Menschen in der Wirtschaft 2022

Befördert, beklatscht, belacht

2022 war ein Jahr voller Krisen und Katastrophen. Doch so manche Firmenchefin und so mancher Politiker hat mit neuen Ansätzen beeindruckt - oder ist gescheitert.

Menschen in der Wirtschaft 2022

Befördert, beklatscht, belacht

2022 war ein Jahr voller Krisen und Katastrophen. Doch so manche Firmenchefin und so mancher Politiker hat mit neuen Ansätzen beeindruckt - oder ist gescheitert.

Von SZ-Autoren
27. Dezember 2022 - 26 Min. Lesezeit

Der Wandelbare

„Schnaufen Sie ein bisschen durch!“

Robert Habeck, Bundeswirtschaftsminister
Robert Habeck, Bundeswirtschaftsminister

„Politiker sind letzten Endes auch Menschen. Wir sind träge Wesen.“ Das sagte Robert Habeck in einer Talkshow kurz nach der Regierungsbildung 2021. Es ging um die Versäumnisse in der sich zuspitzenden Corona-Krise, um zu langsames Denken, zu zögerliche Entscheidungen, die Habeck entschuldigen wollte. Und es klang ein bisschen so, als wolle er sich da einreihen. Robert Habeck, der neue Wirtschaftsminister, ein träges Wesen.

Das war vor gut einem Jahr und kommt einem doch vor, als sei es Äonen her. Denn wer sich damals seine Meinung gebildet hat über diesen Mann, der das traditionsreiche Wirtschaftsministerium zu einem Ministerium für Wirtschaft und Klimaschutz umbauen wollte, der hatte sicher etwas anderes vor Augen als das, was dann kam.

Kein Politiker hat im Jahr 2022 so überrascht wie der deutsche Wirtschaftsminister. Und das lag nicht nur an dem Einmarsch Russlands in der Ukraine und der darauffolgenden Energiekrise, die ihn ins grelle Licht der Aufmerksamkeit rückte. Es lag auch an Robert Habeck. Daran, dass er sich mitten in der Krise quasi neu erfand, sich als gedanklich flexibel erwies, als zugänglich für Beratung und als erstaunlich pragmatisch. Der Habeck des Jahres 2021 war einer, der pseudophilosophischen Gedanken so viel Raum einräumte, dass man ihm Praktisches kaum zutraute. Der Habeck des Jahres 2022 stand mitten im Zentrum der Energiekrise und erwies sich darin auf einmal als Mann der Tat statt der Worte.

Der Habeck des Jahres 2021 war ein Grünen-Politiker, der mit einem Ziel antrat: in Deutschland die Energiewende zum Grünen voranzubringen und damit die fossilen Energien über kurz oder lang zu eliminieren. Der Habeck des Jahres 2022 musste nach dem Einmarsch Russlands in der Ukraine das Gegenteil tun. Er musste dafür sorgen, dass Deutschland nicht die fossilen Energieträger ausgingen, damit man überhaupt noch Heizen, Strom erzeugen und Produktionsbänder laufen lassen konnte. Habeck musste Kohlekraftwerke ans Netz lassen, Terminals für LNG-Gas rasant genehmigen und bauen lassen, die Gas nach Deutschland bringen, das teils aus Fracking gewonnen ist, eine Technologie, der die meisten Grünen ablehnend gegenüberstehen. Seine Regierung hat nach etwas Hängen und Würgen sogar die Laufzeiten der Atomkraftwerke verlängert – zwar nicht sehr lang, für die Grünen ist das aber ein hochemotionales Thema, schließlich haben sie lange für deren Abschaltung gekämpft.

Der Habeck des Jahres 2021 ließ gewisse Vorbehalte gegenüber dem Kapitalismus und der Marktwirtschaft erkennen. Er insinuierte in Interviews etwa, bislang habe man Wohlstand in der Wirtschaftspolitik oft als alleinigen Zweck definiert. Künftig brauche es eine sozialökologische Marktwirtschaft. Der Habeck des Jahres 2022 musste aufpassen, dass Deutschland angesichts der Energiekrise nicht in eine tiefe Rezession abrutschte – und harte Wohlstandsverluste folgten. In seiner Weihnachtsansprache auf Instagram sagte er kürzlich, es sei die Arbeit seines Ministeriums, „die soziale Marktwirtschaft zu verteidigen und zu schützen“.

Da hat jemand seinen Beratern und Fachleuten im Ministerium zugehört, das ist offensichtlich. Dem ein oder anderen bisherigen Fan mag das nicht gefallen. Und doch hat Habeck sich dabei bislang trotzdem nicht allzu sehr verbogen. Er hat eher gelernt, die schlimmsten ökonomischen Fehltritte zu vermeiden, um ernst genommen zu werden. Seine Botschaft hat sich dabei kaum verändert: Wirtschaft und Klimaschutz gilt es zu vereinen. Das ist das Ziel. Habeck hat in diesem Jahr gezeigt, dass er kein Dogmatiker ist, sondern ein gedanklich überraschend flexibler Krisenmanager, der nicht immer alles selbst am besten weiß. Sondern der sich Rat sucht.

Natürlich ist ihm in diesem Jahr auch einiges misslungen. Die Gasumlage zum Beispiel, die falsch geplant war und die die Regierung zu Recht wieder zurücknehmen musste, war ein Debakel. Auch die Gaspreisbremse hat ihre Schwächen. Das muss man beklagen. Und doch: Wer hätte Deutschland vor einem Jahr zugetraut, dass es innerhalb weniger Monate ein Großprojekt wie das erste Flüssigerdgas-Terminal in Wilhelmshaven baut? Und wer hätte noch im Frühjahr geglaubt, dass es gelingen könnte, wirtschaftlich halbwegs unbeschädigt über diesen Winter zu kommen, ohne Gas aus Russland?

Interessant ist nun, wie es weitergeht. Wird Habeck im kommenden Jahr auch mal zu dem kommen, für das er eigentlich angetreten ist: die grüne Energiewende? Und wird er das ähnlich pragmatisch angehen? Wird er sie auch so organisieren, dass sie möglichst kompatibel ist mit der Marktwirtschaft?

Leider deutet sich gerade an, dass es dort anders kommen könnte. Dass Habeck erwägen könnte, sich an Netzbetreibern zu beteiligen staatlicherseits, dass er dem Staat mehr traut als dem Markt, um weiterzukommen. Aber noch ist nichts geschehen.

„Schnaufen Sie ein bisschen durch!“, rät Habeck am Ende seines Instagram-Weihnachts-Posts seinen Followern. Man möchte es ihm auch gönnen. Lisa Nienhaus

Die Unerwartete

„Ich erwarte von der Politik, dass sie freundschaftliche Beziehungen zu Partnern pflegt.“

Antje Vargas, Vorstand von Geoclimadesign
Antje Vargas, Vorstand von Geoclimadesign

Es klingt schon fast nach Klassenfahrt: „Witzig und herzlich“ sei er, der Kanzler. Seine „ansteckende Lache“, die ist Antje Vargas im Gedächtnis geblieben. Und erst die Chefs der großen Dax-Unternehmen: Die seien „nahbar und fröhlich, halten zusammen“.

So beschreibt Vargas ihre erste Reise als Teil einer Wirtschaftsdelegation von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) im November nach Peking. Der begeisterte Bericht überrascht, wenn man bedenkt, wie viel Kritik Scholz für seinen Trip einstecken musste, und wie anstrengend es für alle Beteiligten gewesen sein muss: der lange Flug, die kurze Aufenthaltsdauer abgeschirmt von der Außenwelt, weil die Besucher potenziell Covid nach China tragen könnten, dann direkt zurück.

Vielleicht war es die Euphorie ihrerseits, überhaupt mitgeflogen zu sein? Denn überrascht hat Vargas ihre Teilnahme selbst. Sie ist keine Chefin eines milliardenschweren Konzerns, sondern Vorstand der kleinen Firma Geoclimadesign in Brandenburg. Ein Heiztechnikunternehmen, Umsatz im niedrigen einstelligen Millionenbereich, rund 20 Mitarbeiter. Warum ausgerechnet sie ausgewählt wurde, die deutsche Wirtschaft zu repräsentieren? Ein Besuch in Fürstenwalde zeigt eine Unternehmerin, mit der sich viele Politiker gerne schmücken würden – und die doch eine eigene Agenda verfolgt.

Vargas steht in ihrem Büro in einer Wassermühle an der Spree aus dem 19. Jahrhundert. Mit der Hand klopft die 60-Jährige gegen die Ziegelwand. „Wegen des Denkmalschutzes konnten wir keine Dämmung anbringen“, sagt sie. „Energetisch denkbar schlecht.“ Die Lösung für das Problem produziert ihre Firma selbst. Sie steckt in der Decke: Kapillarrohrmatten, ein Geflecht aus feinen hohlen Plastikschnüren, durch die je nach Bedarf warmes Wasser zum Heizen oder kaltes zum Kühlen des Raums gepumpt wird. Der Vorteil laut Vargas: Bei ihrer Konstruktion müsse das Wasser deutlich weniger aufgeheizt werden als bei herkömmlichen Heizkörpern, um den Raum gleich warm zu halten. Ein „Joker für die Wärmepumpe“, schwärmt sie. Energieeffizienz, ein Trend-Thema im Moment, was sicher auch den Leuten im Kanzleramt aufgefallen sein muss, als sie ihre Bewerbung aus Dutzenden anderen herausfischten.

Dazu kommt Vargas’ Werdegang. Nach dem Studium der Außenwirtschaft in der DDR arbeitete sie für die staatseigenen Buna-Werke. Nach der Wende verkaufte sie Heiztechnik für andere Firmen, bis sie sich dachte: „Das können wir besser.“ Mit ihrem Mann und weiteren Gesellschaftern gründete sie 2007 das Unternehmen. Die Heizsysteme werden in Fürstenwalde geplant, produziert und an Baustellen verschickt. Und eine ostdeutsche Erfolgsgeschichte lässt sich auch politisch gut vermarkten.

Doch anfangs lief das Geschäft nur schleppend. „Wir waren unserer Zeit voraus“, sagt Vargas. Die Technik war zu neu, die Energiepreise zu niedrig. Von der ersten Produktionshalle bis zur zweiten vergingen zehn Jahre. Bis zur dritten soll es nur noch zwei Jahre dauern.

Vargas würde das nie sagen, doch mit ihrem Produkt gehört sie zu den Profiteuren des russischen Angriffskriegs in der Ukraine. Seitdem die Energiepreise durch die Decke gehen, boomt das Geschäft mit der energetischen Sanierung. Dabei wollte ihre Firma ursprünglich auch nach Russland expandieren; den Geschäftskatalog gibt es noch mit kyrillischen Schriftzeichen. Die Pläne hätten sie in Ermangelung eines Vertriebspartners aber schon lange vor dem Krieg gestoppt.

Auf China setzt Vargas dafür umso mehr. An der Fassade der Mühle steht der Firmenname einmal in lateinischer Schrift und einmal in chinesischen Schriftzeichen. Vargas ist Fan der chinesischen Unternehmermentalität. Die Kunden seien technologieaffin und hätten einen „sportlichen Verhandlungsstil“, sagt sie anerkennend. „Die haben ein Ziel vor Augen, wichtige Details werden durchverhandelt, Unwichtiges weggelassen.“

2010 hat ihre Firma das erste Projekt in China aufgetrieben, ein Bürogebäude. Ende nächsten Jahres soll China ein Drittel des Umsatzes ausmachen, sagt Vargas, sie hält eine Versechsfachung des Geschäftsvolumens für realistisch. In China produzieren will Vargas hingegen nicht. Das komme beim hohen Grad der Automation nicht billiger, und die Kunden kauften gerade wegen des „hohen Standards der Produktqualität“ in Deutschland.

Damit ihre Pläne aufgehen, braucht sie die Hilfe der Politik. Denn wenn die Spannungen zwischen China und dem Westen immer größer werden, wirkt sich das negativ aufs Geschäft aus. „Ich erwarte von der Politik, dass sie freundschaftliche Beziehungen zu Partnern pflegt“, sagt Vargas. Und ja, China ist in ihren Augen ein Partner. Damit spricht sie vielen Unternehmerkollegen aus dem Herzen – erteilt weiten Teilen der Bundesregierung aber eine Abfuhr, die sich lieber von China distanzieren. Außer dem symbolischen Teilnehmerbild – fünf Frauen, 39 Männer – hat die Wirtschaftsdelegation wenig Zählbares aus Peking mitgenommen. Vargas möchte aber am liebsten bald noch mal hin: Wenn die Quarantäne abgeschafft ist und sie nicht nur den Kanzler, sondern auch ihre Kunden treffen kann. Florian Müller

Der Verkehrsrevolutionär

„Unser Hauptziel ist es, den Verkehr zu entlasten und in Summe weniger Autos auf den Straßen zu haben.“

Oliver Mackprang, Chef des Carsharing-Unternehmens Miles
Oliver Mackprang, Chef des Carsharing-Unternehmens Miles

Ein Auto steht im Schnitt 23 Stunden am Tag herum. Das ist alles andere als nachhaltig. Und doch tun sich bisher fast alle Unternehmen schwer, mit dem Teilen von Autos Geld zu verdienen. Oliver Mackprang hat als Chef des Carsharing-Anbieters Miles eigenen Angaben zufolge geschafft, schwarze Zahlen zu schreiben. Einem Berliner Start-up mit einem 33-Jährigen an der Spitze ist gelungen, woran sich Großkonzerne wie BMW, Mercedes die Zähne ausgebissen haben.

Gerade im Mobilitätsbusiness tummeln sich viele Start-ups, die den alteingesessenen Autokonzernen Konkurrenz machen wollen. Manche wollen Elektroautos bauen, andere mit E-Scootern die Städte vom Autoverkehr entlasten. Die meisten gehen pleite oder werden im besten Fall aufgekauft von einem der großen Player.

Beim Carsharing-Anbieter Miles lief es andersherum: Im Herbst 2022 gab das Unternehmen bekannt, das Carsharing-Geschäft Weshare von VW zu übernehmen. Der Kleine kauft beim Großen ein, anstatt selbst geschluckt zu werden: außergewöhnlich. Zumal die Pandemie auch für das Carsharing-Geschäft keine rosige Zeit war. Oliver Mackprang kam 2019 zu Miles, kurz bevor das Virus die Gewohnheiten der Menschen veränderte. Sie wollten plötzlich keine Dinge – auch Autos – mehr teilen. Und viele Anlässe, irgendwohin zu fahren, zum Möbelhaus oder auf Familienbesuch, fielen flach.

Doch genau in dieser schwierigen Zeit baute Mackprang die Fahrzeugflotte aus. Ein Erfolgsgeheimnis, das betont Mackprang, sei der Zweck des Unternehmens: „Unser Hauptziel ist es, den Verkehr zu entlasten und in Summe weniger Autos auf den Straßen zu haben.“ Weniger Autos – so eine Botschaft verkauft sich bei einem Autohersteller deutlich schwieriger als bei einem Start-up, dessen Chef schon 2012 eine Carsharing-App entwickelte und später beim Ridepooling-Dienst Moia arbeitete. Mackprang kauft man ab, dass er einer aus dieser neuen Generation ist, für die ein Auto kein Statussymbol ist, das man besitzen muss – sondern ein komfortables Fortbewegungsmittel für kurze Zeit. Christina Kunkel

Der Hobby-Jurist

„Mir war klar: Eigentlich müssen wir das Ding gewinnen.“
Reiner Hermann, Solo-Selbständiger
Reiner Hermann, Solo-Selbständiger

Als Reiner Hermann am 16. August 2022 das Verwaltungsgericht in Düsseldorf betrat, da habe der „kühle Hobbyjurist“ in ihm versucht, sich zu beruhigen. „Mir war klar: Eigentlich müssen wir das Ding gewinnen“, sagt er.

Doch wenn man das eigene Bundesland verklagt, ist es schwierig, gelassen zu bleiben. Zusammen mit seinem Mitstreiter Marc Schuirmann hat Hermann initiiert, dass im Jahr 2022 Tausende Selbständige gegen die angeordnete teilweise Rückzahlung der Corona-Soforthilfe geklagt haben. Als im Frühjahr 2020 die Pandemie über Deutschland hereinbrach, mussten Friseure ihre Salons schließen, für Veranstaltungstechniker gab es keine Konzerte mehr zu beleuchten. Bereits im März zahlten Bund und Länder erste Hilfsgelder an Selbständige, in Nordrhein-Westfalen 9000 Euro.

Zunächst hieß es in den Antragsbedingungen, dass Betroffene den Betrag nutzen dürften, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Später änderten sich die Konditionen oft rückwirkend. Auch in NRW. Viele Betroffene sollten Geld zurückzahlen, wenn sie keine hohen Betriebsausgaben vorweisen konnten. Darüber empörten sich viele (Solo-)Selbständige, auch Unternehmensberater Hermann und Filmemacher Schuirmann. Sie scharten in einer Facebook-Gruppe bis heute mehr als 10 000 Mitglieder um sich. Gemeinsam zahlten sie in eine „Kampfkasse“ ein, engagierten eine Anwaltskanzlei und klagten gegen die Bescheide.

Unter den anderen Selbständigen stieß Hermann auf Menschen, die um ihre Existenz bangten, die wütend und zunehmend politikverdrossen waren. „Ich kann das verstehen, aber mir war es wichtig, nie destruktiv zu werden“, sagt Hermann. Stattdessen verwendete er seine Energie für Öffentlichkeitsarbeit und Gerichtsverfahren, mit Erfolg. Das Gericht in Düsseldorf hat den Klägern bei der Verhandlung im August letztlich recht gegeben, später haben solche Entscheidungen auch Gerichte in Köln und Gelsenkirchen getroffen.

Für Herrmann ist der Kampf dennoch nicht vorbei. Im nächsten Jahr stehen an anderen Gerichten in NRW noch weitere Urteile zur Soforthilfe aus. Der Hobbyjurist in Reiner Hermann ist optimistisch, dass die soloselbständigen Kläger auch dort gewinnen. Felicitas Wilke

Der Energie-Entwickler

„Ich kann mir eigentlich nichts Geileres vorstellen, als daran mitzuwirken, dass wir weiter auf diesem Planeten leben können und damit auch noch Geld zu verdienen.“
Mario Kohle, Gründer
Mario Kohle, Gründer

Zu den Lieblingsbüchern von Mario Kohle zählt „Good to Great“. Der US-Managementexperte Jim Collins erklärt darin, wie Unternehmen nicht nur gut, sondern großartig werden. Genau das will Kohle, 38, mit seiner Firma Enpal werden. Das Start-up aus Berlin vermietet Solarmodule, Wandladestationen für Elektroautos und Speicher – inklusive Software, App, Montage, Versicherung und Wartung.

Schon der Name ist eine Botschaft: Enpal, eine Verschmelzung der englischen Wörter Energy und Pal, Freund und Kumpel, heißt das übersetzt. Kohle denkt groß: „Wir wollen die weltweit größte Community für Erneuerbare werden. Auf jedem Dach eine Solaranlage, vor jeder Tür ein Elektroauto, in jedes Haus einen Speicher und eine Wärmepumpe“, sagt Kohle. Er beschreibt sich als „insecure overachiever“, als einen, der unsicher sei und dann mehr erreiche, als er gedacht hätte. Als einen, der morgens aufstehe, um der Welt zu beweisen, dass er doch was könne. Sieht aus, als könnten Kohle und seine Mitgründer Viktor Wingert und Jochen Ziervogel viel. Für 2022 peilt Enpal einen Umsatz von 400 Millionen Euro an, 2023 „mindestens“ doppelt so viel. „Wir machen Gewinn“, sagt Kohle, das ist ihm wichtig. Mitte Dezember hatte er schon mehr als 30 000 Kunden.

Der Erfolg wird honoriert: In ihrem Ranking für das Jahr 2022 kürten die Financial Times und die Daten-Plattform Statista Enpal zum am schnellsten wachsenden Unternehmen in der Sparte Energie in Europa. Im Herbst 2021 avancierte Enpal zum ersten Unicorn der deutschen Greentech-Szene, deren Protagonisten mit Produkten und Dienstleistungen zu einer nachhaltigen Wirtschafts- und Lebensweise beitragen wollen. Unicorns, also Einhörner, sind Start-ups, die von Investoren mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet werden. Kohle selbst hält noch etwa ein Drittel der Anteile des Start-ups.

Es nicht seine erste Gründung. 2008 war er beteiligt an der Entstehung der Plattform Käuferportal, die 2016 an die Pro-Sieben-Gruppe verkauft wurde. „Da haben wir Leuten geholfen, Geld beim Kauf von Treppenliften zu sparen oder bei der Küche. Das war schon cool. Aber wen interessiert das in 50 Jahren noch?“ Kohle beschäftigte sich mit dem Klimawandel. „Ich habe gemerkt, dass die Menschen, die ich liebe, elendig krepieren könnten, obwohl es vermeidbar gewesen wäre.“

Kohle wollte was unternehmen, etwas machen, was „Impact“ hat, eine positive Wirkung. „Ich kann mir eigentlich nichts Geileres vorstellen, als daran mitzuwirken, dass wir weiter auf diesem Planeten leben können und damit auch noch Geld zu verdienen.“ Elisabeth Dostert

Die Krisenmanagerin

„Der Zeitraum, in dem die Wirtschaft von den Reserven leben kann, ist endlich."
Elwira Nabiullina, Chefin der russischen Zentralbank
Elwira Nabiullina, Chefin der russischen Zentralbank

Auch Farben können viel erzählen. Als Russland im Februar in die Ukraine einmarschierte, trug Elwira Nabiullina Schwarz. Es waren düstere Tage für die Chefin der russischen Zentralbank. Bloomberg berichtete, dass Nabiullina Wladimir Putin um ihre Entlassung gebeten habe, der Kremlchef sie jedoch nicht gehen lassen wollte. Eine Bestätigung dafür gibt es nicht, aber klar ist, dass der Kriegsbeginn auch für die Notenbankchefin eine Zäsur war.

Die 59-Jährige gilt als eine der wenigen Liberalen in Putins Umfeld. Doch sie hat sich auch nicht gegen ihn gestellt. Elwira Nabiullina wurde somit zu einer der größten Stützen des russischen Kriegspräsidenten, denn ihr hat es Putin zu verdanken, dass Russland bisher überraschend gut die massiven westlichen Sanktionen abfedern konnte. Und das, obwohl die Bankerin noch im April gewarnt hatte: „Der Zeitraum, in dem die Wirtschaft von den Reserven leben kann, ist endlich."

Doch klar ist auch: Ohne Nabiullinas Entschlossenheit, da sind sich auch westliche Finanzexperten einig, würde ihr Land tatsächlich weitaus stärker unter den Lasten des Krieges und den Sanktionen leiden. Nur vier Tage nach Beginn des Einmarsches erhöhte die russische Zentralbank den Leitzins drastisch von 9,5 auf 20 Prozent, um so eine massive Abwertung des Rubels und einer Inflation entgegenzuwirken. In den folgenden Monaten senkte sie in vielen kleinen, kontrollierten Dosen den Zinssatz auf jetzt 7,5 Prozent.

Russlands prekäre wirtschaftliche Lage zwang Nabiullina allerdings zu noch mehr Entscheidungen, an die sie ohne den Krieg sicher nie gedacht hätte. Ausgerechnet die liberale Bankerin griff radikal in den Kapitalverkehr ein, verbot Menschen in Russland, von ihren Konten Dollar abzuheben, und bremste so den Abfluss der Devisen ins Ausland. Der vom Absturz bedrohte Rubel stabilisierte sich. Und doch, jahrelang hatte die international angesehene Ökonomin für Russland enorme Währungsreserven aufgebaut, und nun wurde die Hälfte davon, im Westen angelegt, genau dort eingefroren und dem Zugriff Moskaus entzogen.

Nabiullina dürfte Putins Kriegskurs schmerzen, anmerken lässt sie es sich selten. Wenige Tage vor Weihnachten deutete Elwira Nabiullina allerdings noch einmal an, wie sie über die Folgen dieses Krieges denkt, darüber, dass dem Militärischen derzeit alles andere untergeordnet wird. Sie warnte nämlich, dass die Mobilisierung von offiziell mehr als 300 000 Zivilisten für die russische Armee den Mangel an Arbeitskräften weiter verschärfe. Es klang nach Unmut, dezent verpackt. Frank Nienhuysen

Der Klick-König

„Künftig will ich noch größere Sachen durchziehen.“
MrBeast, Youtuber
MrBeast, Youtuber

Würde man Protz und Superlative in einen Youtube-Kanal verwandeln, käme dabei wahrscheinlich der Kanal von Youtuber MrBeast heraus. Zumindest gibt sich der 24-Jährige so: Er verschenkt mal eben 500 000 Dollar an einen Familienvater, einen 2,5 Millionen Dollar teuren Privatjet an einen seiner Youtube-Kollegen und eine private Insel an den 100-millionsten Abonnenten.

Der Haken: Für das Geld musste der Familienvater 100 Tage in einem rot markierten Kreis verbringen, den Privatjet erhielt der, der das Flugzeug am längsten ununterbrochen berührte und um die Insel kämpften sich 100 seiner Abonnenten durch eine Reihe von Aufgaben. Das alles wird gefilmt, knapp geschnitten und mit einer simplen Überschrift versehen, schon schauen Hunderte Millionen Menschen zu.

120 Millionen Follower machen MrBeast seit November 2022 zum erfolgreichsten Youtuber der Welt. Damit überholt MrBeast den seit 2015 unangefochtenen Youtube-Star PewDiePie, der mit Gaming-Videos berühmt wurde. Die Arbeit von MrBeast, der eigentlich Jimmy Donaldson heißt, macht sich bezahlt. 2021 nahm er mit seinen Videos 54 Millionen Dollar ein, schätzt es das Forbes Magazin. Neben den Videos betreibt er eine Burger-Kette und verkauft Merchandise-Artikel.

Das Geld, das er in seinen Videos verprasst, dürfte vor allem von Werbepartnern kommen, die in seinen Videos Clips platzieren. Ihm selbst ginge es aber gar nicht um das Geld, sagte er mal dem Rolling Stone-Magazin. Er wolle vor allem mehr Reichweite generieren und „noch größere Sachen“ durchziehen, sagte er – die wiederum mehr Geld einbringen. Marie Vandenhirtz

Der Negativ-Rekordhalter

„Die Leute haben sich mitreißen lassen, auch ich.“

Kwasi Kwarteng, ehemaliger britischer Finanzminister
Kwasi Kwarteng, ehemaliger britischer Finanzminister

Von den vier Finanzministern, die Großbritannien in diesem Jahr hatte, dürfte einer besonders in Erinnerung bleiben: Kwasi Kwarteng. Der Tory-Politiker löste in den 38 Tagen seiner Amtszeit ein so gewaltiges Chaos an den Finanzmärkten aus, dass die Bank of England mehrfach eingreifen musste. Kwartengs Steuersenkungspläne waren dermaßen radikal, dass manch altgedienter Tory nur den Kopf schüttelte: Wie konnte der Schatzkanzler den Ruf der Konservativen Partei als Garant wirtschaftlicher Stabilität nur so ruinieren?

Nun, darüber musste der 47-Jährige nach seinem unfreiwilligen Rücktritt erst einmal nachdenken. Den Versuch einer Antwort hat er kürzlich im Gespräch mit der Financial Times unternommen. „Ich bedauere vor allem, dass wir taktisch nicht klug vorgegangen sind und zu ungeduldig waren“, sagte Kwarteng. „Die Leute haben sich mitreißen lassen, auch ich.“ Mitreißen ließ sich Kwarteng vor allem von Liz Truss, die ihn schließlich feuerte, um dann festzustellen, dass auch sie als Premierministerin keine Zukunft mehr hatte. Gerade mal 45 Tage regierte Truss in 10 Downing Street, so kurz wie kein Premier vor ihr.

Dabei hatten sie und Kwarteng es sich so schön ausgemalt: Sie wollten Großbritannien endlich wieder auf Wachstumskurs bringen. Und um das zu erreichen, sollte der Staat so schlank wie möglich werden. Als Kwarteng die größten Steuersenkungen seit 50 Jahren im Parlament verkündete, trauten manche Abgeordnete ihren Ohren nicht. Da sprach ein Schatzkanzler von milliardenschweren Entlastungen, ohne zu erklären, wie diese finanziert werden sollen.

Es folgten dramatische Tage, wobei nicht ganz klar war, ob Kwarteng den Ernst der Lage überhaupt erkannte. Obwohl die Renditen britischer Staatsanleihen krass nach oben gingen und der Kurs des britischen Pfunds gegenüber dem US-Dollar auf den tiefsten Stand seit 1985 abstürzte, gab sich Kwarteng uneinsichtig und versprach vollmundig: „Da kommt noch mehr.“ So war es dann auch, allerdings anders, als er sich das vorgestellt hatte. Am Ende kam so viel zusammen, dass erst Kwasi Kwarteng aufgeben musste. Und ein paar Tage später dann Liz Truss. Alexander Mühlauer

Die Tatkräftige

„Uns läuft die Zeit davon. Es ist nötig, dass wir härter arbeiten.“

Ngozi Okonjo-Iweala, Chefin der WTO
Ngozi Okonjo-Iweala, Chefin der WTO

Als Ngozi Okonjo-Iweala im Frühjahr 2021 WTO-Chefin wurde, galt ihr Job als einer der schwierigsten der Welt. Klinisch tot, bedeutungslos, im Koma: So beschrieb man damals die Welthandelsorganisation mit Sitz in Genf. Zu sehr steckte der Multilateralismus nach Donald Trumps Präsidentschaft in der Krise, zu sehr hatte der Handelskrieg zwischen Washington und Peking Ziele und Regeln der WTO ad absurdum geführt. Herausforderungen, die offenbar den Ehrgeiz der heute 68-jährigen Ngozi Okonjo-Iweala anstachelten.

Die in Harvard ausgebildete Ökonomin, die mehrmals Ministerin ihres Heimatlandes Nigeria war und dann eine beachtliche Karriere bei der Weltbank machte, zeigte sich entschlossen, die WTO aus ihrer Krise zu holen. Eine gute Gelegenheit: das 12. Ministertreffen, oberstes Gremium der WTO, im Juni dieses Jahres. Als die Delegierten der 164 Mitgliedstaaten dafür in Genf eintrafen, war allen klar, dass dieses Treffen kein gewöhnliches sein würde. Zum letzten Mal hatte die WTO 2013 Beschlüsse zustande gebracht. Wenn es diesmal wieder nichts würde, könnte man die Organisation endgültig abschreiben.

Doch es kam anders. Die Delegierten einigten sich: In vier wichtigen Bereichen kamen Abkommen zustande, darunter die Begrenzung von Fischereisubventionen und eine zeitlich befristete Aufhebung der Patente auf Covid-19-Impfstoffe für arme Staaten. Zwar kritisierten viele Beobachter, dass die Beschlüsse mit einer starken Verwässerung erkauft wurden.

Und doch: Seit der Ministertagung gilt die WTO als wiederbelebt. Daran hat auch die Chefin Anteil. Okonjo-Iweala drängte die Delegierten in Nachtschichten und über das offizielle Ende der Tagung hinaus, sich zu einigen. „Uns läuft die Zeit davon“ , sagte sie während des Treffens. „Es ist nötig, dass wir härter arbeiten.“ Das taten diese schließlich. Und Okonjo-Iweala, die Frau der Stunde, erhielt für ihre Mühen in der Abschlusssitzung ein Ständchen. Isabell Pfaff

Der erstaunlich Laute

"Wir sorgen für den heißen Herbst."

Martin Schirdewan, Chef der Partei Die Linke
Martin Schirdewan, Chef der Partei Die Linke

Martin Schirdewan hat im zurückliegenden Jahr gleich in dreierlei Hinsicht überrascht: Er wurde, erstens, im Juni zum Bundesvorsitzenden der Linkspartei gewählt, obwohl sein Name bis dahin allenfalls den Feinschmeckern des Berliner Politikbetriebs ein Begriff war. Seither ist er, zweitens, ein Chef, der sich wenig in die Grabenkämpfe seiner chronisch zerstrittenen Partei begibt und dafür eher mit inhaltlichen Vorstößen auffällt. Nur leider, und das ist die dritte Überraschung, hat das der Linken bislang in Umfragen wenig geholfen.

Schirdewan, 47, wuchs in Ostberlin auf, aber er ist ein politischer Thüringer. Hinter seinem Aufstieg an die Parteispitze steht von allem der so erfolgreiche wie einflussreiche thüringische Landesverband. Als sich Anfang des Jahres eine Thüringerin vom Parteivorsitz zurückzog und sich in Erfurt niemand anderes aufdrängte für die Planstelle an der Seite der Co-Vorsitzenden Janine Wissler, da war plötzlich der Weg frei für den Europapolitiker Schirdewan.

In Brüssel leitet er zusammen mit der Französin Manon Aubry die europäische Linksfraktion. Sein Mandat im EU-Parlament hat er auch als Parteivorsitzender behalten. Schirdewan ist ein promovierter Politologe mit einem scharfen analytischen Sachverstand. Er macht sich viele Gedanken zur strategischen Entwicklung seiner Partei und glaubt, dass die Linke in ihrer Kommunikation wieder mehr zuspitzen muss, um als Opposition sichtbar zu bleiben. Die sozialen Bewegungen mobilisieren, Umverteilungsfragen thematisieren, wieder mehr gesunden Populismus wagen – so könnte man seine Strategie zusammenfassen.

Tatsächlich hat die Linke unter Schirdewans Kommando die öffentlichen Debatten um eine Übergewinnsteuer, einen Gaspreisdeckel oder auch die Fortsetzung des Neun-Euro-Tickets maßgeblich geprägt und in der Klimapolitik ein Alleinstellungsmerkmal besetzt, indem sie sich mit den Aktivisten der „Letzten Generation“ solidarisierte. "Wir sorgen für den heißen Herbst", hatte Schirdewan in einem Interview gesagt.

Die großen sozialen Proteste sind zwar weitgehend ausgefallen, gleichwohl bleibt festzuhalten: Die Linke schafft es jetzt auch mal wieder mit ihrer Kritik an der Bundesregierung in die Nachrichten und nicht nur immerzu mit ihrer Kritik an sich selbst. Boris Herrmann

Die Energiereiche

„Ich hatte schon immer eine intrinsische Motivation, etwas zu bewegen, Geld zu verdienen, einfach etwas zu tun.“
Franzi von Hardenberg, Unternehmerin
Franzi von Hardenberg, Unternehmerin

„Have it all“, das ist das Lebensmotto von Franziska von Hardenberg, übersetzt: „alles haben“. Sie versuche, aus jedem Tag alles herauszuholen, alle Chancen zu ergreifen, die sich ihr bieten, und immer mehr Ja als Nein zum Leben zu sagen, schreibt sie unter einem ihrer Bilder auf Instagram. Und das alles scheint ihr gerade ganz gut zu gelingen. Franziska von Hardenberg ist Unternehmerin, oder wie sie selbst sagen würde „#female entrepreneur“. Sie hat vier Unternehmen in zehn Jahren gegründet und ist mittlerweile mit ihrem Schmucklabel „The Siss Bliss“ mit personalisiertem Goldschmuck erfolgreich. Und während die 44 000 Follower da eine logische Folge scheinen, wird sie zunehmend auch von der klassischen Wirtschaft respektiert.

Dieses Jahr wurde sie „Unternehmerin des Jahres 2022“, der Verband der Familienunternehmer ehrte sie mit diesem Titel. „Für mich war schon immer klar, dass ich Unternehmerin werden möchte“, sagt Hardenberg. Mit vier Jahren habe sie im Urlaub Muscheln gesammelt, sie die Nacht über angemalt und am nächsten Tag für fünf Pfennig das Stück verkauft – das klassische Gründergen also. „Ich hatte schon immer eine intrinsische Motivation, etwas zu bewegen, Geld zu verdienen, einfach etwas zu tun.“ Da lag es nahe, Marketing- und Kommunikationswissenschaften zu studieren. Trotzdem war ihr Anfang „total klassisch“ im Einzelhandel, wie sie sagt: „Mein Chef hat damals zu mir gesagt: Du darfst dir im Leben nie zu fein dafür sein, vor deinen Kunden auf die Knie zu gehen und ihnen die Schuhe zuzubinden. Ein Satz, der mich mein Leben lang begleitet“, sagt Hardenberg.

Dabei lief es nicht immer gut bei ihr: Für ihr erstes Unternehmen bekam sie von der Bank keinen Kredit, ihre anderen Start-ups scheiterten, auch, weil sie neben ihren Anstellungen gründete. Mittlerweile kann sie ihre Energie voll und ganz auf ihr Schmucklabel konzentrieren – und hat dann vielleicht am Ende wirklich alles, was sie will. Paulina Würminghausen

Die Weltraumeroberin

„Wir wollen zeigen, wie einfach es ist, einen Rover zu bauen.“

Irene Selvanathan, Gründerin
Irene Selvanathan, Gründerin

Dass der Mond als Ziel der Weltraumbegeisterten wieder angesagt ist, überrascht nicht wirklich. Spätestens seitdem die Amerikaner ankündigten, Mitte des Jahrzehnts wieder Menschen auf dem Mond landen zu lassen, gibt es kein Halten mehr. Für die nächsten zehn Jahre sind weltweit 140 Mondmissionen in Planung – ein Milliardengeschäft. Überraschend dabei ist, dass eine 42-jährige Berlinerin mitmischen will.

Mit ihren kleinen Mondrovern erregte Gründerin Irene Selvanathan in diesem Jahr überall Aufmerksamkeit, wo sie auftauchte: auf dem Astronautenkongress IAC in Paris, auf der Luftfahrtmesse Ila in Berlin oder anderen Raumfahrtmessen. Die Fahrzeuge, die ihr Team mit der Raumfahrttechnik der TU Berlin entwickelt hat, sind etwa 50 Zentimeter lang und zehn Zentimeter breit. Kunden sollen damit Frachten für Experimente auf dem Mond hin und her fahren lassen können oder Bodenproben nehmen. „Wir wollen zeigen, wie einfach es ist, einen Rover zu bauen“, sagt die Ingenieurin und drückt einem dann das Gefährt, das an einen Metallbausatz aus dem Spielwarenladen erinnert, in die Hand.

Nun sucht Selvanathan für ihr Start-up Neurospace Investoren. „Wir haben in der ersten Seed-Finanzierung eine halbe Million Euro eingesammelt und wollen nun zügig in die nächste Runde gehen, um uns abzusichern“, sagt sie. Immerhin will sie die ersten Rover spätestens 2025 zum Mond starten, bis dahin braucht das Unternehmen nach eigenen Angaben weitere 1,5 bis vier Millionen Euro. Die Resonanz sei groß, sagt die Gründerin. Mittlerweile gebe es sogar Gespräche mit der US-Raumfahrtbehörde Nasa. Beim Erststart will sie demonstrieren, wie drei ihrer kleinen Mondrover, die mit Solarenergie fahren, im Schwarm funktionieren und interagieren können.

Im neuen Jahr will Selvanathan ihr Team aufstocken. Auch für sie ist das Abenteuer Mond mittlerweile Vollzeitjob. Sie hat bisher für ein Luftfahrtunternehmen elektronische Systeme entwickelt. Gut möglich, dass ihre Rover auf dem Mond dann auch auf Leben stoßen werden – nämlich auf die Astronautinnen und Astronauten der Nasa-Missionen. Dieter Sürig

Der Überraschungskandidat

Ich bin zur Überzeugung gelangt, dass mehr als 10 Jahre ein gutes Zeitmaß sind, um ein neues Kapitel aufzuschlagen.“

Jens Weidmann, künftiger Vorsitzender des Aufsichtsrats der Commerzbank
Jens Weidmann, künftiger Vorsitzender des Aufsichtsrats der Commerzbank

Es war durchaus absehbar, dass es an der Spitze des Commerzbank-Aufsichtsrats demnächst wieder einen Wechsel geben würde – doch mit dieser Nachfolge hatten die wenigsten gerechnet. Amtsinhaber Helmut Gottschalk, 71, hätte zwar gerne weitergemacht. Aber der Bund, seit der Finanzkrise mit 15 Prozent an der Commerzbank beteiligt, präsentierte eine Alternative – und zwar Jens Weidmann, 54, promovierter Volkswirt, von 2006 bis 2011 Wirtschaftsberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dann bis 2021 Präsident der Bundesbank.

Die Personalie war ein Coup: Sie zeigt zum einen, dass die Commerzbank offenbar wieder attraktiv ist, um jemanden wie Weidmann für sich zu gewinnen. Sie zeigte aber auch, dass der Bund weiter kräftig mitmischt bei der Bank, auch unter einem liberalen Finanzminister Christian Lindner. Letzterer hat zu Beginn seiner Amtszeit zwar damit geliebäugelt, den Staatsanteil zu privatisieren, betonte zuletzt aber auch, wie wichtig die Bank angeblich für den deutschen Mittelstand ist.

Früher oder später aber wird der Bund nicht darum herumkommen, die Beteiligung zu verkaufen – sei es über den Aktienmarkt, an eine andere europäische Großbank oder aber an die Deutsche Bank, mit der die Commerzbank vor wenigen Jahren versucht hatte zu fusionieren. Für diesen Fall trauen Beobachter Jens Weidmann zu, auf Augenhöhe zu verhandeln oder sogar den Aufsichtsratschef einer fusionierten deutschen Großbank zu stellen.

Andererseits muss sich Weidmann, wenn er dann im Mai offiziell gewählt ist, nun durchaus noch einarbeiten, etwa ins Kreditgeschäft oder die Risikosteuerung einer Großbank. Zudem wurde Weidmann unlängst auch als Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) gehandelt, wenn der Vertrag der Amtsinhaberin in zwei Jahren ausläuft. Er selbst lässt durchblicken, er stehe zu seiner Zusage bei der Commerzbank.

Letzte Zweifel aber dürfen erlaubt sein, schließlich hatte Weidmann bei der Bundesbank auch recht überraschend hingeschmissen. „Ich bin zur Überzeugung gelangt, dass mehr als 10 Jahre ein gutes Zeitmaß sind, um ein neues Kapitel aufzuschlagen“, sagte er damals. Mal schauen, ob er auch der Commerzbank so lange erhalten bleibt. Meike Schreiber

Die offene Forscherin

"Wenn man Frauen in Entscheidungsgremien außen vor lässt, fehlt ein ganzer Bereich der Lebenserfahrung."
Ulrike Malmendier, Wirtschaftsweise
Ulrike Malmendier, Wirtschaftsweise

Als Wirtschaftsweise wurden früher gern ältere Männer mit konservativen Ansichten berufen. Von 2020 an kamen immer mehr Ökonominnen in den Sachverständigenrat. Und seit die Bundesregierung im Sommer Ulrike Malmendier berief, stellen Frauen sogar erstmals die Mehrheit.

Die 49-Jährige ist auch sonst ein Gegenentwurf zur herkömmlichen Spezies Wirtschaftsweiser. Das fängt damit an, dass sie politisch nicht festgelegt ist. Es geht damit weiter, dass sie in den USA lehrt, statt zeitlebens im Fahrwasser des zuweilen steifen Ordoliberalismus deutscher Prägung zu schwimmen. Und es beinhaltet, dass sie die traditionellen Rollen von Frauen und Männern nicht akzeptiert. Sie findet es im Nachhinein „ein bisschen verrückt“, dass sie auf Geheiß des Vaters erst mal eine Banklehre absolvierte hat. Sie sollte „was in der Hand haben“, dabei war doch unwahrscheinlich, dass sie nach dem besten Abitur der Stadt das Studium versemmeln würde.

Als Forscherin in den USA begann sie dann, maskuline Mythen zu entzaubern, in dem sie etwa wissenschaftlich die Selbstüberschätzung von Managern offenlegte. Dass die deutsche Kita bei einem Forschungsaufenthalt hier automatisch annahm, sie (und nicht ihr Mann) würde stets die Kinder abholen, findet sie bezeichnend. "Wenn man Frauen in Entscheidungsgremien außen vor lässt", sagt sie, "fehlt ein ganzer Bereich der Lebenserfahrung." Bekannt wurde Malmendier mit verhaltensökonomischen Arbeiten, die etwa das deutsche Angstthema Inflation beleuchten: Eine hohe Teuerung wirke lange in den Menschen nach, sodass sie falsche Entscheidungen treffen – weshalb man Inflation schnell bekämpfen sollte.

Geht das, sich aus den USA in die monatelangen Beratungen der Wirtschaftsweisen einzuschalten? Kein Problem, sagt jemand, der dabei war, und lobt ihre internationale Perspektive. Ungefragt ergänzt er, ihn beeindrucke ihre Klugheit. Malmendier kombiniert sie mit Offenheit. Die Forscherin räumt ehrlich ein, wenn sie zu einem deutschen wirtschaftspolitischen Thema noch keine abschließende Meinung hat. Auch das unterscheidet sie von der herkömmlichen Spezies Wirtschaftsweiser. Alexander Hagelüken

Der Ausnahme-Chef

"Wenn die nächste Bundesregierung einen Kohleausstieg beschließt, wäre das für uns kein existenzielles Problem."
EnBW-Chef Frank Mastiaux
EnBW-Chef Frank Mastiaux

Eigentlich war schon zu Beginn seiner Amtszeit beim Energieversorger EnBW klar, dass Frank Mastiaux ein anderer Top-Manager ist. Keiner dieser blassen, austauschbaren Betriebswirte, von denen Deutschland viel zu viele hat. Als man ihn damals, vor zehn Jahren das erste Mal traf, präsentierte er etliche komplizierte Tabellen. Es war ein komplizierter Plan für ein großes Ziel: Raus aus dem Atomzeitalter! Der Mann beherrschte seine Zahlen, natürlich.

Aber er schien vom Start weg dieses Unternehmen insgesamt zu beherrschen, im Guten. Dieser Mastiaux sei tatsächlich ansprechbar, erzählten sich die Mitarbeiter des Versorgers bald, der in Karlsruhe und in Stuttgart seine Hauptstandorte hat. Auf jede E-Mail eines jeden EnBWlers antwortete er selbst, oft zu später Nachtstunde, und sei es mit einem: „Danke, FMa“. Und dann ließ dieser FMa tatsächlich etliche Türen und Wände einreißen in der Vorstandsetage - Revolution im baden-württembergischen Staatsunternehmen.

Aber so war das gewollt von ihm, konsequent nach seiner Devise, dass Abschottung ein Miteinander behindere. Mit Abneigung bestieg Mastiaux immer auch seine gepanzerte Mercedes-S-Klasse. Die war ihm wegen der „abstrakten Gefährdungslage“ verordnet worden; das Energiegeschäft ist eben hochpolitisch. Aber schusssichere Scheiben – das entsprach überhaupt nicht seinem Stil: Er wollte rausgehen zu den Menschen. Er diskutierte heftig – und meist erfolgreich – bei Gemeindetreffen mit Bürgern, die sich gegen den Bau von Windrädern stellten. Er sagte Sätze wie "Wenn die nächste Bundesregierung einen Kohleausstieg beschließt, wäre das für uns kein existenzielles Problem" und führte dennoch mit Freude durch die Innereien seines Kohlekraftwerks RDK 8, auch um über die Tatsache zu streiten, die dieses Land gerade spürt: Es braucht solche Anlagen absehbar weiterhin, Kohlendioxid hin oder her, zum Absichern der Stromversorgung des Landes.

Der Revolutionär hatte Erfolg. Ganz anders als seine Vorgänger, die oft danebenlagen mit ihren Strategieversuchen und beim persönlichen Auftreten und die deshalb vergessen sind. Das letzte EnBW-Atomkraftwerk, Neckarsulm, ist am Auslaufen. Stattdessen hat der Versorger die meisten Windkraftanlagen und die meisten Elektrotankstellen im Land. Und tatsächlich mehr Mitarbeiter als vor seinem Amtsantritt: 26 000 statt 20 000.

Und so erlebte man Ungewöhnliches bei seinem Abschied vor einigen Wochen in Fellbach bei Stuttgart. Tränen bei Arbeitnehmervertretern, bei Politikern, die quasi Miteigentümer sind. Der Aufsichtsratsvorsitzende Lutz Feldmann erklärte, dass die EnBW inzwischen nicht mehr nur ein Unternehmen sei, sondern ein Team, bei dem die Transformation „bis in die Herzen der Belegschaft“ gedrungen sei. Der Betriebsratschef sekundierte: Der gute Eindruck vom allerersten Treffen – ein Samstag, Mastiaux hatte Geburtstag – habe sich bis jetzt gehalten. Und Mastiaux? Der 58-Jährige dankte seinem Stabsteam, so ziemlich jedem einzelnen, namentlich. Und seiner jungen Familie, für die er nun mehr Zeit investieren will. Max Hägler

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Redaktion Lea Hampel
Bildredaktion Jörg Buschmann
Digitales Storytelling Lea Hampel, Elisa von Grafenstein
Fotos Friedrich Bungert (2), Matthias Ritzmann, Niklas Vogt, Marc Schuirmann; oh, Marijan Murat; dpa, Frank Rumpenhorst; oh, Presse (3), Evgenia Novozhenina; Reuters, Britta Pedersen; dpa, Tobias Schwarz; AFP, Vivien Killilea; AFP
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