Süddeutsche Zeitung

Vereinigte Staaten:"Weil der Himmel den USA gehört"

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Erstmals lässt Donald Trump den Nationaltag mit einem Militärspektakel feiern und preist die Streitkräfte. Selbst Veteranen finden, er degradiere Soldaten zur Staffage.

Von Alan Cassidy, Washington

Die Kampfjets und Hubschrauber kommen in Wellen. Sie tauchen als ferne Punkte über dem Washington-Obelisk auf, kommen rasch näher und donnern dann über die Köpfe der Zuschauer in ihren roten Kappen, angekündigt vom Zeremonienmeister auf den Stufen des Lincoln Memorial. "Der B-2-Bomber aus Missouri!", ruft Donald Trump - die Menge jubelt. "Der brandneue Marine- One-Helikopter!", sagt Trump - die Leute applaudieren. So geht das eine halbe Stunde, ein Flugzeug nach dem anderen, F-22, F-35, Air Force One. Jedes Mal halten Trumps Anhänger mit den Handykameras drauf, jedes Mal brechen sie in Sprechchöre aus: "USA, USA". Der 4. Juli in Washington: Er ist dieses Jahr ein gigantisches Militärspektakel, und ein Wahlkampfanlass, wie es noch nie ein Präsident vor dieser Kulisse abgehalten hat.

Dabei beginnt der Nationalfeiertag zumindest in den Wohnvierteln Washingtons wie immer. Über den Gärten wabert der Geruch von Kohle und brutzelndem Fleisch, aus Lautsprechern klingt Musik, in den Straßen stehen Hüpfburgen. Doch unten an der National Mall, der drei Kilometer langen Parkanlage zwischen Kapitol und Lincoln Memorial, ist nichts wie sonst. Die Familien mit den Picknickdecken, die üblicherweise hierherkommen, um sich das traditionelle Feuerwerk über dem Potomac anzuschauen, sind nicht da. Stattdessen: ein Meer von Trump-Fans. Leicht zu erkennen an den Kappen und T-Shirts mit den Wahlkampfslogans des Präsidenten: "Make America Great Again", "Keep America Great", "Trump/Pence 2020". An manch einer Kappe baumelt noch das Preisschild, 25 Dollar.

Bisher war der 4. Juli einer der wenigen Anlässe, bei denen die Politik im Hintergrund bleibt

Ebenso leicht zu erkennen: die Gegner des Präsidenten. Sie führen Ballons mit sich, die Trump als Kleinkind in Windeln zeigen, sie tragen Anstecker mit Sprüchen wie "Facts matter", Fakten zählen. Die größte Gruppe steht beim Washington-Obelisk, neben einer großen Variante des Baby-Trump-Ballons, wo Frauen schon am frühen Nachmittag Protestlieder aus der Bürgerrechtsbewegung singen. Der 4. Juli, der Tag, an dem die Amerikanerinnen und Amerikaner ihre Unabhängigkeit feiern, war bisher einer der letzten Anlässe, an dem Politik in den Hintergrund tritt, sogar in Washington, wo sich sonst ausnahmslos alles um Politik dreht. Doch mit Trumps Entscheidung, in diesem Jahr als erster Präsident eine spezielle Parade abzuhalten, ist nun auch das vorbei.

Marcia Shaffer, USA-Hut, USA-T-Shirt, Trump-Anstecker, hat damit kein Problem. Die 60-jährige Rentnerin ist aus Virginia in die Hauptstadt gekommen, trotz der schwülen Hitze, die die Menschen zum Schwitzen bringt. Sie hält Trump für einen sehr erfolgreichen Präsidenten: "Er sorgt dafür, dass die Wirtschaft läuft, er tut Dinge, die sich sonst keiner getraut hat." Dazu gehört für Shaffer auch die Feier zum 4. Juli. Ein Wahlkampfanlass auf Staatskosten, wie die Kritiker sagen? "Unsinn! Er hat diese Feier aus Liebe zum Land organisiert, gegen alle Widerstände."

Sie hat den Präsidenten bereits zwei Mal gesehen, das erste Mal bei der Inaugurationsfeier, das zweite Mal kürzlich, als Trump ohne Vorankündigung in der evangelikalen Kirche in Virginia auftauchte, die auch Shaffer besucht. "Heute unterstütze ich ihn erst recht", sagt sie. Shaffer hat, wie die meisten Leute an der Mall, keines der Tickets erhalten, die das Weiße Haus an Trumps Wahlkampfspender, Parteifreunde und sonstige Unterstützer abgab. Das heißt auch, dass sie die Panzer nicht sieht, von denen Trump so lange gesprochen hat. Am liebsten hätte es der Präsident gesehen, wenn die Panzer durch Washington gerollt wären, doch dagegen sperrte sich die Stadtregierung mit allen Mitteln - das hätte die ohnehin schon von Schlaglöchern durchsetzten Straßen in der Hauptstadt weiter beschädigt. Nun stehen die Panzer also neben dem Lincoln Memorial, zwei Stück vom Typ Abrams, zwei vom Typ Bradley. Doch nahe ran kann an die Fahrzeuge nur, wer ein Ticket für die VIP-Zone hat. Allen anderen bleibt nur der Blick durch einen Zaun.

Auch daran stören sich viele Anhänger Trumps nicht. Sie warten schon Stunden vor der Rede des Präsidenten zu beiden Seiten des Reflecting Pool vor dem Lincoln Memorial. Ihre Plätze geben sie auch nicht auf, als heftige Gewitter einsetzen. In Regenponchos und unter Schirmen verfolgen sie auf drei großen Leinwänden, wie Trump und First Lady Melania sich vor dem Weißen Haus in die Limousine setzen, die sie zum Memorial bringt. Als Trump eintrifft und in eine Glaskabine steigt, um seine Rede vorzutragen, hören seine Fans nicht das, was sie von seinen Wahlkampfauftritten gewohnt sind. Der Präsident hält sich diesmal an das Skript: keine Tiraden gegen die Medien, keine Angriffe auf seine Gegner.

Stattdessen: eine Stunde lang militärische Heldengeschichten. "Seit mehr als 65 Jahren hat keine gegnerische Luftwaffe mehr einen amerikanischen Soldaten getötet", sagt Trump. "Weil der Himmel den Vereinigten Staaten von Amerika gehört!" Er rühmt auch die anderen Truppengattungen, Marine, Marineinfanterie, Armee, Küstenwache, er grüßt die Generäle und Admiräle, die in den ersten Zuschauerreihen sitzen. Amerikas Freiheit ruhe auf den Schultern der Männer und Frauen der Streitkräfte, die diese Freiheit verteidigen würden. "Nie zuvor war Amerika so stark wie heute", sagt Trump.

"Er gibt vor, das Militär zu feiern, dabei geht es ihm nur um seine eigene Person"

Nicht alle hören solche Töne gerne. "Trump benutzt das Militär als Requisite", sagt Nick Robert, der aus South Carolina angereist ist. Der 66-Jährige ist Mitglied der Organisation Veterans for Peace, Veteranen für den Frieden, er steht bei den Protesten rund um den Trump-Ballon und trägt ein weißes T-Shirt, auf der das Kriegsschiff USS John McCain zu sehen ist. Das Schiff ist benannt nach allen drei McCains, ursprünglich aber nur nach Vater und Großvater des verstorbenen Senators, den Trump auch nach dessen Tod noch verspottet. "Er gibt vor, das Militär zu feiern", sagt Robert, "dabei geht es ihm nur um seine eigene Person. Er sonnt sich im Ruhm all jener, die ihm Gegensatz zu ihm tatsächlich Dienst geleistet haben. Leuten wie McCain." Das sei eine würdelose Show - und zwar eine, für welche die Steuerzahler aufkommen müssten.

Wie hoch die Kosten ausfallen, wollte die US-Regierung bisher nicht sagen. Die Washington Post machte aber publik, dass alleine der Nationalparkdienst 2,5 Millionen Dollar für die Feier aufwenden musste. Geld, das eigentlich dafür vorgesehen ist, die Nationalparks des Landes instand zu halten. Trumps Anhänger auf der Mall kümmert das wenig. Der Präsident hatte ihnen eine große Show versprochen, wie sie Amerikas Hauptstadt noch nie gesehen habe. Und als der letzte Kampfjet über die Zuschauer gedonnert ist, als kurze Zeit später das Feuerwerk beginnt, sind sich Trumps Fans sicher: Der Präsident hat sein Versprechen gehalten.

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SZ vom 06.07.2019
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