Führe mich in Versuchung

90 Tafeln pro Jahr: Die Deutschen essen so viel Schokolade wie kaum eine andere Nation, vor allem während der Adventszeit. Eine Stoffsammlung zu Dopamin, Kakao-Kunst im Museum und dem flüchtigen Glück der Süße.

2. Dezember 2022

Vertrautes Wohlgefühl

Ist Schokolade eine gesundheitliche Sünde – oder tut sie gut? Beides. Industrielle Fette können schädlich sein auf Dauer, übermäßiger Zuckerkonsum kann nahezu süchtig machen. Dunkle Schokolade mit einem Kakaoanteil ab 70 Prozent ist in der Regel weniger stark gesüßt. Sie verfügt zudem über die Aminosäure Tryptophan, welche im Gehirn die Serotoninproduktion anregt – was für gute Stimmung sorgt. Und in Bitterschokolade enthaltenes Phenethylamin befördert den Botenstoff Dopamin, der Glücksgefühle auslöst. Verspeist man allerdings regelmäßig sehr viel Schokolade, verflüchtigen sich diese Effekte. Das Wohlgefühl, das Schokolade bereitet, ist aber sowieso nicht rein chemischer Natur. Sie schmeckt eben immer auch ein bisschen nach Kindheit, Adventskalender, Nikolaus.

Problematische Geschäfte

Die Kakobohne gedeiht in feuchtem, tropischem Klima. Rund 70 Prozent der weltweiten Nachfrage von jährlich rund sieben Millionen Tonnen werden in Westafrika gedeckt, Mittelamerika spielt nur noch eine untergeordnete Rolle. Ein Hauptproduzent ist die Elfenbeinküste, und hier häufen sich auch die Probleme: Ein Großteil des Regenwaldes wurde abgeholzt für den oft illegalen Anbau, Artensterben ist die Folge. Und Kinderarbeit ist zwar verboten, jedoch weitverbreitet. Betroffen sind etwa aus Burkina Faso versklavte Kinder, die auch giftige Insektenvernichtungsmittel versprühen müssen. Nur ein Bruchteil der enormen Erlöse landet in den Herkunftsländern. Die Industrie bekundet Problembewusstsein, doch es ändert sich noch zu wenig. Hoffnung geben Fair-Trade-Projekte und Kooperativen (einen Überblick bieten etwa die Seiten fairtrade-deutschland.de oder de.makechocolatefair.org).

Feinste Bohnen

Im vorindustriellen Europa war Kakao ein elitäres Vergnügen. Ihm haftete der Ruf an, ein Aphrodisiakum zu sein, was der Beliebtheit beim Adel nicht schadete. Massenhaft verbreitete sich das Produkt, nachdem im 19. Jahrhundert erst die Tafelschokolade, dann die Milchschokolade erfunden wurde. Seither ist kein Halten mehr. Allein die Deutschen verspeisten 2017 mehr als 11 Kilo Schokolade pro Person. Wie man sich diese Mengen wieder abgewöhnt? Weniger essen, dafür luxuriöser: Viel besser und viel teurer als Milka und Ritter Sport sind etwa Pralinen der belgischen Firma Mary, Dunkles aus Italien von Domori, Fair-Trade-Tafeln von Naturata und die Spezialitäten, die Geschäfte wie der „Schoko.Laden“ in München oder „Winterfeldt Schokoladen“ in Berlin anbieten. Wichtigste Regel: Nicht hungrig reingehen!

Fauler Zauber

Bildende Kunst soll über viele Generationen halten – genau das aber fordert Künstler immer wieder heraus, das Gegenteil zu provozieren: ihren Verfall. Im 20. Jahrhundert experimentierten viele mit vergänglichen Materialien, auch, um dem auf Wertsteigerung bedachten Kunstmarkt eines auszuwischen. Manch einem konnte es nicht eklig genug sein, der Italiener Piero Manzoni wurde 1961 mit „Merda d’artista“ berühmt, in Dosen abgefüllte Fäkalien. Der perfidere Gegenentwurf kam von Dieter Roth. Für einen Schweizer naheliegend, schuf er Werke aus Schokolade – und ließ sie vergammeln. Einer Schokoladenbüste von sich selbst mischte der 1998 gestorbene Dichter und Aktionskünstler Vogelfutter bei und stellte sie im Garten auf. Seiner Partnerin, der Malerin Dorothy Iannone, widmete er im Jahr 1969 einen bald säuerlich riechenden „Schokoladenlöwenturm“. Restauratoren verzweifeln an den süßen Werken. Darauf legte Dieter Roth es an.

Schwarzes Gold

Die Olmeken, die bis 400 vor Christus an der mexikanischen Golfküste lebten, sollen den Schokoladengenuss erfunden haben. Gesichert ist, dass die Maya die Kakaopflanze kultivierten, sie hinterließen dazu Schriftzeugnisse und legten die Bohnen ihren Toten bei. Ihr wissender und heilender Schöpfergott Itzamná soll den Menschen den Kakao gegeben haben (in diesem Relief mit Schlange abgebildet). Die Maya tranken Kakao zumeist mit Chili oder anderen Gewürzen, ungesüßt. Bei den Azteken war das Schokogetränk später ein Luxus, den sich reiche Familien bei Festen gönnten. Kakobohnen dienten auch als Geld. Als die spanischen Kolonisatoren im 16. Jahrhundert das Aztekenreich einnahmen, taten sie sich mit dem bitteren Getränk schwer. Außerdem stieß der Name cacahuatl für Kakaowasser sie ab. Sie benannten das Nahrungsmittel in chocolate um, süßten es mit Rohrzucker, erhitzten es – und importierten die Bohnen nach Europa, wo deren Siegeszug begann.

Führe mich in Versuchung

90 Tafeln pro Jahr: Die Deutschen essen so viel Schokolade wie kaum eine andere Nation, vor allem während der Adventszeit. Eine Stoffsammlung zu Dopamin, Kakao-Kunst im Museum und dem flüchtigen Glück der Süße.

Vertrautes Wohlgefühl

Ist Schokolade eine gesundheitliche Sünde – oder tut sie gut? Beides. Industrielle Fette können schädlich sein auf Dauer, übermäßiger Zuckerkonsum kann nahezu süchtig machen. Dunkle Schokolade mit einem Kakaoanteil ab 70 Prozent ist in der Regel weniger stark gesüßt. Sie verfügt zudem über die Aminosäure Tryptophan, welche im Gehirn die Serotoninproduktion anregt – was für gute Stimmung sorgt. Und in Bitterschokolade enthaltenes Phenethylamin befördert den Botenstoff Dopamin, der Glücksgefühle auslöst. Verspeist man allerdings regelmäßig sehr viel Schokolade, verflüchtigen sich diese Effekte. Das Wohlgefühl, das Schokolade bereitet, ist aber sowieso nicht rein chemischer Natur. Sie schmeckt eben immer auch ein bisschen nach Kindheit, Adventskalender, Nikolaus.

Problematische Geschäfte

Die Kakobohne gedeiht in feuchtem, tropischem Klima. Rund 70 Prozent der weltweiten Nachfrage von jährlich rund sieben Millionen Tonnen werden in Westafrika gedeckt, Mittelamerika spielt nur noch eine untergeordnete Rolle. Ein Hauptproduzent ist die Elfenbeinküste, und hier häufen sich auch die Probleme: Ein Großteil des Regenwaldes wurde abgeholzt für den oft illegalen Anbau, Artensterben ist die Folge. Und Kinderarbeit ist zwar verboten, jedoch weitverbreitet. Betroffen sind etwa aus Burkina Faso versklavte Kinder, die auch giftige Insektenvernichtungsmittel versprühen müssen. Nur ein Bruchteil der enormen Erlöse landet in den Herkunftsländern. Die Industrie bekundet Problembewusstsein, doch es ändert sich noch zu wenig. Hoffnung geben Fair-Trade-Projekte und Kooperativen (einen Überblick bieten etwa die Seiten fairtrade-deutschland.de oder de.makechocolatefair.org).

Feinste Bohnen

Im vorindustriellen Europa war Kakao ein elitäres Vergnügen. Ihm haftete der Ruf an, ein Aphrodisiakum zu sein, was der Beliebtheit beim Adel nicht schadete. Massenhaft verbreitete sich das Produkt, nachdem im 19. Jahrhundert erst die Tafelschokolade, dann die Milchschokolade erfunden wurde. Seither ist kein Halten mehr. Allein die Deutschen verspeisten 2017 mehr als 11 Kilo Schokolade pro Person. Wie man sich diese Mengen wieder abgewöhnt? Weniger essen, dafür luxuriöser: Viel besser und viel teurer als Milka und Ritter Sport sind etwa Pralinen der belgischen Firma Mary, Dunkles aus Italien von Domori, Fair-Trade-Tafeln von Naturata und die Spezialitäten, die Geschäfte wie der „Schoko.Laden“ in München oder „Winterfeldt Schokoladen“ in Berlin anbieten. Wichtigste Regel: Nicht hungrig reingehen!

Fauler Zauber

Bildende Kunst soll über viele Generationen halten – genau das aber fordert Künstler immer wieder heraus, das Gegenteil zu provozieren: ihren Verfall. Im 20. Jahrhundert experimentierten viele mit vergänglichen Materialien, auch, um dem auf Wertsteigerung bedachten Kunstmarkt eines auszuwischen. Manch einem konnte es nicht eklig genug sein, der Italiener Piero Manzoni wurde 1961 mit „Merda d’artista“ berühmt, in Dosen abgefüllte Fäkalien. Der perfidere Gegenentwurf kam von Dieter Roth. Für einen Schweizer naheliegend, schuf er Werke aus Schokolade – und ließ sie vergammeln. Einer Schokoladenbüste von sich selbst mischte der 1998 gestorbene Dichter und Aktionskünstler Vogelfutter bei und stellte sie im Garten auf. Seiner Partnerin, der Malerin Dorothy Iannone, widmete er im Jahr 1969 einen bald säuerlich riechenden „Schokoladenlöwenturm“. Restauratoren verzweifeln an den süßen Werken. Darauf legte Dieter Roth es an.

Schwarzes Gold

Die Olmeken, die bis 400 vor Christus an der mexikanischen Golfküste lebten, sollen den Schokoladengenuss erfunden haben. Gesichert ist, dass die Maya die Kakaopflanze kultivierten, sie hinterließen dazu Schriftzeugnisse und legten die Bohnen ihren Toten bei. Ihr wissender und heilender Schöpfergott Itzamná soll den Menschen den Kakao gegeben haben (in diesem Relief mit Schlange abgebildet). Die Maya tranken Kakao zumeist mit Chili oder anderen Gewürzen, ungesüßt. Bei den Azteken war das Schokogetränk später ein Luxus, den sich reiche Familien bei Festen gönnten. Kakobohnen dienten auch als Geld. Als die spanischen Kolonisatoren im 16. Jahrhundert das Aztekenreich einnahmen, taten sie sich mit dem bitteren Getränk schwer. Außerdem stieß der Name cacahuatl für Kakaowasser sie ab. Sie benannten das Nahrungsmittel in chocolate um, süßten es mit Rohrzucker, erhitzten es – und importierten die Bohnen nach Europa, wo deren Siegeszug begann.

Team
Text Kia Vahland
Digitales Storytelling Christian Helten
Digitales Design Christian Tönsmann