Süddeutsche Zeitung

Kolumne "Ende der Reise":Huh! Die Touristen kommen

Island ist seit der EM noch beliebter bei Urlaubern, aber jetzt wird es den Isländern zu viel. Dabei sind sie doch selbst schuld.

Es war, das stellt sich nun heraus, eine Falle. Englands Fußballer haben bei der Europameisterschaft im Sommer absichtlich im Achtelfinale verloren gegen Island. Sie haben die Bälle absichtlich so geschossen, dass der isländische Torwart Halldórsson genug halten konnte vor seinem Tor, und sie haben absichtlich den Spieler Sigþórsson - gesprochen Sigthorsson - das Siegtor schießen lassen, weil diese Kalauer die Geschichte nur noch schöner machen - und einprägsamer.

Die Falle hat sich jedoch als doppelte Falle erwiesen. Und sie ist beide Male zugeschnappt - nicht nur die Isländer sind hineingetappt, auch die Fallensteller selbst. Schon lange versuchen die Engländer, Touristen zu vergraulen, vor allem aus ihrer überlaufenen Hauptstadt. Indem sie beispielsweise grauenvoll kochen und die Preise in immer unverschämtere Höhen treiben. Und es immerzu regnen lassen. Hat alles nicht geholfen.

Erst nach London, dann nach Island

Doch das Votum für den Brexit und dann vier Tage später das schmähliche EM-Aus, so das Kalkül, würden den Ruf des Landes bei den Urlaubern endlich schwer genug beschädigen. Hätte fast geklappt. Allerdings ist in der Folge dieser Ereignisse der Pfundkurs eingebrochen, ein London-Trip wurde dadurch so günstig wie lange nicht mehr.

Und die Isländer? Waren vor der EM schon sympathisch und müssen sich seither vom ganzen Kontinent Umarmungen gefallen lassen, in denen sie drohen, erdrückt zu werden.

"Ich finde, wir sollten ein 'Ausverkauft'-Schild am Flughafen haben", sagte nun Heimir Hallgrímsson - ausgerechnet also der Mann, der den ganzen Schlamassel angerichtet hat. Der als Islands Fußball-Nationaltrainer die perfide Taktik der Engländer nicht erkannt hat. Der den Preis eines Viertelfinaleinzugs nicht ersehen konnte: eine touristische Völkerwanderung auf seine Heimatinsel.

Sie werden damit leben müssen, die Isländer, auch wenn ein paar Tausend weniger Touristen der Lebensqualität auf der Insel sicherlich zuträglich wären. Denn eines verbietet sich in jedem Fall: den türkischen Weg zu wählen.

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SZ vom 03.11.2016/kaeb
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