Süddeutsche Zeitung

IS-Terrormiliz:Kaukasus-Dschihadisten bedrohen Russland

  • Der Islamische Staat macht auch vor Russland nicht halt. Für die Terrormiliz sollen 2000 Menschen mit einem russischen Pass kämpfen.
  • Als am meisten gefährdet gelten Russen, die im verarmten, ohnehin islamischen und konfliktreichen Nordkaukasus leben.
  • Dort hat der Widerstand gegen Moskau eine lange und bedrohliche Tradition.

Von Tomas Avenarius und Frank Nienhuysen

Es gibt jetzt einen heißen Draht, so groß ist die Furcht in Russland geworden. Seit dem 1. August bietet die russische Gesellschaftskammer, eine Art Bürgerkomitee, eine Telefonseelsorge für beunruhigte Eltern an und informiert darüber, auf wen die Propaganda-Masche der Terrormiliz besonders abzielt. Denn der Islamische Staat (IS) macht auch vor Russland nicht halt.

Die neue Aufklärungsseite ist Moskaus Antwort auf junge Frauen wie Warwara Karaulowa. Die 19-jährige Russin ist nicht etwa die verbitterte Witwe oder Tochter eines getöteten Kaukasus-Kämpfers, sie stammt auch nicht aus einem tschetschenischen Bergdorf. Karaulowa kommt aus Moskau, aus einer bürgerlichen Familie, spricht mehrere Sprachen, studierte Philosophie an der Lomonossow-Universität. Vor einigen Wochen wurde sie in der Türkei aufgegriffen, sie war auf dem Weg nach Syrien, zu den Terroristen des IS. Vollverschleiert wurde sie heimgebracht. Russland war schockiert.

Moskau ist schon seit 20 Jahren mit islamistischem Terror konfrontiert

Auf der neuen Infoseite der Gesellschaftskammer heißt es, der IS versuche, vor allem junge, gebildete Russinnen mit einer Idealisierung des Dschihad auf ihre Seite zu locken. Aber mehr noch gelten Russen als gefährdet, die im verarmten, ohnehin islamischen und konfliktreichen Nordkaukasus leben. Außenminister Sergej Lawrow schätzt, dass für den Islamischen Staat etwa 2000 Menschen mit einem russischen Pass kämpfen. Russisch gilt in den Reihen des IS nach Arabisch und Englisch bereits als die am dritthäufigsten gesprochene Sprache, unter den Kämpfern sollen allein 1700 Tschetschenen sein.

Mit islamistischem Terror ist Moskau schon seit zwei Jahrzehnten konfrontiert. Es gab den Angriff auf ein Moskauer Musical-Theater, die Geiselnahme an der Schule in Beslan, den doppelten Selbstmordanschlag auf die Moskauer Metro, die Bombe am Flughafen. Und doch ändert sich gerade die Gefahrenlage, was die Sicherheitsbehörden umtreibt wie selten zuvor. Sie befürchten, dass fanatische Konvertiten, die aus Syrien zurückkehren, die Zahl der Fronten noch einmal vergrößern.

Denn die kaukasischen Islamistenführer weiten ihre Kontakte aus und kämpfen nicht mehr nur für ein kaukasisches Emirat. Eine Reihe von Rebellenchefs aus den russischen Republiken Tschetschenien, Inguschetien, Dagestan, Kabardino-Balkarien und Karatschajewo-Tscherkessien hat bereits der IS-Bewegung die Treue geschworen. All dies hat Russlands Anti-Terror-Kampf erschwert. Der Vormarsch des IS zählt für Moskau zu den größten Bedrohungen.

Wie groß die Nervosität ist, zeigt eine Razzia vor wenigen Tagen in der Nähe von Moskau, bei der mehr als 30 Menschen festgenommen wurden. Sie sollen mit extremistischem Material versucht haben, junge Russen zu ködern, wurde aber nach russischen Medienberichten später wieder freigelassen. Unter den Festgenommenen seien Russen gewesen, aber auch Tadschiken und Usbeken.

Die islamisch geprägten Länder Zentralasiens in der Nachbarschaft zu Afghanistan gelten als anfällig für den Islamischen Staat und machen Russland schon lange Sorgen. In Kirgisistan wurden vor wenigen Tagen mehrere Kämpfer getötet, die einen Angriff auf die russische Luftwaffenbasis Kant geplant hatten. Tadschikistan hat nach eigenen Angaben eine Anschlagserie in vier Landesteilen vereitelt. Schon im Frühjahr bot Moskau dem bitterarmen Land Finanzhilfe an für den Kampf gegen den IS und besseren Schutz der Grenze zu Afghanistan. Nach Angaben der International Crisis Group kämpfen bereits bis zu 4000 Islamisten aus den ehemaligen mittelasiatischen Sowjetrepubliken an der Seite des IS.

Tschetschenen genießen hohes Ansehen beim IS

Was den IS angeht, so genießen die Tschetschenen in den Reihen des Kalifats hohes Ansehen. Geschult in zwei Untergrundkriegen gegen die russische Armee, kämpfen sie in ihrer Heimat derzeit einen aussichtslosen Kampf gegen Moskau und seinen Statthalter, Tschetschenen-Präsident Ramsan Kadyrow. Das von den Rebellen ausgerufene Emirat Kaukasus erstreckt sich auf die russisch beherrschten, muslimisch bewohnten Gebiete im Nordkaukasus. Doch viele kaukasische Dschihadisten weichen zurzeit auf das syrisch-irakische Schlachtfeld aus, wohl auch wegen des harten Vorgehens der Sicherheitskräfte und örtlichen Milizen, die Kadyrow unterstehen.

Die Propaganda-Videos der Kaukasus-Dschihadisten im Internet zeigen hellhäutige Militante, die auf Arabisch radebrechend über den Islam und den Heiligen Krieg sprechen, dazwischen Wortfetzen in schlechtem Russisch. Das Militärische geht den tschetschenischen Kämpfern weit besser von der Hand als die Fremdsprachen. Einer der wichtigsten Kommandeure beim IS ist Omar al-Schischani alias Omar der Tschetschene. Der berüchtigte IS-Befehlshaber soll eigentlich Tarchan Batiraschwili heißen und aus dem Pankisi-Tal stammen, einer tschetschenischen Enklave im christlichen Kaukasus-Staat Georgien.

Eine amerikanisch-russische Allianz ist nicht in Sicht

Angeblich ist der Sohn eines christlichen Vaters und einer muslimischen Mutter gar kein echter Tschetschene, sondern Georgier. Der frühere Unteroffizier der georgischen Armee hat 2013 gegenüber dem selbsternannten IS-Kalifen Ibrahim die Baya geleistet, den islamischen Treueeid. Seine Truppe gilt als IS-Eliteeinheit, die so furchtlos kämpft wie gnadenlos, kurzen Prozess macht mit gefangenen Soldaten der syrischen oder irakischen Armee oder Kämpfern anderer Islamisten-Milizen.

Was für Russland besonders bedrohlich ist: Der Widerstand der kaukasischen Muslime gegen Moskau war ursprünglich national motiviert. Beim Ausbruch des ersten Tschetschenienkriegs hatten ehemalige Sowjetoffiziere wie die ersten Tschetschenen-Präsidenten Dschochar Dudajew oder Aslan Maschadow das Sagen.

Diese kaukasischen Nationalisten, die an die Jahrhunderte alte Tradition kaukasischen Widerstands gegen Moskau anknüpften, wurden gegen Ende des ersten Kaukasus-Kriegs und vor allem im zweiten Krieg von beinharten Islamisten arabischer Schule abgelöst, die wohl Verbindung zu al-Qaida hatten. Die nächste Generation von Kämpfern findet sich heute in den Reihen des Islamischen Staats. Diejenigen unter diesen kaukasischen Kämpfern, die den Krieg im Irak und in Syrien überleben, werden radikalisiert in den Kaukasus zurückkehren und wieder gegen die Russen kämpfen.

Angesichts dieser Gefahr müsste Moskau eigentlich ein Interesse daran haben, die USA in deren Kampf gegen den IS zu unterstützen. Russland betont zwar, die Bedrohung durch den internationalen Terror sei eine gemeinsame Angelegenheit. Doch es wirft Washington vor, in Syrien einen Regimewechsel herbeibomben zu wollen und die Ausbreitung des Terrors erst ermöglicht zu haben.

Am Montag hat Russland, das bisher seine Hand schützend über das Assad-Regime gehalten hat, vorgeschlagen, den IS mit einer internationalen Koalition zu bekämpfen. Mit der syrischen Armee, den irakischen Streitkräften, den Kurden. Assad und seine Armee würden dadurch eingebunden und aufgewertet. US-Außenminister John Kerry sagte wiederum, erst die Brutalität des Assad-Regimes habe den IS gefördert. Eine amerikanisch-russische Allianz ist also nicht in Sicht.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2594860
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 05.08.2015/fued
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.