Süddeutsche Zeitung

Syrischer Flüchtling in Deutschland:Ich brauche keine Integration, ich habe eine Satellitenschüssel

Nicht alle Flüchtlinge wollen sich in Deutschland integrieren. Und nicht alle finden den richtigen Weg. Echte Integration beginnt mit dem Abbau von Vorurteilen - vor allem in der Liebe.

Von Yahya Alaous

Die Integrationsfähigkeiten von geflüchteten Menschen sind unterschiedlich. Viele geben ihr Bestes, um die deutsche Sprache zu lernen; viele versuchen, die Gebräuche in Deutschland und die Funktionsweise der Gesellschaft zu verstehen. Viele möchten auch deutsche Freunde gewinnen, denn natürlich funktioniert der Prozess, sich in einer neuen Umgebung einzugewöhnen, leichter, wenn man dabei unterstützt wird. Andererseits denken auch viele, dass es möglich sein muss, hier ohne eigene Integrationsbemühungen zu leben - besonders die Älteren, die Tag und Nacht darauf hoffen, bald wieder nach Syrien zurückzukehren.

Diese Menschen bevorzugen es, dort zu leben, wo sich bereits Landsleute angesiedelt haben. Sie wollen sich mit ihnen anfreunden, ohne Sprach- und Kulturbarriere - und natürlich benötigen sie eine Satellitenschüssel, um weiterhin ihre altbekannten arabischen Fernsehsender zu schauen.

Yahya Alaous

arbeitete in Syrien als politischer Korrespondent einer großen Tageszeitung. Wegen seiner kritischen Berichterstattung saß der heute 42-Jährige von 2002 bis 2004 im Gefängnis, sein Ausweis wurde eingezogen, ihm wurde Berufsverbot erteilt. Nach der Entlassung wechselte er zu einer Untergrund-Webseite, die nach acht Jahren vom Regime geschlossen wurde. Während des Arabischen Frühlings schrieb er unter Pseudonym für eine Oppositions-Zeitung. Als es in Syrien zu gefährlich wurde, flüchtete er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Deutschland. Seit Sommer 2015 lebt die Familie in Berlin. In der SZ schreibt Yahya Alaous regelmäßig über "Mein Leben in Deutschland".

Für diese Sorte Menschen ist die Aufgabe, sich zu integrieren, überaus schwierig, wenn nicht sogar unmöglich. Die Jobcenter schicken die Neuankömmlinge jedes Alters zunächst in Schulklassen, um die deutsche Sprache zu erlernen. Aber das Jobcenter und die Verpflichtung zum Spracherwerb allein bringen die Menschen nicht dazu, zu sprechen. Wie die Engländer sagen: Man kann das Pferd zum Wasser führen, es zum Trinken bewegen, das kann man nicht.

Kann man nicht auch super ohne Integration leben?

In der Sonnenallee im stark arabisch und türkisch geprägten Berliner Stadtteil Neukölln habe ich neulich eine palästinensische Hochzeit erlebt. Das Geschehen versetzte mich sofort in ein palästinensisches Lager nahe Damaskus. Es waren die gleichen Bräuche, die gleiche Zeremonie, die gleichen Lieder, die gespielt wurden. Nichts hatte sich für diese Menschen verändert, außer, dass sie vielleicht die Chanche auf ein Leben in mehr Wohlstand genießen. Ich habe mir Mühe gegeben, nach irgendwelchen Zeichen der Integration zu suchen - gefunden habe ich kein einziges.

Viele syrische Flüchtlinge, die ich bislang in Berlin getroffen habe, klagten über den Druck, den das Jobcenter auf sie ausübe, damit sie die deutsche Sprache erlernen. Einer wollte mir sogar etwas von Menschenrechten erzählen - mit denen ist der Zwang, die Sprache lernen zu müssen, seiner Ansicht nach nicht vereinbar. Dann fuhr er fort: Wir müssen ständig schauen, wie wir uns integrieren können - sind denn alle Deutschen integriert? Er wollte wissen, ob es nicht auch Deutsche gebe, die nicht in Harmonie mit der Gesellschaft leben. Einsame, aggressive, ehemals Kriminelle führte er als Beispiel an. Was das denn solle mit der ganzen Integration - man könne doch auch ohne sie super leben!

Junge Geflüchtete haben es leichter, sich anzupassen. Sich zu verlieben ist der einfachste und gleichzeitig der wichtigste Grund, sich auf den langen Weg in die Mitte einer neuen Gesellschaft zu begeben. Glücklich sind die jungen Männer, die es auf diesem Weg, dem der Liebe, schaffen, "der", "die", "das" und irgendwann auch den Dativ richtig einzusetzen.

Diejenigen, die diese Chance nicht haben, versuchen auf anderen Wegen, Beziehungen zu Deutschen entstehen zu lassen. Sie sprechen unermüdlich und mit nur wenigen Worten mit allen Verkäufern in jedem Geschäft. Der Verkäufer muss zuhören - auch wenn er es nicht will und eventuell sogar kaum etwas von dem Kauderwelsch versteht, das bei den meisten Lernenden nach einigen Stunden Unterricht hängengeblieben ist. Der neu Zugereiste könnte schließlich ein gut zahlender Stammkunde werden.

Andere wählen den einfachsten Weg zur Integration: den über die Mode. Sie zerreißen ihre Hosen, setzen sich absurd geformte Hüte auf (ohne zu wissen, dass nur ein kleiner Teil der deutschen Fußball- und Karnevalsfans diese Kopfbedeckungen trägt - und das auch nur zu bestimmten Anlässen) und tragen große Kopfhörer. So wollen sie offenbar zeigen, dass sie ein Teil dieser modernen Gesellschaft sind.

Die Imitation von Integration

Doch das sind nur oberflächliche Versuche, die Imitation von Integration. Tatsächliche Integration geht tiefer. Sie sollte sich in einer anderen, freiheitlichen Orientierung an westlichen Werten manifestieren, getragen von der Überzeugung, dass individuelle Freiheiten genau wie die Gleichberechtigung der Frau unumstößliche Grundpfeiler der neuen Gesellschaftsordnung sind. Wer sich wirklich integrieren will, muss diese Werte akzeptieren - und im Idealfall verinnerlichen.

Vor Kurzem sah ich einen Mann, der schön wie ein Model war. Er umarmte liebevoll eine asiatische Frau, die er, wäre er Araber gewesen, nach dem aktuellen arabischen Schönheitsideal nur schwerlich seiner Mutter hätte vorstellen können. In unserer strengen und oberflächlichen Gesellschaft gibt es immer noch den brutalen Spruch: "Die findet niemals jemanden zum Heiraten." In Deutschland scheint dagegen der wunderbare Satz zu gelten: "Ein jeder Topf findet seinen Deckel."

Versuche zur Erklärung dieser, wahrscheinlich wunderbar frei und unbefangen entstandenen Liebe sind für unsere Traditionalisten beunruhigend. Zeigt sie doch, dass die "Liebe zu einer Frau" mehr beinhaltet als vermeintliche äußere Schönheit, garantierte Jungfräulichkeit und die Empfehlung der Brautmutter, überbracht mit Gebäck an die Mutter des potenziellen Ehemannes.

Die meisten jungen Menschen in Syrien haben, natürlich im Stillen, voreheliche Liebesbeziehungen erlebt. Besonders in der Studienzeit gab und gibt es heimliche Paare. Problematisch wurde es erst, wenn sich der Wunsch zur Festigung dieser Liebschaften durch die Ehe anbahnte. Denn die Ehefrau auszusuchen war und ist der Job der Mutter des zu verheiratenden Sohnes. Dass dieses Heiratsprinzip eine Unzahl von Problemen mit sich bringen kann - von einem langweiligen Eheleben bis zur Scheidung -, liegt auf der Hand.

Hier in Deutschland haben junge wie alte Menschen die garantierte Freiheit, sich selbst für einen Lebenspartner entscheiden zu dürfen. Es gibt keine unbedingt erwünschten oder erzwungenen Hochzeiten, die sich aus den Wünschen oder Bedürfnissen der Großfamilien erschließen oder sich an ihnen orientieren.

Die wunderbare Idee, sich seinen Partner selbst auszusuchen

Ein Teil der echten Integration beginnt also, wenn die Neuankömmlinge ihre Vorurteile gegenüber freien, vorehelichen Beziehungen zwischen Mann und Frau aufgeben und die wunderbare Idee, sich selbst jemanden zum Zusammenleben aussuchen zu dürfen, annehmen. Das europäisch-asiatische Paar brachte dies für mich sehr schön zum Ausdruck: Familie und Gesellschaft akzeptieren den freien Willen der beiden, ein Leben miteinander zu gestalten. Ich kann mir sogar vorstellen, dass die Herkunft, das Aussehen oder der Bildungsstand des vom Kind gewählten Partners nicht einmal innerhalb der Familien zur Diskussion steht. Es ist eine Frage von Vertrauen und Respekt.

Die Immigranten müssen lernen, individuelle Wünsche, die hier in einer Vielzahl von Lebenskonzepten erkenntlich werden, zu respektieren. Ich habe zum Beispiel einen jungen Libanesen getroffen, der mit einer mindestens 25 Jahre älteren Frau verheiratet ist. Der Unterschied scheint beide nicht zu stören. Soweit ich weiß, leben sie ein ganz normales Leben in Berlin. Zusammen.

Was aber wäre, wenn sie gemeinsam in den Libanon gehen würden? Könnte er sie seiner vielleicht gleichaltrigen Mutter problemlos vorstellen? Könnten die beiden zusammen durch eine Stadt oder gar durch sein Heimatdorf schlendern, Hand in Hand? Das stelle ich mir sehr schwierig vor. Ich glaube, er würde sehr viele Ausreden finden, damit er sie nicht seiner Familie vorstellen müsste.

Das kleine peinliche Gefühl

Das Leben in Deutschland konfrontiert Menschen aus arabischen Ländern täglich mit Eindrücken, die ihnen bislang unbekannt waren. Doch wer eingangs noch peinlich berührt war, als er einen Mann und eine Frau zum ersten Mal in der Öffentlichkeit wild knutschen sah, der wird dieses kleine peinliche Gefühl spätestens in dem Moment vergessen, in dem er zwei Männer oder zwei Frauen zum ersten Mal küssen sieht. Und da man so etwas ständig erlebt, zumindest hier in Berlin, werden die meisten Flüchtlinge im Laufe der Zeit sehr wahrscheinlich irgendwann aufhören, alles mit der alten Heimat zu vergleichen. Langsam werden die neuen Eindrücke intellektuelle Integrationsprozesse in Bewegung bringen.

Diejenigen Menschen, die sich entscheiden, mit aller Kraft an ihren alten Werten festzuhalten, schließen sich selbst aus dem Integrationsprozess aus. Sie werden schon bald von hohen selbstgebauten Mauern umgeben sein, über die sie nicht mehr hinwegschauen können.

Übersetzung: Jasna Zajcek

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