Süddeutsche Zeitung

Seatrekking in Kroatien:Die Wasserwanderer

Drei Tage im Meer, campen in einsamen Buchten: Wer Kroatiens Küste als Langstrecken-Schnorchler erkundet, schwebt der Welt davon. Wenn er die nötige Kondition hat.

Von Florian Sanktjohanser

Der Fischer auf dem vorbeifahrenden Boot winkt und brüllt. "Soll ich euch mitnehmen?" Wir winken zurück und lehnen ab. "Bis zum nächsten Ort sind es 15 Kilometer", schreit der Fischer, fassungslos. Er sieht ein paar Gestrandete in einer Bucht, die Neoprenanzüge bis zu den Hüften heruntergerollt, und er sieht die Sonne hinter die Berge der kroatischen Küste sinken. Danke, wir bleiben. Und wir reisen morgen allein weiter. Zu Wasser, ohne Boot, aber mit Gepäck. Drei Tage und zwei Nächte lang.

Seatrekking nennt sich der neue Sport. Die Grundidee ist simpel: Wie wäre es, wenn man immer weiter die Küste entlang wandern, schwimmen und tauchen könnte? Wenn man abends nicht zum Hotel oder Campingplatz zurückkehren müsste? Wenn man tagelang draußen bleiben könnte, auf dem Meer, in der Wildnis?

Bernhard Wache, der schon als kleines Kind vom Vater zum Schnorcheln mitgenommen wurde, stellt sich diesen Fragen schon seit Langem. "Ich wollte eins mit dem Meer werden." Irgendwann band er sich einen wasserdichten Wickelsack an den Fuß, packte einen Schlafsack ein und blieb eine Nacht draußen am Strand. Anschließend tüftelte er jahrelang an einem perfekten Gepäckstück für das Wasser herum, nähte und klebte, erst allein, dann mit Freunden. Er verwarf fünf Prototypen bis zum finalen Produkt im Jahr 2011.

Die Sportartikelmesse Ispo in München verlieh ihm vor zwei Jahren den Brand New Award. Zeitungen und Magazine schrieben über den neuen Outdoor-Sport. Doch das Interesse ebbte schnell wieder ab. Der Haken war: Die Rucksäcke gab es noch gar nicht zu kaufen. Und als Abenteuerreise buchen konnte man Seatrekking ebenfalls nicht. Beides soll sich nun ändern, auch wenn Bernhard Wache bei den Routen noch stark improvisiert und nur auf Anfrage Touren anbietet.

20 Kilo Gepäck: "Ich mag es, wenn man ein bisschen leidet", sagt Wache

In diesem Fall geht es in den Norden der Insel Cres. Wache, 45, bunt gemustertes Shirt und wangenlange Haare, kam vor acht Jahren das erste Mal hierher, "weil es total wild ist, und das ist fürs Seatrekking heilig". Nördlich des Dorfes Beli wandern wir zwischen zerbröckelten und überwucherten Mauern hindurch. Wildschweine haben das Gras zwischen den Steineichen und Kiefern aufgerissen, ein Reh mit zwei Kitzen rennt davon, eine gelb-braun gestreifte Schlange flüchtet in einen Strauch. Die langen Carbonflossen, die seitlich an den Rucksack geschnallt sind, bleiben immer wieder an Ästen hängen. Inklusive Wasser und Tauchausrüstung beträgt die Last auf dem Rücken etwa 20 Kilo. "Ich mag es, wenn man ein bisschen leidet", sagt Wache. "Das ist schon geil."

Er plant seine Trails akribisch. Anhand von Google Maps studiert er die Küste, sucht nach Stränden zum Schlafen und nach Bächen zum Auffüllen der Wasserflaschen. Aber ein GPS-Gerät nimmt er nie mit. "Es gehört dazu, sich zu verirren."

Auf der einstigen Anlegeplattform eines vor Jahrzehnten aufgegebenen Ausflugslokals verwandeln wir uns von Wanderern in Taucher. Wache zieht seine Trailrunning-Schuhe aus, wirft den Neoprenanzug ins Meer und springt hinterher. Wenn das Neopren nass ist, kann man sich leichter über den Brusteinstieg in das Ungetüm zwängen. Eine Viertelstunde dauert der tägliche Kampf trotzdem. Zum Schluss zieht sich Wache Flossen, Maske und Schnorchel über, pinnt eine rot-weiße Taucherfahne an den Rucksack und bläst ihn über ein Ventil auf, bis er aussieht wie ein Torpedo.

Ein paar Wochen zuvor hatte Wache am Telefon gesagt, Rad fahren und kraulen wären eine passende Vorbereitung, um die Beine für das kilometerlange Schwimmen zu kräftigen. Fünf bis sechs Stunden würden wir pro Tag im Wasser sein.

"Das Schönste ist das Fliegen unter Wasser"

Wache taucht ab - unterstützt von einem mit Kies gefüllten Trinkrucksack als Sinkblei -, hält inne für den Druckausgleich, sinkt mit ruhigem Flossenschlag weiter zum Meeresgrund. "Das Schönste", sagt er, "ist das Fliegen unter Wasser."

Er kann bis zu 30 Meter tief tauchen und zweieinhalb Minuten die Luft anhalten. Aber Rekorde interessieren ihn nicht. Tiefer als 20 Meter geht Wache fast nie. Denn bei bis zu 70 Tauchgängen pro Tag könnte sich sonst gefährlich viel Stickstoff im Körper anreichern. Und beim Seatrekking gehe es nicht um große Tiefen, erklärt er. Sondern darum, sich wie eine Robbe im Wasser zu bewegen. Wieder und wieder stößt Wache ins Blau hinab. Die Verbindungsleine zum Rucksack ist zwar nur sieben Meter lang, aber elastisch. Man spürt sie kaum. Wir gleiten zwischen Felsbrocken hindurch, die überzogen sind von einem Pelz aus blassgelben Algen; an einer Abbruchkante entlang, aus der neongelbe Röhrenschwämme sprießen. Krustenanemonen blühen hier wie Blumen. Neben roten Algenbüscheln kleben Seesterne, ringeln sich bunt gemusterte Seeschnecken. Ein Oktopus lugt aus seiner Höhle. Weit unten wachsen filigran verästelte Korallen.

Bei einer Atempause schaut Wache auf die Uhr: "Oh", sagt er, "jetzt müssen wir mal Strecke machen. Bis zum Kap schwimmen wir durch." Das Kap wirkt nahe, aber das Strampeln scheint kein Ende zu nehmen. Der Spann schmerzt, ich drehe mich auf den Rücken. Büsche und Bäume wachsen die Hänge herab, darunter stürzt die Felswand senkrecht ins Meer, hundertfach gespalten. Über uns sitzt ein Gänsegeier in seinem Nest. Ein paar Kajakfahrer starren uns an, ansonsten sind wir allein.

Als ich nach mehr als einer Stunde und vier Kilometern Nonstop-Schwimmen endlich am Strand ankomme, ziehe ich nur noch den Anzug aus und sinke erschöpft in den Kies. Auf der anderen Seite der Meerenge leuchten die weißen Zylinder einer Ölraffinerie und die Wohntürme von Rijeka in der Abendsonne.

Die Wildnis ist eine Illusion, und doch ist sie für uns real. Wache heizt die Spirituskocher an und packt eine schwarze Plastikröhre aus. Ein Meerwasser-Entsalzer, 3000 Euro das Stück. "Luxus", sagt er. "Da oben wäre sicher irgendwo Wasser." Er meint jenseits der Klippen, die uns einschließen. Wache beginnt zu pumpen, Tropfen rinnen in den Wassersack. Vier bis acht Liter schaffe man pro Stunde, sagt er, je nach Bizeps. Auf einem Kocher blubbert ein Mix aus Waldpilz-Tütensuppe und Linsen, auf dem anderen brutzeln Zwiebeln, Knoblauch und Tofuwürstchen für die Polenta.

Am Lagerfeuer erzählt Wache noch lange. Von der Freiheit, die er beim Seatrekking spürt. Von Korsika, wo er nachts im Neoprenanzug auf seiner angebundenen Luftmatratze im Meer schlief. Und von seinem bisher längsten Trail in Thailand, zehn Tage allein auf Ko Adang. "Ich könnte das auch fünf Jahre lang machen", sagt er. Sein Traum sei der unendliche Trail: Einmal um die ganze Welt.

Informationen

Anreise: Aus mehreren deutschen Städten gibt es Direktflüge nach Rijeka, von München aus fahren auch Nachtbusse. Von Rijeka legt nur eine Fähre pro Tag direkt nach Cres-Stadt ab. Häufiger führt ein Bustransfer über die Insel Krk.

Seatrekking: Auf www.aetem.de sind verschiedene Routenvorschläge zu finden. Kosten je nach Dauer und Route. Über die Webseite können ab Winter auch die speziellen Wasser-Rucksäcke bestellt werden.

Reisezeit: Im Mittelmeer sind die Bedingungen für Seatrekking von Mai bis Oktober gut. Am klarsten ist das Meer im Mai, September und Oktober.

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Quelle:
SZ vom 20.08.2015/ihe
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