Russland

„Ich bin nicht bereit, geschlagen und vergewaltigt zu werden“

Warum gehen nicht mehr Menschen in Russland gegen den Krieg auf die Straße? Tamara, Sergej und Ilya erklären, warum sie gerne Widerstand leisten würden – offener Protest aber keine Option mehr für sie ist.

Protokolle von Ekaterina Bodyagina
15. Dezember 2022 - 9 Min. Lesezeit

Wie viele Russ:innen unterstützen den Krieg wirklich? Diese Frage steht seit Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine im Raum. Tatsächlich ist die Zahl der Unterstützer:innen schwer zu schätzen. Repressive Gesetze, die für kritische Äußerungen teils hohe Geld- und Haftstrafen vorsehen, machen es kaum möglich, ein verlässliches Stimmungsbild aus dem Land zu erhalten. Jüngsten Umfragen zufolge bestehen nur etwa 30 Prozent der Russ:innen auf die Fortsetzung des Kriegs. Mehr als die Hälfte befürworten dagegen Friedensgespräche mit der Ukraine. Wo also bleibt ihr Protest?

Seit dem 24. Februar dieses Jahres wurden 19 442 Menschen bei Anti-Kriegs-Kundgebungen in Russland festgenommen. Tausende Webseiten wurden gesperrt und Dutzende Menschenrechtsorganisationen mussten schließen. Trotz der Repression bringen einige Russ:innen weiterhin ihren Protest zum Ausdruck. SZ Jetzt hat mit drei von ihnen gesprochen – Tamara aus Moskau, Ilya aus Samara und Sergey aus Nowosibirsk. Sie erzählen, wie sich die Stimmung im Land verändert hat, warum sie nicht mehr auf die Straße gehen und welche Formen des Protests sie stattdessen wählen.

„Es erscheint mir grausam, wenn Leute im Ausland sagen: ‚Lasst die Russen nicht rein, sie sollen in Russland bleiben und das Regime stürzen.‘“

Tamara, 31, aus Moskau

„Es erscheint mir grausam, wenn Leute im Ausland sagen: ‚Lasst die Russen nicht rein, sie sollen in Russland bleiben und das Regime stürzen.‘“

Tamara, 31, aus Moskau

Tamara aus Moskau hat vor einiger Zeit miterlebt, wie Protestierende von russischen Sicherheitskräften geschlagen wurden. Seitdem hat sie Angst davor, selbst zu protestieren. Nur zu Beginn des Krieges ging sie einmal auf die Straße.

„Als der Krieg am 24. Februar begann, war ich gerade auf Dienstreise in St. Petersburg. Noch am gleichen Tag gab es dort eine spontane Demonstration, an der auch ich teilnahm. Dabei habe ich schon seit langer Zeit Angst, auf Demonstrationen in Russland zu gehen. Früher konnte man auf Kundgebungen mit Polizisten noch reden. Anders ist das bei der russischen Nationalgarde (Anm. d. Red.: Seit 2016 ist die Nationalgarde offiziell für den Schutz der öffentlichen Ordnung und Kriminalitätsbekämpfung verantwortlich). Ich habe ihre Satzung gelesen – sie dürfen eigentlich alles.

Ich erinnere mich, wie ich bei einer Kundgebung gegen die Verhaftung von Alexei Nawalny in Moskau zum ersten Mal in die Augen der Mitglieder der russischen Nationalgarde sah. Der Hass auf die Demonstrierenden und die Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen wirkten so groß, dass mir klar war: Mit ihnen kann man nicht reden. Und so kam es auch: Sobald sie den Befehl erhielten, schlugen sie auf die Demonstrierenden ein. Es war das erste Mal, dass ich vorzeitig nach Hause ging. Und es war das erste Mal, dass ich das demütigende Gefühl hatte, nicht das Recht zu haben, in meinem Land ohne die Androhung von Gewalt mitreden zu können.

„Meine Herkunft, meine Sprache waren nun zum Synonym für Krieg und Aggression geworden“

Als ich am 24. Februar erfuhr, dass Russland die Ukraine beschoss, spürte ich eine heftige Wut. Ich hatte das Gefühl, dass der Staat mich verraten hatte, ich wurde zur Bürgerin eines Aggressorstaates. Es war, als wäre mir ein wichtiger Teil meiner Identität genommen worden – meine Herkunft, meine Sprache, die ich bisher mit Güte und Sicherheit verbunden hatte, waren nun zum Synonym für Krieg und Aggression geworden. Auf die Wut folgte ein unerträgliches Gefühl der Scham. Ich erinnerte mich daran, wie ich 2011 durch das schöne, sommerliche Kyiv spaziert war. Mir wurde bewusst, dass dies der erste Krieg war, bei dem ich mir die Orte, die bombardiert wurden, und die Menschen, die sich vor den Bomben versteckten, genau vorstellen konnte.

Also ging ich am 24. Februar trotz meiner Angst auf die Straße, um zu protestieren – denn nicht zu gehen, war keine Option. Normalerweise ist es bei Kundgebungen sehr laut, die Leute schreien, aber hier herrschte absolute Stille. Ich habe völlig verlorene Menschen gesehen. Viele haben geweint. Menschen, die sich nicht kannten, umarmten sich, um sich gegenseitig zu unterstützen. Bei dieser seltsamen, ruhigen Kundgebung wurde mir übel – ich ging zurück ins Hotel und musste mich immer wieder übergeben. Die halbe Nacht habe ich nur gekotzt und geheult. Um ehrlich zu sein, tat ich mir zu diesem Zeitpunkt selbst leid – ich verstand nicht, warum ich mich so schuldig fühlen sollte, obwohl ich persönlich niemandem etwas getan hatte.

„Ich möchte das Land verlassen“

In den kommenden Wochen wurden mehr und mehr Leute verhaftet. Es gab Berichte über Gewalt und Folter in den Polizei-Stationen gegen Demonstrant:innen. Ich bin nicht mehr zu den Kundgebungen gegangen. Ich bin nicht bereit, geschlagen und vergewaltigt zu werden. Ich überweise Geld an Organisationen, die ukrainischen Flüchtlingen helfen und möchte das Land verlassen, um die Vorgeschichte der Geschehnisse aus akademischer Sicht zu analysieren – auf diese Weise übernehme ich Verantwortung für das, was geschieht. Es erscheint mir grausam, wenn Leute im Ausland sagen: ‚Lasst die Russen nicht rein, sie sollen in Russland bleiben und das Regime stürzen.‘“

„Während in der Ukraine Menschen starben, standen die Menschen in Russland bei Ikea Schlange“

Ilya, 35, aus Samara

„Während in der Ukraine Menschen starben, standen die Menschen in Russland bei Ikea Schlange“

Ilya, 35, aus Samara

Ilya aus Samara hat zu Beginn des Krieges jeden Tag protestiert. Das hat er nun aufgegeben. Die Gleichgültigkeit von Teilen der russischen Gesellschaft und die staatliche Repression haben ihn entmutigt.

„Als ich von den Panzern hörte, die in Richtung Kyiv rollten, habe ich mich zum ersten Mal wie ein Bürger eines faschistischen Staates gefühlt. Es war ein völliger Schock. Ich wusste nicht, wie ich weiterleben sollte. Am Abend ging ich auf den zentralen Platz von Samara, um zu protestieren. Es war fast niemand dort, außer einige spazierende Erwachsene mit ihren Kindern und höchstens ein Dutzend Demonstrierende. Die Polizei war wesentlich in der Überzahl.

In der ersten Woche des Krieges ging ich jeden Tag auf die Straße, um zu protestieren. Gegen das Töten ukrainischer Zivilistinnen und Zivilisten, gegen das sinnlose Sterben russischer Soldaten, gegen die Isolierung Russlands und den Zusammenbruch unseres vertrauten Lebens. Ich habe keine Slogans gerufen, ich stand einfach auf dem Platz – und glaub mir, in unserer Region ist das schon eine Protestaktion.

„Ich kam zu dem Schluss, dass es für mich keinen Sinn mehr machte, in einer solchen Gesellschaft zu protestieren. Ich wurde depressiv“

Am 3. März habe ich dann aufgehört, an den Protesten teilzunehmen. An diesem Tag hatte Ikea seine Geschäfte in Russland zum letzten Mal geöffnet. Und Massen von Russ:innen gingen einkaufen. Diese Tatsache hat mich fertig gemacht. Anstatt sich in Massen zu versammeln und gegen die Ermordung von Zivilistinnen und Zivilisten in einem Nachbarland zu protestieren, investierten die Menschen ihre Zeit und Energie lieber in den Kauf von Tellern und Sofas. Während in der Ukraine Menschen starben, standen die Menschen in Russland bei Ikea Schlange. Damals war das Gesetz über die ‚Verunglimpfung der Armee‘ (Anm. d. Red.: Das Gesetz wurde am 4. März 2022 verabschiedet und sieht unter anderem für die Verbreitung „falscher Informationen“ über die russischen Streitkräfte hohe Geldbußen und Haftstrafen bis zu 15 Jahren vor) noch nicht in Kraft und es war möglich, seinen Standpunkt zum Ausdruck zu bringen. Ich kam zu dem Schluss, dass es für mich keinen Sinn mehr machte, in einer solchen Gesellschaft zu protestieren. Ich wurde depressiv, und das hielt sechs Monate lang an.

Zur gleichen Zeit tauchten immer mehr Autos mit Z-Aufklebern auf (Anm. d. Red.: Das „Z“ steht symbolisch für die Zustimmung zum Krieg). War ich verrückt oder waren die Leute um mich herum verrückt geworden? Der Krieg war zu einem Wendepunkt geworden – die Gesellschaft spaltete sich in Menschen, mit denen man reden konnte, und jenen, mit denen man nicht reden konnte. Mein bester Freund gehört leider zu letzterer Gruppe. Nach Kriegsbeginn habe ich aufgehört, mit ihm zu sprechen. Er ist Polizist und hält Menschen, die sich gegen den Krieg stellen, für Vaterlandsverräter. Mein Protest besteht nun darin, dass ich versuche, mit Menschen zu sprechen, die zuhören – nicht um ihre Meinung zu ändern. Aber zumindest, um ihnen mitzuteilen, was wirklich los ist. In diesen fast zehn Monaten haben einige Leute in meinem Umfeld ihren Standpunkt von ‚so einfach ist das nicht‘ zu ‚dieser Krieg hätte nie stattfinden dürfen‘ geändert. Wir haben einen kleinen Kreis geschaffen, in dem wir uns gegenseitig unterstützen.

„Die Menschen haben mehr Angst davor, sich vor einer Vorladung zu drücken, als davor, in den Krieg zu ziehen“

Bereits in der ersten Kriegswoche erfuhr ich, dass ein junger Mann, mit dem ich in dieselbe Schule gegangen war, in den ersten Kriegstagen bei den Kämpfen rund um Kyiv gestorben war. Er war noch nicht einmal 30 Jahre alt. Ein paar Wochen später starben zwei weitere Bekannte. Und als im September die Mobilisierung begann, sah ich, wie Bekannte auf Einberufung in den Kampf zogen. Das macht einen mutlos. Die Gesellschaft ist nicht ideologisch verblendet – sie ist träge. Die Menschen haben mehr Angst, sich vor einer Vorladung zu drücken, als in den Krieg zu ziehen.

Ich liebe es, den Sonnenaufgang neben dem Sportpalast in Samara zu beobachten. Gleich zu Beginn des Krieges hängten sie einen riesiges ‚Z‘ daran – mehrere Stockwerke hoch. Es muss auf minderwertigem Material gedruckt worden sein, denn nach ein paar Monaten begann es, sich abzulösen. Das Bild war für mich ein Symbol für den bevorstehenden Niedergang dieser Regierung. Wenn es mir schlecht geht, erinnere ich mich an das verblasste ‚Z‘ und hoffe, dass die Tage des Regimes gezählt sind.“

„Die Demonstrierenden werden ins Gefängnis gesteckt, ohne etwas erreicht zu haben“

Sergej, 33, aus Nowosibirsk

„Die Demonstrierenden werden ins Gefängnis gesteckt, ohne etwas erreicht zu haben“

Sergej, 33, aus Nowosibirsk

Sergej aus Nowosibirsk hat eine eigene Schule gegründet. Die Schüler:innen dort will er von der russischen Kriegspropaganda fernhalten.

„Nowosibirsk liegt in der Zeitzone vier Stunden vor Moskau und fünf Stunden vor Kyiv. So sah ich die abendliche Rede Zelenskys, die er kurz vor der russischen Invasion hielt, erst am Morgen des 24. Februar. Er sprach sich darin gegen den Krieg aus. Und ich dachte: ‚Was für ein cooler, junger, intelligenter Präsident – warum haben wir nicht so einen Präsidenten?‘ Ein paar Stunden später erfuhr ich bei der Arbeit, dass der Krieg tatsächlich begonnen hatte. Damals hatte ich das Gefühl, dass das Leben, wie wir es kennen, zu Ende geht. Das Ende unserer Wirtschaft. Das Ende unserer kleinen Unternehmen, denn die Wirtschaftskrise würde beginnen. Das Ende der Zukunft, wie wir sie uns vorgestellt haben, und die Verwandlung in Nordkorea.

Aber ich habe nie an Kundgebungen teilgenommen, weil ich denke, dass dies in Russland ein unwirksames Mittel des Protests ist. Die Demonstrierenden werden ins Gefängnis gesteckt, ohne etwas erreicht zu haben. Deshalb bin ich für eine positive Agenda: Ich war zum Beispiel mit der Schulbildung unzufrieden und habe selbst eine Schule gegründet. Am 26. Februar haben wir einen weißen Kranich auf der Website unserer Schule veröffentlicht – als Symbol des Friedens. Ich weigere mich auch, ‚Gespräche über wichtige Dinge‘ (Anm. d. Red. Patriotismus-Stunden an russischen Schulen, in denen unter anderem für die Invasion der Ukraine geworben wird) in meiner Schule zu führen. Eines Tages kam eine Gruppe von Schüler:innen auf mich zu und fragte, ob sie eine Spendenaktion für den Donbas organisieren könnten. Ich habe gesagt, dass ich nichts dagegen hätte, wenn parallel dazu Hilfen für Kyiv, Charkiw, Mariupol und Cherson organisiert würden. Wenn wir helfen, dann sollten wir allen helfen. Ich versuche also, einen positiven Beitrag zur Erziehung der neuen Generation zu leisten.

„Ich glaube nicht, dass ein Regimewechsel in Russland möglich ist, wenn die Menschen auf die Straße gehen“

Ich habe 5000 Follower:innen auf Facebook, und dort poste ich regelmäßig Inhalte gegen den Krieg Russlands in der Ukraine. In meinen Beiträgen nenne ich den Krieg beim Namen. Ich versuche die Nachrichten geschickt zu formulieren, ohne zu extrem zu werden – aber jeder versteht meinen Standpunkt. Ich will nicht noch mehr Risiken eingehen, ich will nicht 1500 Schüler:innen zwingen, in eine normale Schule zu gehen, wo sie einer Gehirnwäsche durch Kriegspropaganda unterzogen werden.

Ich glaube nicht, dass ein Regimewechsel in Russland möglich ist, wenn die Menschen auf die Straße gehen. Alle konnten sehen, was die Proteste in Belarus gebracht haben – nichts. Große Veränderungen in solchen Regimen finden leider nur auf Betreiben der politischen Eliten statt. Trotzdem versuche ich meinen Teil zu einem Wandel beizutragen. In meinem Fall durch Bildung.“

Team
Text Ekaterina Bodyagina
Fotos SZ Jetzt
Digitales Storytelling SZ Jetzt