Süddeutsche Zeitung

1. FC Köln:Theaterwürdiger Abschied

Querelen beim 1. FC Köln: Nachdem kritische E-Mails bekanntwerden und Klub-Legenden Druck machen, muss der Mitgliederrats-Vorsitzende Stefan Müller-Römer zurücktreten.

Von Philipp Selldorf, Köln

Es ist natürlich nur ein Zufall, dass der 1. FC Köln gerade erst den 80. Geburtstag des ehemaligen Präsidenten Dietmar Artzinger-Bolten annoncierte - und tags darauf den Rücktritt von Stefan Müller-Römer vom Amt des Vorsitzenden des Mitgliederrates bekanntmachte.

Vor langer Zeit hatte sich der Rechtsanwalt Müller-Römer als einfaches Klubmitglied im Rahmen einer Hauptversammlung dafür eingesetzt, dass der CDU-Lokalpolitiker und tendenziell missglückte Präsident Artzinger-Bolten nicht erneut ein Ehrenamt beim FC übernehmen dürfe. Jahre später machte er sich dann einen Namen, als er den Präsidenten Wolfgang Overath auf einer anderen Mitgliederversammlung mit einem strammen Einspruch konfrontierte. Overath reagierte verärgert und brachte das unter anderem dadurch zum Ausdruck, dass er den Widersacher nicht beim Namen aufrief, sondern anhand eines Erkennungsmerkmals identifizierte: "Der mit den Haaren", nannte er den Gegner. Tatsächlich trägt Müller-Römer bis heute sein Haar beinahe so lang wie einst Rapunzel in ihrem Turm.

Die Klub-Ikone Overath war dabei, als sich Müller-Römer als vereinsinterner Oppositionsführer profilierte und darauf eine Vereinskarriere gründete, die ihn zwischenzeitlich zum Inhaber jenes Präsidentenpostens machte, den einst der von ihm bekämpfte Altstar versehen hatte. Und nun war Overath auch wieder dabei, als der Anfang vom Ende des FC-Funktionärs Müller-Römer eingeläutet wurde: Vor einer Woche hatten sich die sogenannten Alt-Internationalen des Vereins - außer Overath auch Toni Schumacher, Stefan Engels, Bernd Cullmann und Wolfgang Weber - mit dem Vorstand getroffen, um atmosphärische Störungen zwischen dem Klub und den Ex-Spielern zu bereinigen. Auch die beiden Geschäftsführer Horst Heldt und Alexander Wehrle waren anwesend. Hinterher erklärten beide Parteien, man sei sich wieder herzlich zugetan.

Nicht unwesentlich zum Frieden beigetragen hatte die öffentliche Distanzierung des FC-Vorstands von Intimfeind Müller-Römer, der nicht nur mit Overath, sondern auch mit Schumacher und Engels im Clinch gelegen hatte (und mit etlichen Mitarbeitern des Klubs). Anlass der Ermahnung durch Präsident Werner Wolf war eine Serie von E-Mails, die Müller-Römer mit einem 67 Jahre alten FC-Mitglied ausgetauscht hatte. Darin hatte er unter anderem über die Arbeit des vormaligen Vorstands und des Geschäftsführers Wehrle hergezogen, außerdem äußerte er sich verächtlich über Klub-Mitglieder, die er "Verlierer" nannte. Der Kölner Stadt-Anzeiger berichtete detailliert aus diesem Schriftverkehr. Wehrle und Heldt ließen daraufhin wissen, dass eine Zusammenarbeit mit Müller-Römer kaum noch möglich sei.

So endete der Aufstieg des fundamentaloppositionellen Mitglieds in die Klubgremien am Mittwochabend mit dem Rücktritt. Müller-Römer, 52, ist ein zäher Kämpfer, aber diesmal hat er einsehen müssen, dass die Intrige seiner Gegner stärker war. Der Klub habe Müller-Römer "viel zu verdanken", erklärte Präsident Werner Wolf. Er kritisierte die Veröffentlichung des vertraulichen Mail-Verkehrs und nahm sie zum Anlass der Distanzierung: "Aufgrund der Vertraulichkeit hätten die Mails nicht veröffentlicht werden dürfen. Dessen ungeachtet sind bestimmte Aussagen in diesen Mails für den Vorstand nicht akzeptabel." Klingt nach einer theaterwürdigen Pointe - aber vermutlich ist die Geschichte noch nicht vorbei.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5043243
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 25.09.2020
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.