„Peanuts“-Zeichner Charles M. Schulz

Unter die Kuscheldecke

Mit den „Peanuts“ hat Charles M. Schulz kleine Helden erfunden, die im Scheitern Größe zeigen. An diesem Samstag wäre der Comiczeichner 100 Jahre alt geworden.

25. November 2022 - 3 Min. Lesezeit

Es gibt Entenhausen, Gotham City und ein abgelegenes gallisches Dorf. Für viele Comicfans aber ist ein Nest im amerikanischen Mittelwesten das Zentrum ihres (Pop-)Universums. Hier steuert ein Beagle mit Motorradbrille als imaginiertes Flieger-Ass eine Hundehütte und jagt den Roten Baron. Ein Junge klammert sich an seine Schmusedecke; ein anderer ist von einer Schmutzwolke wie von einer Aura umgeben. Ein leidenschaftlicher Beethoven-Fan spielt auf seinem Kinderklavier. Und ein Junge namens Charlie Brown steuert seinen Drachen immer wieder in denselben Baum.

Die Strips bestehen aus nur wenigen Panels und sind sparsam, als typische Funnies gezeichnet.

In diesen Kästchen aber schuf ihr Zeichner Charles M. Schulz eine ganz eigene Welt.

Die Strips bestehen aus nur wenigen Panels und sind sparsam, als typische Funnies gezeichnet.

In diesen Kästchen aber schuf ihr Zeichner Charles M. Schulz eine ganz eigene Welt.

Die uramerikanisch ist und gleichzeitig universell: Eine Gruppe von Vorstadtkindern sinniert darin über den Sinn des Lebens oder die Existenz eines höheren Wesens („Der Große Kürbis“), über Einsamkeit, Baseball, Mathe oder das Problem brennender Füße an einem heißem Strand. Am 2. Oktober 1950 hatten sie ihren ersten Auftritt in einigen wenigen Tageszeitungen. Als am 13. Februar 2000, einen Tag nach dem Tod Schulz’, der letzte von ihm selbst gestaltete Strip erschien, druckten 2600 Zeitungen in 75 Ländern die „Peanuts“.

Bereits 1947 hatte Schulz erste Comics um einen mondgesichtigen Jungen unter dem Titel „Li’l Folks“ (Kleine Leute) veröffentlicht, unterzeichnet mit dem Namen Sparky. Es war Schulz’ Spitzname in der Kindheit, die noch in vielerlei anderer Hinsicht Einzug in seine Comics fand. In der Vorstadt, in der die Comics spielen, lässt sich seine Heimatstadt Saint Paul im nördlichen Minnesota erkennen. Vor allem aber wurden die Verwundungen „Sparkys“ zum Rohstoff von Schulz’ Erzählungen: Man muss sich den jungen Zeichner als wenig glücklichen Menschen vorstellen. Seine Mutter erkrankte früh an Krebs und starb 1943, da war Schulz ein junger Mann. Er selbst kämpfte zu der Zeit im Zweiten Weltkrieg. In einem frühen „Peanuts“-Comic geht Charlie Brown an einem Jungen und einem Mädchen vorbei. „Da kommt der alte Charlie Brown. Unser guter alter Charlie Brown. Jawoll“, sagt der Junge. Und ergänzt, als Charlie Brown an ihnen vorbeigelaufen ist: „Der gute alte Charlie Brown ... Wie ich ihn hasse.“ Erwachsene können brutal sein. Kinder auch.

Charlie Brown ist Schulz’ Alter Ego, unter den „kleinen Leuten“ der größte Verlierer, ernsthaft und beflissen, traurig-komisch und groß in seinem Scheitern wie die Figuren Buster Keatons.

Er hat sich stets bemüht! (Und scheitert kläglich.) Charlie Browns Baseballteam verliert immer; und von Lucy, einem boshaften Mädchen, wird er so leidenschaftlich wie hartnäckig gemobbt.

Die Welt steckt eben voller Zumutungen, den ursprünglichen Titel seiner Strips „Li’l Folks“ musste Schulz 1950 auf Drängen seines Auftraggebers in „Peanuts“ ändern, was ihm nie gefiel. Literaturkritiker Denis Scheck hat die „Peanuts“ in seinen Kanon der 100 wichtigsten Werke der Weltliteratur aufgenommen – völlig zu Recht. Charlie Brown (und seine Freunde), das sind wir: ungefragt in die Welt geworfen und scheiternd an der Grundsteuererklärung. Klammern wir uns nicht alle an eine „security blanket“, wie Linus’ Schmusedecke im Original heißt? Und werden wir nicht alle von den Lucys dieser Welt terrorisiert?

Da hilft nur eine Portion Stoizismus, wie ihn Beagle Snoopy vorlebt, der hündische Vorlieben (Fressen, Schlafen) mit literarischen Ambitionen und einer philosophisch grundierten Gelassenheit bestens verbinden kann.

An diesem Samstag wäre Charles Monroe Schulz hundert Jahre alt geworden. Populär sind seine „Peanuts“ noch immer. Ihre Komik hat etwas Erlösendes: Wenn man die Welt und ihre Menschen mit etwas Abstand betrachtet, etwa vom Dach einer Hundehütte aus, lässt sich alles gleich viel besser aushalten.