Süddeutsche Zeitung

Wulff-Affäre:In kalter Freundschaft

Christian Wulff hat sich immer wieder bemitleidet - so auch im Prozess gegen seinen ehemaligen Sprecher Olaf Glaeseker. Dabei hat er selbst andere Menschen zutiefst verletzt.

So weihevoll seine Worte auch klingen sollten: Im Landgericht Hannover saß am Montag ein bisweilen dünnhäutiger, tief verbitterter Mann auf dem Zeugenstuhl. Ein ehemaliges Staatsoberhaupt, das daran zweifelt, ob er einem Staat noch vertrauen kann, der ihn seit Jahren verfolgt. Christian Wulff hat sich immer wieder bemitleidet, während er im Prozess gegen seinen ehemaligen Sprecher Olaf Glaeseker aussagte.

Doch war das der denkbar schlechteste Ort für Selbstmitleid. Denn Wulff selbst hat andere Menschen zutiefst verletzt. Am härtesten ist er mit Olaf Glaeseker umgesprungen. Fast 13 Jahre hat der ihm treu gedient, Wulff nannte ihn einst seinen siamesischen Zwilling.

Doch als der Zwilling 2011 zur Belastung wurde, ließ Wulff ihn feuern - zwei Tage vor Weihnachten, ohne überhaupt mit Glaeseker zu sprechen. Kälter geht es kaum. Und als es später in einer Vernehmung darum ging, sich selbst zu retten, ließ Wulff Glaeseker im Regen stehen.

Dass Wulff nun Teile seiner Erinnerung wiederentdeckt und Glaeseker doch noch entlastet hat, mag an seinem schlechten Gewissen liegen. Das wäre zumindest ein wenig redlich. Vermutlich ist es aber reiner Selbstschutz: Denn Wulffs Behauptung, er habe von Glaesekers umstrittenen Urlauben nichts gewusst, haben Zeugen längst widerlegt; Wulff drohte eine Anklage wegen Falschaussage. Ein edelmütiges Opfer sieht anders aus.

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