Süddeutsche Zeitung

Weihnachtsansprache 2009:Köhler kritisiert "maßlose" Banker

Er war Leiter des IWF, nun fordert er als Bundespräsident neue Regeln für den Finanzsektor: In seiner Ansprache redet Köhler den Bankern ins Gewissen.

Er war selbst lange Jahre in der Finanzbranche tätig, vor seinem Amt als Bundespräsident leitete er den Internationalen Währungsfonds (IWF). Nun hat Horst Köhler heftige Kritik an Managern geäußert. In seiner traditionellen Weihnachtsansprache, die am ersten Weihnachtstag von ZDF und ARD ausgestrahlt werden soll, fordert er mehr Verantwortung der Finanzbranche für das Allgemeinwohl und strengere gesetzliche Regeln für den Bankensektor.

Maßlosigkeit der Finanzakteure und Mängel bei der staatlichen Aufsicht hätten die Welt in eine tiefe Krise gestürzt, sagte Köhler in der vorab verbreiteten Rede. "Wir brauchen Ehrbarkeit und bessere Regeln in der Finanzwirtschaft." Notwendig sei die Einsicht, dass Geld den Menschen dienen müsse und sie nicht beherrschen dürfe.

Die Verantwortlichen rief Köhler zur Einkehr auf. "Wir leben in einer Welt, die wir selbst gestalten dürfen. Das ist ein Geschenk. Aber es verpflichtet uns auch, die Defizite unserer Welt zu erkennen und dagegen anzugehen."

Von der Politik fordert der Bundespräsident mehr Nachhaltigkeit. "Es geht um eine Politik, die über den Tag hinaus denkt und handelt", sagte er. Dazu gehöre eine "Kultur der Achtsamkeit und Anerkennung". Dies werde Vertrauen schaffen.

Erinnerung an Winnenden

Köhler erinnerte in seiner traditionellen Weihnachtsansprache zudem an Ereignisse während der vergangenen Monate, in denen die Menschen "Schutzlosigkeit" erfahren hätten. Der Bundespräsident nannte in diesem Zusammenhang den Amoklauf von Winnenden mit 16 Toten im März und den tödlichen Angriff von zwei Jugendlichen auf einen 50-Jährigen an einem Münchner S-Bahnhof vom September.

"Wir haben in diesem Jahr Taten erlebt, die uns an die Grenze des Verstehbaren geführt haben", sagte Köhler. "Sie haben uns ratlos gemacht." In ihnen stecke aber auch die Aufforderung, "nachzudenken über uns selbst und wie wir zusammenleben". Das Staatsoberhaupt stellte vor diesem Hintergrund die Frage, ob sich die Menschen mit genügend gegenseitiger Achtsamkeit begegneten.

"Da denke ich auch an unsere Soldatinnen und Soldaten in Afghanistan", fügte Köhler hinzu. "Machen wir uns klar, was ihr Dienst bedeutet?" Seine guten Wünsche seien "bei ihnen und auch bei den Landsleuten, die sich fern der Heimat im Dienst der Polizei oder der Hilfsorganisationen für Sicherheit und friedlichen Aufbau einsetzen".

Darüber hinaus mahnte Köhler zu einem achtsamen Umgang mit den eigenen Lebensgrundlagen. Notwendig sei es, bewusster und "in besserem Einklang mit der Schöpfung" zu leben. "Wir horchen staunend auf, wenn eine Nasa-Sonde Wasser auf dem Mars entdeckt haben soll - aber wir haben verlernt zu staunen über das Wasser, das bei uns so selbstverständlich aus dem Hahn fließt, wo doch anderswo die Menschen tagein, tagaus viele Kilometer laufen müssen, um an Trinkwasser zu kommen", sagte der Bundespräsident.

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