Süddeutsche Zeitung

Prozess gegen "Gruppe S.":Abgründe hinter biederer Fassade

Sie wollten laut den Ermittlungen in Moscheen töten und einen Bürgerkrieg provozieren: In Stuttgart stehen die mutmaßlichen Mitglieder der "Gruppe S." vor Gericht - zwölf Männer, die ein irritierendes Bild abgeben.

Von Lena Kampf und Annette Ramelsberger

Fast alle von ihnen haben Familie, oft noch kleine Kinder. Einer kümmerte sich um seine querschnittgelähmte Lebensgefährtin. Die meisten von ihnen arbeiteten regelmäßig, der eine als selbständiger Trockenbauer, der andere als Krankenpfleger, der dritte als Gas- und Wasserinstallateur. Sie sind Steinmetze, Lagerarbeiter, selbständige Fliesenleger, Gerüstbauer.

Einer war sogar gelernter Polizist und dann als Verwaltungsangestellter beim Polizeipräsidium Hamm. Wer die Lebensläufe der zwölf Männer der "Gruppe S." liest, die seit Dienstag vor dem Oberlandesgericht Stuttgart stehen, denkt nicht unbedingt daran, dass sie den Umsturz in Deutschland vorbereiten, dass sie mit Gewalt in Moscheen eindringen und dort selbst Frauen und Kinder niederschießen wollten. All das wirft ihnen die Bundesanwaltschaft vor.

"Das sind keine gescheiterten Existenzen", sagt ein Ermittler. "Die haben Haus, Hund, Garten." Doch nur von außen sehen die mutmaßlichen Mitglieder der "Gruppe S." aus wie biedere Bürger. Hinter dieser Fassade baute sich ein Groll auf, der sie dazu trieb, ihre Existenz aufs Spiel zu setzen, ihre Familien allein zu lassen, um einem Anführer zu folgen, der ihnen "den Krieg" verhieß. Und dem sie selbst versprachen, muslimische Frauen und Kinder zu töten.

Der Plan: die Demokratie zerstören

Sie wollten, so redeten sie sich ein, Deutschland vor der Überfremdung bewahren. Sie wollten den Bürgerkrieg provozieren und dann die Demokratie zerstören. So sieht das die Bundesanwaltschaft, die die zwölf Männer wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung angeklagt hat.

Am Dienstag begann der Prozess vor dem Oberlandesgericht Stuttgart. Anführer soll der 55 Jahre alte Werner S. aus der Nähe von Augsburg gewesen sein, der den Männern von Patriotismus und Mannhaftigkeit vorschwärmte, seine rechte Hand der 40 Jahre alte Krankenpfleger und gelernte Soldat Tony E. aus Norddeutschland.

Es muss ihnen etwas bedeutet haben, in ihrem Anführer Werner S. jemanden gefunden zu haben, der sie zu einer Gemeinschaft zusammenschweißte. Der ihnen eine "Mission" versprach. Aus den von außen so unauffälligen Bürgern wurden Kämpfer, die sich Waffen besorgen wollten und Anschlagspläne besprachen: gleichzeitig wollten sie mehrere Moscheen angreifen.

"Als wenn sie ein Parallel-Leben geführt hätten", sagt ein Fahnder. In diesem Paralleluniversum peitschten sie sich gegenseitig auf, da spürten sie einen Männerbund, eine Gemeinschaft mit Gleichgesinnten, die immer martialischer wurde. In ihren Chats versuchten sie sich gegenseitig zu übertrumpfen, es begann langsam, dann - je mehr Vertrauen entstand - wucherten die Gewaltfantasien. Nur sollte die Gewalt keine Fantasie bleiben.

Zwei, drei Monatsgehälter für Waffenkäufe

Die Männer, die nur überschaubare Einkünfte hatten, waren laut Anklage bereit, zwei, drei Monatsgehälter dafür zu opfern, um Waffen für den Umsturz zu kaufen und Politiker zu "eliminieren".

Die Ermittler befürchten, dass die Männer der "Gruppe S." nicht allein sind. Es könnte gut sein, dass die Polizei auf noch weitere Gruppen stößt. Denn allein acht Mitglieder der "Gruppe S." hatten zum Teil hochrangige Führungspositionen in Bürgerwehren wie dem "Freikorps", der "Bruderschaft Deutschland", "Vikings Security" und "Wodans Erben Germania". Es wäre nichts Neues. Schon vor der "Gruppe S." hatten sich Rechtsradikale zu Terrorgruppen zusammengeschlossen, wie der Gruppe "Freital" und der "Revolution Chemnitz", die Anschläge auf Andersdenkende und Flüchtlinge unternahmen und ihre Leute aus verschiedenen rechten Szenen rekrutieren wollten.

Oft treten diese Extremisten als Bürgerwehr auf, die vorgeben, für Recht und Ordnung sorgen zu wollen, sie inszenieren sich als "Schutzmacht" für angeblich bedrohte Deutsche und treten in einheitlicher Kleidung oder rockerähnlichen Kutten auf. Bundesweit gibt es mindestens 20 solcher Gruppen, die meisten werden als rechtsextremistisch eingestuft und vom Verfassungsschutz beobachtet. Bisher galten sie als nicht überregional vernetzt.

Neue Sorge : Corona-Leugner

Das haben die Ermittlungen gegen die "Gruppe S." nun widerlegt. Wie sich an den Männern von Werner S. zeigt, kamen sie aus einem bundesweiten Netzwerk, in dem Werner S. seine Mitstreiter fand. Ganz gezielt suchte er Männer aus, die er für besonders gewaltbereit und entschlossen hielt. Einige versprachen ihm, mit ihm bis in den Tod zu gehen, wenn es zum Bürgerkrieg kommt.

Angesichts der Corona-Demonstrationen wächst die Sorge, dass sich Corona-Leugner und rechte Extremisten zu gewalttätigen Gruppen zusammentun. "Die Radikalisierung ist dynamisch, unberechenbar", sagt ein Ermittler. "Da braucht nur einem die Sicherung durchzubrennen..." Bei den Corona-Protesten fielen auch immer wieder Personen aus dem Umfeld der "Gruppe S." auf.

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