Proteste in Iran

Wir Löwenfrauen

Nach dem Tod von Zhina Mahsa Amini erheben iranische Frauen auf der ganzen Welt ihre Stimme. Unsere Autorin ist eine von ihnen. Sie schaut voller Angst in das Heimatland ihrer Eltern – und voller Stolz. Es geht um nicht weniger als eine Revolution.

Von Avin Khodakarim
30. September 2022 - 6 Min. Lesezeit

Ich war dreizehn Jahre alt und stand mit meiner elfjährigen Schwester am Flughafen in Teheran, als eine Frau mit Tschador (ein iranischer Ganzkörperschleier) auf uns zukam: „Mitkommen.“ Ich drehte mich nach unserem Vater um, doch er war nicht zu sehen. In öffentlichen Gebäuden in Iran sind Eingänge und Warteschlangen nach Geschlechtern getrennt. Mit meiner Schwester an der Hand folgte ich der Frau in ein Hinterzimmer. „Krempel deine Ärmel herunter und binde deine Haare unter deinem Kopftuch zu einem Zopf“, verlangte sie von mir.

Mir wurde klar: Das war die Gashe-Ershad, die Sitten-Polizei. Ich tat, was sie mir befohlen hatte. Mit zittriger Stimme erklärte ich, dass wir aus Deutschland kamen und es nicht besser wussten. Und hatte Glück: Sie ließ uns ziehen. Sie hätten mich mitnehmen können auf ihr Revier. Sie hätten mich inhaftieren können. Sie hätten mich ermorden können.

Wie sie es mit Zhina getan haben.

Zhina Mahsa Amini wurde am 13. September von der iranischen Sittenpolizei festgenommen, weil unter ihrem Kopftuch ihre Haarsträhnen zu sehen waren. Sie starb drei Tage später, mutmaßlich durch Polizeigewalt. Ihre Ermordung löste die landesweit größten Proteste seit der Grünen Bewegung im Jahr 2009 aus. Nun hat die iranische Regierung das Internet gedrosselt. Die Protestierenden sollen sich nicht organisieren können. Doch viele vermuten: Jetzt geht das Töten richtig los. Während des letzten landesweiten Internet-Shutdowns im November 2019 wurden 1500 Tote registriert. In den sozialen Netzwerken werden derzeit immer wieder Bilder von jungen Frauen geteilt, die demonstriert haben und jetzt nicht mehr leben, erschossen von der Polizei. Mindestens 76 Demonstrant:innen sind seit Beginn der Proteste laut der Menschenrechtsorganisation Iran Human Rights von Sicherheitskräften getötet worden.

Das macht mir Angst. Nie habe ich mich so allein gefühlt wie in dem Moment, als hinter meinen Nachrichten an meine Familie in Iran nur noch ein Haken zu sehen war. Während ich in meiner Instagram-Story auf die Geschehnisse in Iran aufmerksam machte, kam darauf kaum eine Antwort aus meinem Bekanntenkreis in Deutschland. Auch auf den Websites der großen deutschen Tageszeitungen war in diesem Moment nichts von Zhina Mahsa Amini und den Protesten zu lesen.

„Wenn es darauf ankommt, werden wir allein gelassen“, schoss es mir durch den Kopf.

Wo ist Annalena Baerbocks „feministische Außenpolitik“?

Ich musste an all die Male denken, als meine Eltern und ich Nicht-Iraner:innen zu uns nach Hause eingeladen haben, um ihnen persisches Essen anzubieten. All die Male, als ich in meiner Studentenküche persischen Tee für meine Freund:innen gekocht habe. Für mich war er kostbar, wir hatten ihn von unserer letzten Reise aus Iran mitgebracht. All die Male, als wir auf persische Partys auch nicht-iranische Angehörige mitgebracht haben. Natürlich waren sie willkommen. All die Male, als ich von der persischen Kultur erzählt, Musik geteilt und Bücher verliehen hatte an die, die interessiert waren. All die Male, als ich von den traumatischen Erlebnissen meiner Familie aus Iran erzählt habe, in der Hoffnung, die Menschen würden mehr Richtung Iran schauen.

Wo waren all diese Menschen jetzt? Wo war Annalena Baerbocks „feministische Außenpolitik“?

Mein Vater floh 1986 während des Iran-Irak-Kriegs nach Deutschland. Ihm fehlte in Iran die Freiheit zu denken, die Freiheit zu sprechen, die Freiheit zu sein. Unsere Familie in Iran können wir nur alle paar Jahre besuchen. Ich tanze nicht auf den Hochzeiten dort, ich trauere nicht auf den Beerdigungen. Ich war nicht da, als meine Cousine ihr erstes Kind bekommen hat, und auch nicht, als meine Oma auf dem Sterbebett im Krankenhaus nach uns gefragt hat. Ich genieße die schönen Momente mit meiner Familie in Iran. Doch wir entwickeln uns nicht gemeinsam. Wir entwickeln uns gleichzeitig. Jedes Mal, wenn ich in Iran bin, muss ich daran denken, wie mein Leben hätte aussehen können, wenn mein Vater nicht diese eine Entscheidung getroffen hätte.

Mit diesem Gedanken kämpfe ich auch, wenn ich die jetzigen Proteste sehe. Sehe, wie Menschen Polizeikräften gegenüberstehen, die mit Schild und Helm geschützt sind und genau die Waffen in den Händen halten, mit denen sie schon viele Protestierende erschossen und niedergeknüppelt haben.

Mit diesem Gedanken kämpfe ich auch, wenn ich die jetzigen Proteste sehe. Sehe, wie Menschen Polizeikräften gegenüberstehen, die mit Schild und Helm geschützt sind und genau die Waffen in den Händen halten, mit denen sie schon viele Protestierende erschossen und niedergeknüppelt haben.

Die Bilder und Videos triggern einen Schmerz in mir, der über Generationen an mich weitergetragen wurde. Mich lässt der Gedanke nicht los, dass mich nur eines von den Frauen in Iran unterscheidet: das Glück, dass ich die Freiheiten bereits habe, für die sie noch kämpfen. Dieses Glück vermischt sich in mir mit einem Schuldgefühl.

Wie ist es möglich, dass ich bei dem Anblick der Proteste in Iran gleichzeitig Angst und Hoffnung spüre? Gleichzeitig Stolz und Demut? Gleichzeitig Schmerz und Heilung? Gleichzeitig Sehnsucht und Verachtung? Vielen geht es gerade wie mir, das verbindet mich mit anderen iranisch-stämmigen Menschen. Niemand kann uns das nehmen. Jahrelang hatten wir verinnerlicht, nicht über Iran zu sprechen. Wir waren vorsichtig, hatten Angst, dafür bei der nächsten Einreise inhaftiert zu werden oder unsere Familien vor Ort zu gefährden.

Doch die Kraft der Proteste ist ansteckend: Endlich trauen auch wir Iraner:innen der Diaspora uns, unser Schweigen zu brechen. Wir vernetzen und bestärken uns, wir kämpfen hier den Kampf unserer Familien in Iran weiter. Als ich ein Kind war, hat mein Vater zu mir gesagt: „Du hast die Revolution im Blut.“ Es ist kein Zufall, dass ich immer aufbegehren und stets hinterfragen wollte. Ich habe die Revolution im Blut, weil ich Tochter iranischer Eltern bin, Kind aus einer Familie von politischen Gefangenen. Im Persischen gibt es den Begriff „Shirzan“. Er bedeutet „Löwenfrau“ und steht für all die mutigen Frauen, die in Iran und der Diaspora gerade laut werden.

Ich wünsche mir, dass die internationale Gemeinschaft deutlicher spricht und handelt. Bundeskanzler Olaf Scholz sagt, er fände es „schrecklich, dass Mahsa Amini in Polizeigewahrsam gestorben“ sei. Ein Satz, den die iranische Regierung genauso hätte sagen können, weil sie bis heute negiert, dass es sich bei Zhina Mahsa Aminis Tod um Femizid handelt.

Es geht bei den Protesten nicht nur um die Kopftuchpflicht. Es geht um mindestens 43 Jahre der systematischen Unterdrückung. Es ist Teil dieses Systems, dass Dissident:innen, Frauen, ethnische, religiöse und queere Minderheiten ermordet werden, dass ihre Rechte beschnitten werden.

Es geht bei den Protesten nicht nur um die Kopftuchpflicht. Es geht um mindestens 43 Jahre der systematischen Unterdrückung. Es ist Teil dieses Systems, dass Dissident:innen, Frauen, ethnische, religiöse und queere Minderheiten ermordet werden, dass ihre Rechte beschnitten werden.

Wir in Deutschland dürfen nicht zulassen, dass die Kämpfe dieser Menschen unsichtbar gemacht werden. Wenn rechte Politiker:innen dem Islam die Schuld an allen Gräueltaten in Iran geben, wollen sie damit ihre rassistische Agenda stützen. Sie verkennen die Realität. Verkennen, dass gerade auch religiös-konservative, vollverschleierte Frauen in Iran gemeinsam mit den Frauen, die kein Kopftuch tragen möchten, für Selbstbestimmung kämpfen. Jede Frau, jede Muslima, in Deutschland oder in Iran, sollte ihre eigene Entscheidung treffen dürfen.

Oft hört man hier, die Frauen in Iran würden für „westliche Werte“ kämpfen, womit wohl ausgedrückt werden soll, dass es Werte wie Freiheit und Selbstbestimmung anderswo als im Westen noch nicht gebe. Doch Freiheit und Selbstbestimmung sind universelle Werte. Gerade sind es die Frauen im Nahen und Mittleren Osten, die uns das durch ihre Kämpfe beweisen.

Die mutigen Menschen in Iran wollen keine Reformen mehr, sie wollen das Ende der Islamischen Republik. Die Islamische Revolution 1979 wurde von Männern angeführt, die „Gott ist groß“ riefen. Die heutige Revolution wird von Frauen angeführt. Sie rufen „Frauen, Leben, Freiheit“.

Die mutigen Menschen in Iran wollen keine Reformen mehr, sie wollen das Ende der Islamischen Republik. Die Islamische Revolution 1979 wurde von Männern angeführt, die „Gott ist groß“ riefen. Die heutige Revolution wird von Frauen angeführt. Sie rufen „Frauen, Leben, Freiheit“.

Ich wünsche mir, dass wir Iraner:innen uns auf Demos in Deutschland solidarisch zeigen können, ohne Angst vor Spitzeln des iranischen Regimes haben zu müssen. Ich wünsche mir, dass uns iranischen Frauen niemand mehr eine „Stimme geben“ muss. Wir haben eine Stimme. Die Iranerinnen vor Ort und der Diaspora sind gerade lauter denn je. Ihr müsst nur hinhören.

In einem Land, in dem es keine Pressefreiheit gibt, sind soziale Netzwerke die einzige Waffe der Zivilbevölkerung gegen das Regime. Wir dürfen nicht damit aufhören, uns solidarisch zu zeigen, ihre Beiträge zu teilen, auf Demos zu gehen.

Ich weiß nicht, wann ich wieder nach Iran reisen kann, um meine Familie zu besuchen. Doch ich wünsche mir, dass dann jede weiblich gelesene Person selbst entscheiden kann, ob und wie sie sich verhüllen möchte. Ich wünsche mir, dass Iran eines Tages vor allem für zwei Dinge bekannt ist: für die Schönheit und für die mutigen Frauen des Landes.

Team
Text Avin Khodakarim
Illustration Samira Roll
Digitales Storytelling Samira Roll