, von einer Entmachtung zu sprechen.

Angesichts dessen, dass sie von einem weiteren Interims-Geschäftsführer ersetzt worden waren, und angesichts der Wortwahl Ismaiks ("Die Leistung von Thomas Eichin war nicht auf dem Niveau, wie wir es erwartet haben"), war das eine merkwürdige Argumentation. Dann erschien Eichin bei den beiden vergangenen Spielen nicht mehr im Innenraum, sondern auf der Pressetribüne; und am Montag wurde der 50-Jährige dann freigestellt.

Angesichts der Rolle Ismaiks hängt innerhalb der Fanklub-Arge mittlerweile der Haussegen schief

Eichin, zuvor bei Werder Bremen tätig, hatte im Frühsommer als erklärter Wunschkandidat Ismaiks sein Amt aufgenommen und einen Dreijahresvertrag erhalten; nach nur fünf Monaten muss er nun wieder gehen. Er verabschiedete sich via WhatsApp von den Spielern. Und nach SZ-Informationen hat auch Eichins ehemaliger Geschäftsführer-Kollege Raed Gerges hingeschmissen; er sollte laut Ismaik ins Marketing versetzt werden. Er hatte offenbar kein Anstellungsverhältnis bei der 1860-KGaA, sondern direkt bei einer Firma von Ismaik. Wie Power hatte auch Gerges sein Amt als Vertrauter Ismaiks angetreten; nun ist das Tischtuch offenbar zerschnitten.

Damit hat der TSV 1860 keinen Sportdirektor mehr, und zumindest offiziell auch noch keinen neuen Trainer. Ismaik hatte bereits am Samstag eine "sehr gute Wahl" verkündet, allerdings keinen Namen genannt. Es soll sich um einen Übungsleiter aus Portugal handeln. Die Bild-Zeitung nannte Marco Silva als Kandidaten, der 39-Jährige, der zuletzt bei Olympiakos Piräus und Sporting Lissabon arbeitete, soll allerdings abgesagt haben.

Das Internet-Portal dieblaue24.de rechnet mit der Ankunft von Vitor Pereira, 48, der zuletzt Fenerbahce Istanbul betreute und auch schon in Piräus tätig war. Beide Kandidaten haben gemeinsam, dass sie zuletzt auch bei der Trainersuche von Inter Mailand im Gespräch waren, wo der für Ismaik tätige Londoner Berater Kia Joorabchian mit den chinesischen Investoren der Suning-Gruppe zusammenarbeitet. In jedem Fall setzt Ismaik diesmal seinen Wunschkandidaten durch; einen Sport-Geschäftsführer oder Sportdirektor, der die Trainersuche begleiten könnte, gibt es ohnehin nicht mehr.

Meinungsverschiedenheiten in der Arge

Und abweichende Meinungen vom Mitgesellschafter, dem e.V., muss Ismaik künftig wohl genauso wenig fürchten wie bislang. Am Montag wurden die Nachfolger der zurückgetretenen Verwaltungsrats-Vorsitzenden Karl-Christian Bay und Christian Waggershauser bekannt gegeben. Markus Drees und Robert Reisinger (Vize) gelten als Verfechter einer klaren Trennung zwischen dem e.V. und der Profifußball-KGaA. Er wolle "die Marke 1860 auch als Breitensportverein erfahrbar machen", sagte Drees.

Reisinger schickte zum Antritt Grüße an Ismaik: "Wir erneuern unser im Frühjahr 2016 gemachtes Angebot, professionelle Strukturen zusammen mit dem Präsidium und Ismaiks Vertrauten weiterzuentwickeln. Im Sinne von Vertrauen unter den Gesellschaftern sollte man (...) in engerer Abstimmung handeln. Dass dies erforderlich ist, haben die letzten Tage leider wieder deutlich gezeigt."

Unterdessen hängt angesichts der Meinungsverschiedenheiten um Ismaiks Allmachtsgebaren auch innerhalb der Fanorganisation Arge der Haussegen schief. Nach SZ-Informationen planen einige Regionen gar ihren Austritt. Die Führung der Großorganisation um Gerhard Schnell und Andreas Kern hatte nach der bizarren Pressekonferenz zur Entmachtung von Eichin und Gerges sowie dem Hausverbot für Journalisten erklärt: "Die Arge steht voll und ganz hinter Hasan Ismaik und der Vereinsführung. Diese zum Teil einseitige Berichterstattung verärgert einen Großteil der organisierten Fans."

Der ehemalige 1860-Vizepräsident Peter Helfer, als Vorstand des Fanklubs "Daxer Löwen" der Arge angeschlossen, sah das in einem Interview auf Bayern1 völlig anders: "Ich denke nicht, dass (in der Arge, d. Red.) jeder hinter Ismaik steht. Die Pressemitteilung hat ja der Vorstand abgegeben. Die Fanklubs sind nicht befragt worden, und der Vorstand besteht aus neun Leuten", sagte Helfer. Ismaik habe es "schlau gemacht", dass er die Arge-Führung nach Abu Dhabi eingeladen habe. Mindestens neun Personen werden den neuen Trainer also warmherzig willkommen heißen.

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Quelle:
SZ vom 06.12.2016/fued
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