Krieg in der Ukraine

Warum Russland wohl nicht auf Polen gefeuert hat

War es ein Irrläufer, der auf polnischem Grenzgebiet eingeschlagen ist? Was die Analyse von Trümmern, Flugbahn und Reichweite verrät. Eine Spurensuche.

16. November 2022 - 5 Min. Lesezeit

Mit einem tödlichen Schwarm aus Marschflugkörpern, Raketen und Drohnen hat Russland am Dienstag die Ukraine angegriffen. Von den anfliegenden Geschossen konnte die ukrainische Luftwaffe zwar fast 90 und damit die allermeisten abschießen. Doch 15 Objekte der Energieversorgung wurden getroffen.

Zugleich mit diesen bislang heftigsten Luftangriffen schlug eine Rakete auf dem Gebiet des Nato-Mitglied Polens ein, auf dem Gelände eines landwirtschaftlichen Betriebs in Przewodów.

Das Dorf liegt ganz im Osten des Landes, keine zehn Kilometer von der Grenze zur Ukraine entfernt.

Zugleich mit diesen bislang heftigsten Luftangriffen schlug eine Rakete auf dem Gebiet des Nato-Mitglied Polens ein, auf dem Gelände eines landwirtschaftlichen Betriebs in Przewodów.

Das Dorf liegt ganz im Osten des Landes, keine zehn Kilometer von der Grenze zur Ukraine entfernt.

Was genau ist in Przewodów eingeschlagen?

Das ist noch nicht klar. Mit einiger Wahrscheinlichkeit war die Rakete russischer Bauart, das berichten amerikanische und polnische Quellen. Das heißt allerdings nicht, dass sie auch von russischen Streitkräften abgefeuert wurde.

Die Aufnahme stammt von einem russischen Militärmanöver aus dem Jahr 2011.
Die Aufnahme stammt von einem russischen Militärmanöver aus dem Jahr 2011.

Es verdichten sich die Hinweise darauf, dass es sich um ein von einem S-300-System abgefeuertes Geschoss gehandelt hat.

Davon gehen mittlerweile die meisten Experten aus, Fotos von Trümmerteilen an der Einschlagstelle deuten ebenfalls darauf hin. Endgültige Sicherheit wird erst die Untersuchung dieser Teile bringen. S-300-Systeme nutzen sowohl die Ukraine als auch Russland.

Die Aufnahme stammt von einem russischen Militärmanöver aus dem Jahr 2011.
Die Aufnahme stammt von einem russischen Militärmanöver aus dem Jahr 2011.

Es verdichten sich die Hinweise darauf, dass es sich um ein von einem S-300-System abgefeuertes Geschoss gehandelt hat.

Davon gehen mittlerweile die meisten Experten aus, Fotos von Trümmerteilen an der Einschlagstelle deuten ebenfalls darauf hin. Endgültige Sicherheit wird erst die Untersuchung dieser Teile bringen. S-300-Systeme nutzen sowohl die Ukraine als auch Russland.

Von wo wurde die Rakete gestartet?

Sollte es sich tatsächlich um eine von einem S-300-System abgefeuerte Flugabwehrrakete handeln, kann man mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass es sich um einen Irrläufer handelt, abgeschossen von der ukrainischen Seite, um einen russischen Marschflugkörper zu zerstören.

Möglicherweise kam es zu einer Fehlfunktion, bei alten S-300, wie sie die Ukraine als wesentlichen Teil ihrer Flugabwehr verwendet, kommt das immer wieder vor. In der Nacht zum Mittwoch waren diese Flugabwehrsysteme besonders gefordert, um Raketen der russischen Seite abzufangen. In dieser Aufnahme der ukrainischen Armee wird mit Hilfe einer S-300 ein russisches Geschoss im Flug getroffen.

Eine S-300-Rakete verfügt nur über eine maximale Reichweite von circa 200 Kilometern, kann also nicht aus Russland oder einem der besetzten Gebiete abgeschossen worden sein. Wenn mit einem S-300-System, wie von Russland in den vergangenen Monaten immer wieder praktiziert, Ziele am Boden angegriffen werden, ist die Reichweite sogar noch geringer. Maximal 150 sind wohl möglich, eher weniger. Hier gibt es allerdings wenig Erfahrung, weil das S-300 nur selten als Boden-Boden-System eingesetzt wird.

Mit Marschflugkörpern kann Russland die gesamte Ukraine und weite Gebiete darüber hinaus erreichen. Kalibr-Marschflugkörper haben in einer häufig verwendeten Ausführung beispielsweise eine Reichweite von 650 Kilometern, andere Cruise-Missiles können sogar Ziele in bis zu 4000 Kilometern Entfernung treffen.
Möglicherweise kam es zu einer Fehlfunktion, bei alten S-300, wie sie die Ukraine als wesentlichen Teil ihrer Flugabwehr verwendet, kommt das immer wieder vor. In der Nacht zum Mittwoch waren diese Flugabwehrsysteme besonders gefordert, um Raketen der russischen Seite abzufangen. In dieser Aufnahme der ukrainischen Armee wird mit Hilfe einer S-300 ein russisches Geschoss im Flug getroffen.

Eine S-300-Rakete verfügt nur über eine maximale Reichweite von circa 200 Kilometern, kann also nicht aus Russland oder einem der besetzten Gebiete abgeschossen worden sein. Wenn mit einem S-300-System, wie von Russland in den vergangenen Monaten immer wieder praktiziert, Ziele am Boden angegriffen werden, ist die Reichweite sogar noch geringer. Maximal 150 sind wohl möglich, eher weniger. Hier gibt es allerdings wenig Erfahrung, weil das S-300 nur selten als Boden-Boden-System eingesetzt wird.

Mit Marschflugkörpern kann Russland die gesamte Ukraine und weite Gebiete darüber hinaus erreichen. Kalibr-Marschflugkörper haben in einer häufig verwendeten Ausführung beispielsweise eine Reichweite von 650 Kilometern, andere Cruise-Missiles können sogar Ziele in bis zu 4000 Kilometern Entfernung treffen.

Wurde die Rakete im Flug geortet?

Ein Nato-Überwachungsflugzeug, das sich im Moment des Einschlags des Geschosses über dem polnischen Luftraum befunden hat, soll die Flugbahn der Rakete mit Hilfe seines Radars geortet haben, sagte ein Militärbeamter der Nato dem US-Fernsehsender CNN. Die Daten wurden demnach Polen und der Nato zur Verfügung gestellt. Auch US-Präsident Joe Biden erklärte, es gebe Informationen zur Flugbahn der Rakete.

Grundsätzlich werden Radarsysteme zu Land und in der Luft eingesetzt, um anfliegende Raketen aufzuspüren. Einige der von Russland eingesetzten Marschflugkörper verfügen allerdings über eine Tarnkappentechnik. Ihre Radarschatten sind sehr klein und deshalb schwer aufzuspüren.

Was ist ein „S-300“?

Das S-300 Boden-Luft-Lenkwaffensystem ist ein relativ altes, aber effektives, mobiles und vergleichsweise billiges System zur Flugabwehr. Es wurde noch in der Sowjetunion entwickelt und 1979 in Dienst gestellt. Eingesetzt wird das System vor allem gegen Kampfflugzeuge und Marschflugkörper.

Ein S-300 besteht aus mehreren Komponenten: aus Radaren, unter anderem einem Feuerleitradar und einem Überwachungsradar, die direkt mit dem Feuerleitstand verbunden sind. Dieser wiederum kontrolliert im Normalfall vollautomatisch die Lenkwaffenstarter.
Ein S-300 besteht aus mehreren Komponenten: aus Radaren, unter anderem einem Feuerleitradar und einem Überwachungsradar, die direkt mit dem Feuerleitstand verbunden sind. Dieser wiederum kontrolliert im Normalfall vollautomatisch die Lenkwaffenstarter.
Eine S-300-Batterie besteht normalerweise ungefähr aus einem Dutzend dieser Fahrzeuge, von denen jedes vier feuerbereite Lenkwaffen trägt. Mit einem S-300-System können mehrere Ziele gleichzeitig bekämpft werden. Bei der Ausführung S-300 P sind das maximal 36 Ziele gleichzeitig. Das S-300 kann Ziele in einer Höhe von 25 Kilometern erreichen. Die Ukraine verfügte zu Beginn des Krieges über ungefähr 300 Startfahrzeuge, hat aber Dutzende davon bereits verloren.

Wie verteidigt sich die Ukraine gegen Angriffe aus der Luft?

Für Angriffe wie am Montag, weit weg von der Front, setzt Moskau vor allem Cruise-Missiles ein, also Marschflugkörper, die selbst ins Ziel steuern. Abgefeuert werden sie von strategischen Bombern, Schiffen oder auch landgestützten mobilen Abschussrampen. Bei den aktuellen Angriffen wurden vor allem Kalibr-Marschflugkörper aber auch luftgestützte Marschflugkörper vom Typ Ch-101 und Drohnen eingesetzt. Russland versucht, die ukrainische Flugabwehr bei solchen Angriffen mit einer großen Zahl an Flugkörpern zu überfordern.

Eine Verteidigung gegen satellitengesteuerte Cruise-Missiles ist schwierig und aufwändig. Weil sie in geringer Höhe fliegen können, sind sie nur schwer abzufangen, Radargeräte am Boden können sie beispielsweise hinter Geländeerhebungen kaum orten. Der Ukraine gelingt es trotzdem immer besser, die russischen Mittelstreckenwaffen abzufangen. Ihre Aufklärung ist besser geworden und den ukrainischen Streitkräfte gelingt es öfter, die möglichen Angriffsflugbahnen vorherzusehen und die Abwehrsysteme dementsprechend zu positionieren. Und wichtiger noch: Die Ukraine verfügt mittlerweile über einige moderne Abwehrsysteme: Deutschland hat ein Exemplar von einem der technisch fortschrittlichsten Luftverteidigungssysteme geliefert, das Iris-T-SLM. Drei weitere sollen folgen. Außerdem haben die USA zwei Systeme von Typ National Advanced Surface-to-Air Missile System (Nasams) zur Verfügung gestellt. Für einen vollständigen Schutzschirm zumindest über die Hauptanflugrouten russischer Geschosse reicht das allerdings noch nicht. Das liegt auch daran, dass das S-300 und die modernen westlichen Systeme Daten nicht in Echtzeit austauschen können. Iris-T und Nasams, die einzeln jeweils einen Bereich von etwa 40 Kilometern abdecken, können das und sind damit in der Lage, geortete Ziele an ein anderes, besser postiertes System zu übergeben.

Auch Luftnahverteidigung wird von der Ukraine zur Abwehr von Cruise-Missiles genutzt. Genauso wie Störsender, die Elektronik und Satelliten-Empfang beeinträchtigen, sodass die Rakete ihr Ziel verfehlt.

Team
Text Sebastian Gierke
Infografik Sead Mujic
Digitales Storytelling Thomas Gröbner