Süddeutsche Zeitung

Terrormiliz Islamischer Staat:Fahndung nach Dschihadistinnen aus Mönchengladbach

Die Türkei fahndet nach zwei Frauen aus Nordrhein-Westfalen, die sich dem IS angeschlossen haben sollen. Deutsche Behörden könnten helfen - doch die Türken rühren sich nicht.

Von Boris Baumholt, Damla Hekimoglu und Katja Riedel

Tage, bevor die Welt von Irma S. zusammenbrach, hatte Valentina ihrer Mutter noch Nachrichten per Whatsapp geschrieben. Dass sie dringend Geld schicken solle, an eine Adresse in Adiyaman nahe der türkisch-syrischen Grenze. Über Western Union am besten, 400 Euro oder mehr. Die Nachrichten klingen fordernd. Wofür die Tochter womöglich Geld brauchte, das ahnt ihre Mutter inzwischen.

Denn Valentina, die doch eben noch das liebe Mädchen war, die Kleine mit der Zahnspange, wird in der Türkei dringend gesucht: als mögliche Selbstmordattentäterin. Während türkische Medien Valentinas Fahndungsfoto senden und drucken, schaut sich ihre Mutter in ihrer Wohnung in Mönchengladbach Kinderfotos an, dazu zündet sie sich Zigarette um Zigarette an. Sie will es bis heute nicht glauben.

Valentina könnte am Attentat von Suruç beteiligt gewesen sein

Doch auch deutsche Behörden gehen nach Informationen von WDR und Süddeutscher Zeitung davon aus, dass Valentina, 20, und ihre gleichaltrige Freundin Merve, die ebenfalls aus Mönchengladbach stammt, sich der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) angeschlossen haben. Seit Monaten ermittelt die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft gegen sie wegen des Verdachts, eine schwere staatsgefährdende Straftat vorzubereiten.

Und auch türkische Behörden suchen nach ihnen: Seit dem Attentat von Suruç, bei dem mehr als 30 Menschen starben, fahndet die Türkei nach IS-Terroristen, die Anschläge vorbereiten sollen, darunter auch nach Valentina und drei weiteren Personen, dabei könnte es sich um Merve und ihre Ehemänner, die Zwillingsbrüder Ömer und Mahmut D., handeln. Ihre Namen und Fotos fanden sich vor Wochen auf einer Fahndungsliste mit insgesamt 21 Verdächtigen.

Bis Ende vergangener Woche gingen die türkischen Ermittler jetzt davon aus, dass Valentinas Mann Ömer D. einer der beiden Selbstmord-Attentäter von Ankara gewesen sein sollte. Ein DNS-Abgleich soll nun diesen Verdacht entkräftet haben, Ömer D.

demnach also am Leben sein. Doch den Verdacht, dass die IS-Zelle unmittelbar Anschläge vorbereite, halten die türkischen Behörden weiter aufrecht: Sie befürchten, die Gruppe könnte vor den vorgezogenen Parlamentswahlen am Sonntag weitere Anschläge verüben, etwa in öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie seien zu diesem Zweck aus Syrien in die Türkei gereist.

Die türkischen Behörden suchen mit Hochdruck nach Valentina - angeblich

Seit dem Attentat von Ankara am 10. Oktober, bei dem mehr als 100 Menschen starben und 500 verletzt wurden, scheint es so, als gehe die Regierung entschlossener gegen den IS vor. Am Montag wurden bei einer Razzia im Südosten des Landes sieben mutmaßliche IS-Dschihadisten und zwei Polizisten getötet. Laut Regierungssprecher Numan Kurtulmus habe die Polizei in Diyarbakir ein IS-Versteck stürmen wollen. Auch nach Valentina S., Merve D. und ihre Ehemänner suche man mit Hochdruck, ist zu hören.

Die Familie der beiden Ehemänner hat zu Ömer und Mahmut D. nach Informationen von SZ und WDR seit etwa einem Jahr keinen Kontakt mehr. Die beiden Studenten sollen sich zwar - wie viele andere junge Männer aus ihrer als konservativ geltenden Heimatstadt Adiyaman - religiös radikalisiert haben; das Ausmaß will aber niemand bemerkt haben. Nachdem die Zwillinge verschwunden sind, soll der Vater in Syrien nach ihnen gesucht haben. Davon, dass die Söhne geheiratet haben, soll die Familie nur über Dritte erfahren haben.

Die beiden deutschen Freundinnen Merve D. und Valentina S. aus dem Rheinland waren Ende 2013 erstmals in die Türkei gereist, um in Syrien IS-Kämpfer zu heiraten. Die Polizei griff sie jedoch auf. Die deutsche Staatsbürgerin Valentina schickte sie umgehend zurück, Merve hingegen, die einen türkischen Pass hat, blieb in der Türkei, heiratete.

Kein direkter Kontakt zwischen türkischen und deutschen Ermittlern

Es schien zunächst, als versuche Valentina, wieder in ihrer Heimat Fuß zu fassen, doch offenbar nur zum Schein. Im Sommer vergangenen Jahres gelang auch ihr die heimliche Ausreise. Doch dass die türkischen Behörden bislang Schwierigkeiten hatten, die mutmaßlichen Terroristen aufzuspüren, lässt sich schwer glauben. Denn sie scheinen alles andere als unauffindbar. Den deutschen Familien jedenfalls waren mehrere Handynummern ihrer Kinder bekannt, zudem die Namen von Verbindungsleuten und sogar eine türkische Adresse, an der Valentina regelmäßig Post abgeholt haben soll, so ist es auch den Whatsapp-Gesprächen mit ihrer Mutter in Mönchengladbach zu entnehmen.

Auch deutsche Ermittler äußern sich verwundert, dass die türkischen Behörden sich zuletzt kaum für einen Informationsaustausch über die beiden aus Deutschland stammenden Mädchen interessiert haben sollen. "Wir haben die türkischen Behörden davon in Kenntnis gesetzt, dass hier ein entsprechendes Verfahren anhängig ist", sagt Willy Theveßen von der Polizei Mönchengladbach. Man habe auch gebeten, die Erkenntnisse zu teilen. Es sei aber "zu keinem direkten Kontakt mit den türkischen Sicherheitsbehörden gekommen".

Irma S. hat von ihrer Tochter Valentina seit dem Attentat von Ankara kaum mehr gehört. Ihr wie gewünscht Geld zu schicken hat die Mutter schlicht abgelehnt.

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Quelle:
SZ vom 27.10.2015/ewid
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