Pakistan

Warten auf den nächsten Knall

Der Anschlag auf Oppositionsführer Imran Khan treibt Abertausende zum Demonstrieren auf die Straße. Es drohen blutige Machtkämpfe – wie so oft in der Geschichte des Landes.

Pakistan

Warten auf den nächsten Knall

Der Anschlag auf Oppositionsführer Imran Khan treibt Abertausende zum Demonstrieren auf die Straße. Es drohen blutige Machtkämpfe – wie so oft in der Geschichte des Landes.

11. November 2022 - 5 Min. Lesezeit

Vier Kugelsplitter operierten die Chirurgen aus seinem rechten Bein. Das war die gute Nachricht an jenem 3. November, nachdem ein oder mehrere Attentäter versucht hatten, das Idol von Millionen Pakistanern zu ermorden: Imran Khan, legendärer Cricket-Kapitän, Ex-Premier und derzeit führender Oppositioneller, hat den Anschlag überlebt.

Die schlechte Nachricht allerdings lieferten Politologen und Sicherheitsexperten auch gleich hinterher: Der Anschlag ist Gift für das politische Klima, die Stimmung zwischen den rivalisierenden politischen Lagern heizt sich weiter auf, und sogar im Militär dürfte sich Nervosität breitmachen, weil niemand sieht, wie sich eine große Konfrontation zwischen dem Lager Khans auf der einen Seite und der Armee und der Regierung auf der anderen Seite noch vermeiden ließe.

Khans Protestzug, der als „langer Marsch“ nach Islamabad konzipiert ist, könnte schon kommende Woche in einen gewaltsamen Showdown in der Hauptstadt münden, wenn Sicherheitskräfte und Demonstranten aufeinanderprallen und es keine ernsthaften Versuche gibt, Gespräche über die weitere Zukunft zu führen.

Khan will frühe Neuwahlen erzwingen, um die Macht an der Urne schnellstmöglich zurückzuerobern, die er durch ein Misstrauensvotum im Parlament im April verloren hat. Khan verbreitet, dass hinter seinem Sturz auch die USA steckten, denen er zu unbequem geworden sei.

Schon in den Tagen vor dem Attentat waren Zehntausende Khans Protestaufrufen gefolgt.

Nach dem Angriff in Wazirabad am 3. November, bei dem es einen Toten und zahlreiche Verletzte gab, konnte Khan nicht lange stillhalten. Er hat schwere Vorwürfe erhoben, und er zielt weit nach oben.

Das ikonische Foto aus der Klinik vom Wochenende wird den Pakistanern lange im Gedächtnis bleiben: Imran Khan, im Rollstuhl sitzend, das operierte Bein auf einen Stuhl gestützt, sprach als Überlebender zu seiner verstörten Nation.

Schon in den Tagen vor dem Attentat waren Zehntausende Khans Protestaufrufen gefolgt.

Nach dem Angriff in Wazirabad am 3. November, bei dem es einen Toten und zahlreiche Verletzte gab, konnte Khan nicht lange stillhalten. Er hat schwere Vorwürfe erhoben, und er zielt weit nach oben.

Das ikonische Foto aus der Klinik vom Wochenende wird den Pakistanern lange im Gedächtnis bleiben: Imran Khan, im Rollstuhl sitzend, das operierte Bein auf einen Stuhl gestützt, sprach als Überlebender zu seiner verstörten Nation.

So sahen Millionen Pakistaner ihr Idol im Fernsehen: Gezeichnet von Gewalt, unbeugsam im Geist. Seither fliegen ihm wieder die Sympathien zu, wie der Analyst Sabookh Syed in Islamabad jüngst beobachtet hat.

Dass er sich nicht einschüchtern lassen würde, nicht einmal mit einem Anschlag auf sein Leben, untermauerte Khan auch gleich mit einer verbalen Breitseite. Er erhob schwere Anschuldigungen gegen drei mächtige Männer im Staat: den Premierminister, den Innenminister und schließlich auch einen General im Geheimdienst. Alle drei hätten sich gegen ihn verschworen, um ihn zu töten, behauptete Kahn.

Was ist dran an der Geschichte? Regierung und Militär weisen die Vorwürfe erbost zurück, Beweise fehlen bislang, und die Gefahr einer allgemeinen Vernebelung ist recht groß, nachdem die Verfassungsrichter schon die Polizei auffordern mussten, den Fall ordentlich zu untersuchen.

Sicher ist nur: Politische Anschläge, die Verwirrung und Chaos stiften, ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte Pakistans. Das Attentat auf Imran Khan, der durch Glück überlebte, bildet da keine Ausnahme. Der Anschlag auf ihn ist seit Tagen das beherrschende Thema im nuklear hochgerüsteten Krisenstaat Pakistan. Die Tat rührt nicht nur an den Nerv militärischer Macht, nachdem der charismatische Oppositionsführer einen Geheimdienst-General auf die Liste der angeblich Schuldigen setzte, dessen Namen pakistanische Medien nicht einmal zu drucken wagen.

Der jüngste Anschlag erinnert auch an die lange Liste früherer politischer Gewalttaten, die das Land seit seiner Unabhängigkeit immer wieder erschütterten. Attentäter haben in sieben Jahrzehnten Dutzende hochrangige Politiker ins Grab gebracht, ohne dass die Hintergründe der Taten aufgedeckt und die Hintermänner bestraft worden wären.

Pakistans Premierminister wissen aus der Geschichte ihres Landes, dass sie gefährlich leben.

Schon der erste Regierungschef des Landes, Liaquat Ali Khan, wurde im Amt ermordet. Er starb bei einem Attentat am 16. Oktober 1951, als er eine Rede in Rawalpindi hielt, der Mörder wurde noch am Tatort umgehend getötet. So bleibt das Motiv des Mannes, der ein Afghane gewesen sein soll, bis heute im Dunkeln.

Der islamistische Diktator Zia ul-Haq starb am 17. August 1988 bei einem dubiosen Flugzeugabsturz; bis heute ist ungeklärt, ob es sich um einen Unfall oder um einen Anschlag handelte.

International ist vor allem der Mord an der legendären Politikerin Benazir Bhutto im Gedächtnis geblieben.

Mitten im Wahlkampf sprengte sich am 27. Dezember 2007 ein Selbstmordattentäter neben ihrem Wagen in die Luft.

Schon der erste Regierungschef des Landes, Liaquat Ali Khan, wurde im Amt ermordet. Er starb bei einem Attentat am 16. Oktober 1951, als er eine Rede in Rawalpindi hielt, der Mörder wurde noch am Tatort umgehend getötet. So bleibt das Motiv des Mannes, der ein Afghane gewesen sein soll, bis heute im Dunkeln.

Der islamistische Diktator Zia ul-Haq starb am 17. August 1988 bei einem dubiosen Flugzeugabsturz; bis heute ist ungeklärt, ob es sich um einen Unfall oder um einen Anschlag handelte.

International ist vor allem der Mord an der legendären Politikerin Benazir Bhutto im Gedächtnis geblieben.

Mitten im Wahlkampf sprengte sich am 27. Dezember 2007 ein Selbstmordattentäter neben ihrem Wagen in die Luft.

Bhutto war bereits zweimal Premierministerin gewesen, als sie starb. Der Verdacht fiel einerseits auf Terroristen von al-Qaida, doch auch Militärherrscher Pervez Musharraf geriet durch den Anschlag ins Zwielicht, er musste sich später immer wieder gegen Vorwürfe wehren, dass er die nötige Sicherheit für Bhutto verweigert habe, manche gingen noch einen Schritt weiter und behaupteten, er sei in das Attentat verwickelt gewesen. Doch auch für diesen dubiosen Mordfall gilt: Er wurde nie sauber aufgeklärt.

Fatima Bhutto, die Nichte der Ermordeten, die auch schon ihren Vater durch einen Anschlag verloren hatte, erinnert sich in ihrem Buch „Songs of Blood and Sword“ an jenen Moment, als sie vom Mord ihrer Tante erfuhr. Sie rief damals ungläubig: „Sie können doch nicht schon wieder ein Mitglied der Familie Bhutto ermorden.“ Doch wer war eigentlich gemeint mit „sie“? Wenn es eine Konstante gibt in all den Fällen politischer Gewalt, so ist es diese: Den Hintermännern gelingt es nahezu immer, ihre Rolle zu verschleiern, sodass niemals Klarheit darüber herrscht, wer die Drahtzieher jeweils gewesen sind.

Die Folgen für das politische Klima sind verheerend. In Absenz nachprüfbarer Fakten und verlässlicher Institutionen, die eine transparente Untersuchung ausführen könnten, blühen Verschwörungserzählungen, sie dominieren den politischen Diskurs oft über lange Zeit, lenken ab von den eigentlichen Aufgaben, die der Staat nun zu stemmen hat: Flutopfer versorgen, die bankrotte Wirtschaft aufrichten, Jobs schaffen, ein funktionierendes Steuersystem aufbauen, Korruption bekämpfen, Schulen und Krankenhäuser bauen. All dies geschieht kaum, solange die politischen Auseinandersetzungen derart aufgeladen sind, wie jetzt auch nach dem Attentat auf Khan.

Das alles hat auch mit der Schwäche der zivilen Kräfte in Pakistan zu tun, die unter dem Schirm militärischer Macht nie jene Eigenständigkeit und Souveränität erlangen konnten, die eine stabile Demokratie eigentlich braucht. Wer immer zum Premier aufsteigt, weiß um die Notwendigkeit, sich mit dem Armeechef zu arrangieren, der von allen Akteuren Pakistans zweifellos der mächtigste ist. Er wacht über ein großes Atomwaffenarsenal und dazu über einen straff organisierten „Staat im Staat“, allerdings müssen alle Armeechefs auch erst vom jeweiligen Premier ernannt werden.

Die meisten dieser Wechsel hat der frühere Regierungschef Nawaz Sharif vollzogen, in der Hoffnung, dass er jeweils jenen General ernannte, der ihm wohlgesinnt war. Ironischerweise waren es aber dann fast immer Querelen mit dem Militär, die ihn die Macht kosteten. Sharif war dreimal Regierungschef, konnte aber – wie im Übrigen kein einziger pakistanischer Premier – nie seine jeweilige Amtszeit zu Ende regieren. Die chronische Instabilität des zivilen Regierens ist eine der wenigen Konstanten in der pakistanischen Politik. Je chaotischer es dabei zugeht, umso wichtiger wird die Armee, als Anker, um das Staatschiff im Sturm zu stabilisieren.

Wie die Generäle nun aber die wütenden Massen bändigen wollen, die für Khan auf die Straße streben, ist noch ein militärisches Geheimnis.

Wie die Generäle nun aber die wütenden Massen bändigen wollen, die für Khan auf die Straße streben, ist noch ein militärisches Geheimnis.

Team
Text Arne Perras
Bildredaktion Lorenz Mehrlich
Digitales Storytelling Tobias Zick