Süddeutsche Zeitung

Lesergeschichten aus dem Zug:"Plötzlich tropft etwas auf meine Zeitung"

Fatale Überschwemmung im Familienabteil, ein spendabler Schaffner und die faulste Mutter der Welt: Was unsere Leser im Zug erlebt haben.

Fremde auf engstem Raum, die teils stundenlang beieinanderhocken - das ergibt viele spannende Geschichten. Deshalb hatten wir Sie, unsere Leser, um Ihre Zug-Anekdoten gebeten. Wir freuen uns sehr darüber, welch unterhaltsame Episoden Sie uns zugeschickt haben. Eine Auswahl zu treffen, war wirklich nicht leicht - deshalb präsentieren wir Ihnen gleich zwei Teile der schönsten und merkwürdigsten Erlebnisse in der Bahn (hier finden Sie den anderen Teil).

"Der ICE steht auf freier Strecke, die einzige Durchsage - dass es gleich weitergehe - ist gut eine halbe Stunde her. Langsam werden die Leute nervös. Jetzt rennt eine junge Bahnangestellte im Großraumwagen hin und her, spricht dabei für jeden hörbar in ihr Funkgerät: 'Oh Gott! Mein Gott, aber das ist ja ... Und wenn jetzt ... Aber ... Mein Gott! Du aber sag mal ... soll ich den Fahrgästen denn jetzt was sagen?'" (C.G.)

"An einem regnerischen Donnerstag fahre ich mit meinem vierjährigen Sohn mit dem ICE von Hannover nach Düsseldorf. Die freundliche Zugbegleiterin bietet uns und einer Mutter mit einer kleinen Tochter ein leeres Eltern-Kind-Abteil an, in dem zu ihrem Erstaunen zwei herrenlose Koffer stehen. Uns macht das nichts aus. Bald öffnet sich die Tür des Abteils, ein gut gekleideter Mann deutet auf die Gepäckstücke und fragt in gebrochenem Englisch, ob diese stören würden. Ich verneine. Der Fragende geht beruhigt zurück an seinen Platz im Großraumabteil. Kurz darauf beginnen unsere Kleinen herumzutollen. Dabei treten sie immer wieder gegen den kleineren der beiden Koffer. Um ihn in Sicherheit zu bringen, lege ich ihn über mich in die gläserne Gepäckablage. Plötzlich tropft etwas auf die Zeitung neben mir.

Da die Fenster im ICE nicht zu öffnen sind, kann es kein Regen sein. Kurzer Blick nach oben: In der Gepäckablage schwappt schon ein kleiner See aus klarer, geruchloser Flüssigkeit. Allem Anschein nach ist es Wasser. Paradoxerweise schuldbewusst, denn ich hatte ja aus Hilfsbereitschaft gehandelt, nehme ich den Koffer aus der Ablage und stelle ihn zurück. Mit einem Handtuch aus meinem Gepäck trockne ich die Ablage und widme mich wieder, allerdings unkonzentriert, meiner Zeitung. Nach geraumer Zeit öffnet sich wieder die Abteilungstür. Ich denke: Das Verschweigen der Wahrheit ist noch keine Lüge. Der Koffer-Eigentümer erzählt, dass er Biologe einer polnischen Universität sei und auf dem Weg zum Weltkongress der Ichthyologie (Fischkunde) in Paris. In dem Koffer sei ein kleines Aquarium mit den Fischen seines Forschungsprojektes." (W. K.)

"An einem Samstagabend sitze ich in einem Ruheabteil im IC von Hamburg nach Bonn. In Dortmund betritt ein Pärchen Anfang 40 mein Abteil, beide mit viel Gepäck und je einer Bierdose in der Hand. Immerhin fragt die Frau, ob es mich stören würde, wenn sie hier Bier trinken. Ich verneine, frage sie aber, woher ihr leichter Akzent stamme. Sie erzählt, dass sie gebürtige US-Amerikanerin sei, aber mittlerweile in Deutschland als Stewardess arbeite. Sie seien auf dem Weg zum Flughafen nach Düsseldorf, um in den Urlaub nach Teneriffa zu fliegen. Ich beginne eine Unterhaltung auf Englisch, was ihrem Begleiter, wie ich an seiner Körpersprache merke, nicht behagt. Nach einigen Minuten verlässt er das Abteil, um auf die Toilette zu gehen. Als sich die Tür geschlossen hat, erzählt mir die Frau völlig unvermittelt, dass dieser Urlaub die letzte Chance für ihre Beziehung sei. 'It's a make up or break up thing.' Ich würde gerne wissen, was aus den beiden geworden ist." (Joachim)

"Als Pendler nehme ich immer den allerersten Zug um 5.25 Uhr, in dem nur eine Handvoll Personen sitzen. Vom Sehen kennen wir uns alle, mit einigen habe ich mich schon mehrfach unterhalten und auch die Zugbegleiter, vielleicht fünf bis sieben wechselnde Personen, sind uns vertraut. Weil das fast zweistündige Pendeln mich ziemlich nervt, versuche ich jede eigentlich verschwendete Minute sinnvoll zu nutzen und spanische Grammatik und Vokabeln zu lernen. So sitze ich eines Morgens über meinem kleine Vokabelheft, als der Zugbegleiter, ein Herr Ende 50, zu mir kommt. Automatisch greife ich nach meiner Jahreskarte, aber er winkt ab: 'Nein, nein, lassen Sie das mal stecken, wie oft hab ich das denn nun schon gesehen... Ich hab hier was für Sie!' Er überreicht mir ein dickes Taschenbuch. 'Ein sehr gutes Buch! Sie sollten das mal lesen anstatt sich jeden Tag in Herrgottsfrüh zum Lernen zu zwingen, das kann doch gar nicht gut sein auf Dauer.' Ich habe noch Zeit mich zu bedanken, bevor er seinen Kontrollgang fortsetzt. Das Buch von Philip K. Dick hab ich heute noch, ich habe es sehr genossen. Und natürlich auf der Zugfahrt gelesen." (Tina R.)

"Ich reise im Zug nach München zu einer Schulung. Schräg gegenüber ein älterer Herr in einem auffallend schlecht sitzenden, grauen Anzug. Auf einmal durchsucht er seine Manteltaschen und danach die Aktentasche. Hektisch holt er sein Handy heraus, wählt und erklärt laut, er habe seine Unterlagen für die kommende Veranstaltung vergessen. Ich und bestimmt die Hälfte der Mitreisenden bekommen nun eine telefonische Führung durch sein Büro. Auf verschiedenen Haufen, in mehreren Ablagefächern, Mappen und Schubladen könnten die Unterlagen stecken. Nach ewigen Minuten, endlich, tauchen sie auf. Per Mail sollen sie noch vor dem Mann im Hotel eintreffen. Somit erfahren wir nun auch, wo er wohnen wird. Am Münchner Bahnhof trennen sich unsere Wege. Doch am nächsten Morgen steht genau dieser Mann, mit dem selben grauen Anzug, vorne auf dem Podium. Und referiert dank seiner Unterlagen." (Anonym)

"Im ICE von Augsburg nach Berlin fallen eine junge Frau und ihr Freund auf. Wer von beiden das Sagen in der Beziehung hat, ist recht schnell zu erkennen. Die doch sehr lautstarke und wortreiche Dame ist gerne bereit, das restliche Abteil an ihren Beziehungsproblemen teilhaben zu lassen. Schließlich ruft die Frau sogar alle Mitfahrenden zu einer Abstimmung auf, wer von den beiden Streithähnen Recht habe. Lustigerweise heben alle, mich eingeschlossen, die Hand - jedoch für ihren Freund. Laut schreiend verlässt die Frau das Abteil und bleibt bis zur Ankunft in Berlin verschwunden. Es ging übrigens darum, ob sie zu cholerisch reagiere." (Wolfgang)

"Während der Sommerferien im Zug nach Wien, ich beobachte eine Familie. Der Sohn ist wohl angehender Sechstklässler auf einem Gymnasium und soll während der Fahrt Latein lernen. Die Mutter wird immer unzufriedener, weil der Sohn bisher in den Ferien offenbar weniger geübt hatte als gedacht - bei den Vokabeln hakt es gewaltig. Dann und wann gibt auch noch der Vater seinen Senf dazu im Stil von 'das schauen wir uns noch bis Weihnachten an, und dann werden Konsequenzen gezogen'. Der Junge sagt eigentlich gar nichts, aber schaut immer bedrückter. Am Ende weint die Mutter und schluchzt mehrmals, dass sie das ankotze und dass sie das nicht mehr packe. Seltsam, dass man als Außenstehender so klar sieht, wie bescheuert sich die Eltern verhalten - und sie selber merken es einfach nicht." (S. H.)

"Ich sitze in Südfrankreich in einem Sechserabteil einer Regionalbahn. Nach mir steigt eine Frau mittleren Alters ein und setzt sich mir gegenüber. Wir sprechen kein Wort. Sie fängt irgendwann stumm zu weinen an. Die Tränen laufen nur so hinunter. Ich habe keine Ahnung, warum sie so bitterlich weint und frage auch nicht. Aber irgendwann muss ich mitweinen. Nach einer Stunde steigt sie - immer noch schweigend - aus. Und ich muss mich zusammenreißen, als wieder neue Mitreisende einsteigen. Ich erinnere mich bis heute immer wieder an diese etwas surreale Szene." (S. H.)

"Als Studenten sind meine Freundin und ich mit meinem alten Auto auf dem Rückweg von Italien nach Hamburg. In Fulda geht der Motor kaputt, wir müssen in die Bahn umsteigen. Wir sind total frustriert und völlig abgebrannt. Für zwei 6er-Pack Bier reicht es gerade noch. Wir setzen uns mit unseren Nach-Urlaubs-Klamotten in ein 6er-Abteil zu einem älteren, sehr vornehm aussehenden Herrn, der einen Geigenkasten dabei hat. Wenig später kommt ein britischer Soldat dazu, in voller Uniform und Feldausrüstung. Er sieht auch recht abgeschabt aus. Beim ersten Bier biete ich dem Soldaten und dem Herrn auch eines an. Der Soldat nimmt es gern, der Herr erst einmal nicht. Wir kommen ins Gespräch.

Der Soldat ist mitten aus einem Manöver nach Hause entlassen worden, weil seine Frau nach einem Unfall im Krankenhaus liegt. Beim zweiten Bier öffnet der Soldat sein Gepäck und offeriert feinste (Manöver-) Köstlichkeiten. Vieles in Konserven aber: Lecker! Der Herr nimmt nun auch ein Bier und von der Manöverkost. Er ist ein Musik-Professor auf dem Weg zu einem Kongress in Hamburg. Beim dritten Bier sind wir eine fröhliche Gemeinschaft. Essen und Trinken: Sehr gut! Der Soldat bittet den Professor, ob er nicht ein Stück auf der Geige spielen könne. Und: Er hat das gemacht. Bei Hannover waren wir eine verschworene Gemeinschaft. Es war lustig, es war warm, es war herzlich! Ich glaube, am Hamburger Hauptbahnhof hat jeder bedauert, dass diese schöne Reise zu Ende war." (Anonym)

Schneeballschlacht im Zug

"In Euskirchen sitze ich in der S-Bahn in Sichtweite die Toilette. Wenig später betritt eine Mutter, Anfang 20, den Zug mit ihrem Sohn, etwa fünf bis sechs Jahre alt. Der Kleine, nennen wir ihn Justin, ist ein sehr aufgeweckter Bube. Er stellt viele Fragen wie 'Mama, wohin fährt der Zug?' oder 'Mama, was ist das für ein Tier?' und noch viele mehr, während Mama intensiv mit ihrem Telefon beschäftigt ist. 'Mama' hat auf all diese Fragen eine Universalantwort: 'Justin, ess deine Chicken Nuggets!' Irgendwann sagt Justin: 'Mama, ich muss mal!' Die Toilette der Bahn ist in Sichtweite und unbesetzt. Die Antwort der Mutter: 'Justin, du hast eine Windel an.' Diese Frau hat ihrem Sohn quasi befohlen, in die Hose zu machen. Was soll man da sagen? Letztlich habe ich mit anderen Leuten nur ungläubige Blicke ausgetauscht." (Torsten A.)

"Ein großspuriger junger Geschäftsmann spricht laut in sein Handy, nennt Details, auch Zahlen, guckt sich immer wieder beifallheischend um. Irgendwann dämmert dem Gesprächspartner wohl, dass ihre Unterhaltung mitgehört wird. Der junge Angeber: 'Wie, ach so, ja sicher können wir den Rest schriftlich ausmachen.' Der ganze Waggon applaudiert." (C.G.)

"Ich sitze im ICE in Thüringen. Eine Vierergruppe Rentner steigt ein und findet ihre reservierten Plätze nicht. Ein sächsischer Schaffner ist freundlich behilflich und stellt fest, dass sich die Plätze im anderen, abgetrennten Zugteil befinden. Er schlägt den Rentnern vor, an der nächsten Haltestelle den Zugteil zu wechseln oder sich andere Plätze zu suchen (der Zug ist nicht voll). Die Rentner sind unentschlossen und hadern im Gang mit ihrem Schicksal. Der Schaffner schaut sie nochmal ernst an: 'Alternativ bleiben sie einfach hier stehen.' Ich bin lachend auf meinem Sitz kollabiert." (Anonym)

"Am Wochenende in einem etwas übervollen ICE auf der Fahrt von München nach Mannheim. Ich sehe mich genötigt, in einem 6er-Abteil Platz zu nehmen, welches überraschend leer ist. Der Grund wird mir bald klar. Die beiden Männer gegenüber haben sehr gute Laune und wissen Interessantes zu erzählen. Doch kurz vor dem letzten Zwischenstopp vor Mannheim ziehen sie Flachmänner aus der Tasche, verschütten mehr oder weniger absichtlich eine kleine Menge Schnaps, prosten sich mehrmals schwungvoll und lautstark zu und machen recht eindrucksvoll auf betrunken. Nur einer der Zugestiegenen traut sich tatsächlich, bei uns Platz zu nehmen. Alle anderen ziehen den Gang vor. Neugierig frage ich den Neuen, weshalb er sich nicht von dem Alkoholgeruch und dem Schauspieltalent des Duos hat abschrecken lassen: 'Ich hatte gehofft, einen Schluck abzubekommen.'" (Anonym)

"Ein kleines Mädchen geht mit ihrem Vater in die Klokabine. Nach einiger Zeit geht die Tür auf, das Kind stürmt los und brüllt durch das ganze Abteil: 'Mama, Mama, ich musste mir nicht die Hände waschen!'" (Anonym)

"Mein Abitur habe ich an einem Internat im schönen Saaletal gemacht - 350 Schüler von der 9. Klasse bis zum Abitur, abgeschnitten von der Welt in einem alten Kloster. Nach einer Schulwoche geht es für das Wochenende nach Hause, vom örtlichen Bahnhof in alle Richtungen der Republik - natürlich mit den günstigsten Regionalbahntickets und auch im kältesten, verschneitesten Winter. Eines Freitags ist die Heizung der Regionalbahn ausgefallen und irgendein lustiger Geist hatte in einem Waggon alle Fenster weit aufgerissen, sodass der Schnee hineingeweht worden war. Es ist absolut surreal - ein alter, miefiger Waggon, verzaubert durch Eisblumen und Schneehaufen auf den Sitzen. Selbstverständlich sind alle anderen Waggons überfüllt, weil die meisten stickiges Sardinensitzen einer nassen, kalten Hose im windigen Waggon vorziehen. Die fünfzig Internatsschüler sind jedoch nicht davon abzuhalten, im Winterwaggon eine gepflegte Schneeballschlacht zu veranstalten, den ganzen Weg von Naumburg nach Halle. Dort steigen wir rotnasig und mit Schnee in Haar, Kragen und Ohren aus der Bahn. Wo sonst hätten wir so etwas erleben können?" (Marie R.)

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