Süddeutsche Zeitung

Türkeis Rolle bei Militärschlag gegen Syrien:Krieg vor der eigenen Haustür

Mit scharfer Rhetorik versucht die türkische Regierung, den Westen zu einem harten Schlag gegen das Assad-Regime zu bewegen. Mit tatkräftiger Hilfe für die USA, Frankreich und Großbritannien würde sich Ankara aber schwer tun, denn die Türken stecken in einem Dilemma.

Von Gökalp Babayigit

In der Kunst der Diplomatie hat sich Recep Tayyip Erdoğan noch selten hervorgetan. Auch beim Syrien-Konflikt, der nun mit der militärischen Intervention des Westens nach dem Giftgas-Angriff weiter zu eskalieren droht, übte sich der türkische Premier nie in Zurückhaltung. An Assad gerichtet sagte er bei einer Veranstaltung in Libyen: "Jene, die ihre Bevölkerung unterdrücken, werden nicht überleben. Die Zeit der Alleinherrscher ist vorbei. Totalitäre Regime verschwinden."

Vor fast zwei Jahren fielen diese Worte.

Seitdem sind mehr als 100.000 Menschen im Bürgerkrieg in Syrien gestorben, seitdem hat die syrische Luftabwehr ein türkisches Flugzeug abgeschossen. Seitdem haben sich türkische und syrische Soldaten entlang der gemeinsamen 900 Kilometer langen Grenze Scharmützel geliefert, haben die Türken rund 500.000 syrische Flüchtlinge aufgenommen. Seitdem haben syrische Politiker die Türken vor der Unterstützung syrischer Rebellen gewarnt, haben türkische Ermittler den Syrern die Schuld an einem Autobombenanschlag in Reyhanli mit 50 Toten gegeben. Doch jetzt, mit der weiteren Eskalation durch einen Militärschlag des Westens gegen Assad, könnte es richtig ernst werden zwischen den einst so gut befreundeten Staaten - und sehr gefährlich für die Türkei.

So zumindest lautet das beherrschende Narrativ in den türkischen Zeitungen. Da ist die Furcht vor syrischen Raketen mit chemischen Kampfstoffen, die Assad als Vergeltung für die türkische Beteiligung an der Intervention des Westens abfeuern lässt. Gegen sie könnte die türkische Abwehr dem Vernehmen nach wenig ausrichten. Da sind ernstgenommene Warnungen des syrischen und des iranischen Außenministeriums, die Türken mögen sich bitte ihrer eigenen inneren Sicherheit zuliebe nicht noch mehr in Syrien einmischen. Da sind Gedankenspiele, dass Assad freundlich gesinnte radikale Kräfte wie die libanesische Schiiten-Miliz Hisbollah Anschläge auf türkischem Boden unterstützen könnte.

Außenminister Ahmet Davutoğlu scheint das alles nicht so sehr zu interessieren. Er haut weiter auf die Pauke, weshalb ihn die Oppositionspartei CHP schon der Kriegstreiberei zieh. Die Türkei werde notfalls auch ohne UN-Mandat ihren Platz in einer Allianz gegen Assad einnehmen, so Davutoğlu. Er tönt: Bleibe eine Entscheidung des Weltsicherheitsrates aus, werde man eben nach Alternativen suchen. Die Einsatzregeln für die an der Grenze stationierten türkischen Soldaten seien außerdem geändert worden. Die Soldaten sind seit Mittwoch angehalten, jede aus Syrien kommende Gefahr zu vergelten. Mit großer Geste schließlich ließ das Militär seine im grenznahen Hatay stationierten Boden-Boden-Raketen in Richtung Syrien rotieren.

Starke Worte, kaum Konkretes

Bemerkenswert ist allerdings, dass Davutoğlu bei aller entschlossen wirkenden Rhetorik kein konkretes Wort darüber verlor, wie genau sich die Türken an der westlichen Intervention zu beteiligen gedenken. Denn die Türkei ist hier in einem Dilemma.

Krieg hätte Folgen für Türkeis Wirtschaft

Einerseits hat sie großes Interesse daran, dass der Schlag gegen das Regime so machtvoll ist, dass er auch mögliche Vergeltungsakte des syrischen Militärs unmöglich macht. Gegen syrische Raketen - noch dazu mit potenziell chemischen Kampfstoffen - sind die türkischen Streitkräfte auch trotz der Patriot-Raketenabwehrsysteme der Nato nicht gut genug gewappnet. Andererseits können die Türken aus diversen Gründen nur auf die Entschlossenheit der Amerikaner, Franzosen und Briten hoffen - denn sie selbst werden nicht tatkräftig am Schlag gegen Syrien mitwirken.

Die Mehrheit der Bevölkerung ist dagegen, dass die Türkei eine aktive Rolle in dem drohenden bewaffneten Konflikt übernimmt. 43,5 Prozent der Befragten hätten eine neutrale Haltung bevorzugt. Angesichts der Parlaments- und Präsidentenwahl im kommenden Jahr, in denen Erdoğan mithilfe einer Verfassungsänderung seine Macht zementieren möchte, eine Zahl, die die seit den Gezi-Protesten vorsichtig gewordene AKP noch vorsichtiger werden lässt.

Zumal hätte die Verwicklung in einen Krieg mit dem Nachbarn auch verheerende Folgen für die Wirtschaft des Landes - und würde damit die Erfolgsgeschichte der Partei gefährden. Denn die boomende Wirtschaft ist und bleibt in den Augen vieler das beste Argument für die AKP, die seit 2002 an der Regierung ist und in dieser Zeit eine beispiellose Erfolgsgeschichte zu erzählen hat. Doch historisch ist dieser Tage auch der Tiefstand, den die türkische Lira erreicht hat. Oder die Zinsen für zweijährige Staatsanleihen, die nach den starken Worten von Außenminister Davutoğlu auf den höchsten Wert seit 19 Monaten stiegen.

Weniger messbar, aber für die türkische Befindlichkeit mindestens genauso wichtig sind die nicht abzusehenden Implikationen, die eine Beteiligung am Militäreinsatz für die Kurdenproblematik hätte. Mit der PKK wurde mühsam ein Frieden geschlossen. Doch wie die mit der PKK eng verbundene und im Norden Syriens dominierende kurdische "Partei der Demokratischen Union" (PYD) auf Militäreinsätze der Türken reagieren würde, ist unklar - und birgt das Risiko in sich, eben jenen fragilen Frieden mit der PKK wieder zu gefährden.

Mit großer Wahrscheinlichkeit werden die Türken den Amerikanern gleichwohl die Militärbasis in Incirlik zur Verfügung stellen. Möglich auch, dass sich ihre Flotte an Manövern im Mittelmeer beteiligt, wenn das die USA wünschen. Doch ansonsten ist die Türkei im nahenden Krieg mit Syrien auf andere angewiesen. Aus der einstigen Politik der "null Probleme", die Erdogans AKP-Regierung mit ihren Nachbarn pflegen wollte, scheint im Fall des Syrien-Konflikts eine Politik der tausend Probleme geworden zu sein.

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