Süddeutsche Zeitung

Russland:Putins Hipster

  • Putins PR-Strategen setzen auf eine Jugendorganisation, die die Generation Internet für den russischen Präsidenten gewinnen soll.
  • Bei "Set" basteln junge Menschen an Propagandamaterial für den russischen Präsidenten, das sich über soziale Netzwerke verbreiten lässt.
  • Wer die Organisation finanziert bleibt geheim. Es seien "Einzelpersonen und Unternehmen", sagt der Initiator.

Von Julian Hans, Moskau

Wahrscheinlich ist das einfach so, wenn Väter mit ihren erwachsenen Kindern sprechen. Der Vater redet und redet, er gibt sich Mühe. Er nennt Beispiele, zitiert Statistiken, macht ab und zu sogar einen Scherz. Aber die Kinder hängen immer tiefer in ihren Sesseln, starren auf ihre Smartphones und fangen an zu gähnen.

Ein umgebauter Gasspeicher im Zentrum der russischen Hauptstadt. Das Hauptquartier der Jugendbewegung Set ("Das Netz") erinnert an ein Start-up-Unternehmen im Silicon Valley: offene Räume, die Wände farbig gestrichen, zwischen den Arbeitsplätzen ein Tischfußballspiel und der Käfig des Firmenhamsters mit Namen Aljoscha.

Zwei Dutzend junge Leute lungern im Konferenzraum auf farbigen Sitzsäcken, ein Projektor summt, auf der Leinwand spricht Wladimir Putin. Er gibt seine jährliche Bürgersprechstunde im russischen Fernsehen, vier Stunden lang kommen Fragen aus allen Ecken des Landes. Der Präsident antwortet: Zum neuen Weltraumbahnhof, dessen Ingenieure ihren Lohn nicht rechtzeitig bekommen. Zur Situation der Milchbauern. Zur Ukraine. Und zum niedrigen Ölpreis.

Mitglieder der Set-Jugend kommen meist aus der Provinz

Die Leute hier sehen sich als seine Kinder. Zumindest steht das so im "Vater-Manifest" der Organisation. "Wir sind die neue Generation Russlands", sagt Anastasia Melnik. Die Sprecherin der Bewegung ist 26, hat Journalismus studiert, bei den Olympischen Spielen in Sotschi als Freiwillige geholfen und wurde von dort abgeworben. Vor einem Jahr ist sie aus Iwanowo nach Moskau gezogen. Die meisten ihrer Mitstreiter kommen wie sie aus der Provinz. Ilja Igolkow, 21, zum Beispiel stammt aus Irkutsk. Er trägt ein Karo-Hemd, Hornbrille, Turnschuhe und - natürlich - einen Vollbart wie jeder zweite junge Mann hier im Raum.

Als "Putins Hipster" verspotten Kreml-Gegner die Set-Leute. Auf Igolkow zum Beispiel sind die Initiatoren aufmerksam geworden, weil er ein Kartenspiel mit patriotischen Motiven entworfen hat. Gerade organisiert er ein Foto-Projekt: "Wir wollen den Veteranen aus dem Großen Vaterländischen Krieg, die nie eine Jugend hatten, ein Stück Jugend wiedergeben." Sie werden jetzt fotografiert beim Rollerfahren und Computerspielen.

Über vier Stunden herrscht Schweigen im Raum. Es ehrfürchtig zu nennen, wäre wohl übertrieben. Nur ab und zu sehen die jungen Leute von ihren Smartphones auf, einige verdrehen die Augen, wenn wieder ein Arbeiter aus einer Fabrik im Osten vor Aufregung seinen Text vergessen hat.

Die Bewegung Set sei für ihn interessant, weil er hier kreativ sein und große Projekte leiten könne, sagt Ilja Igolkow: "Ja, ich gehöre zu den 86 Prozent, die Putin unterstützen." Die PR-Leute aus dem Kreml machten ihre Arbeit sehr gut, sagt er. Putin sieht frisch aus und ist schlagfertig. "Ob wir Teil der PR sind, kann ich nicht sagen, ich habe jedenfalls noch niemanden aus dem Kreml hier gesehen."

Designer, Grafiker und Graffiti-Künstler sollen für Putin werben

Die Strategen des Kreml haben Set vor anderthalb Jahren aus der Taufe gehoben, als Ersatz für die alten Pro-Putin-Jugendorganisationen, deren Reputation immer weiter absackte. "Naschi und die Junge Garde haben ihre Aufgabe erfüllt", sagt Anastasia. Bei Set gehe es nicht darum, "nur Fähnchen zu schwenken". Nein: "Wir wollen ein neues Bild Russlands zeigen."

Dafür bieten sie jungen Designern, Graffiti-Künstlern, und Grafikern eine Plattform - die richtige Einstellung vorausgesetzt. "Meine Hauptaufgabe ist es, junge, patriotische Künstler zu finden", sagt Makar Wichlianzew. Der 30-Jährige mit der Nickelbrille war schon bei Naschi dabei und hat sich dann zusammen mit anderen die neue Organisation ausgedacht. In den anderthalb Jahren seit ihrer Gründung ist etwa das "höfliche Alphabet" entstanden, eine Tafel, wie sie in Kindergärten und Schulen benutzt wird, um die Buchstaben zu lernen. Nur eben nicht mit Obst, Gemüse und Spielsachen als Symbole für die Buchstaben, sondern A wie Antimaidan, B wie die Polizeieinheit Berkut, P wie Putin.

Die virale Putin-Propaganda verbreitet sich im Internet auch durch dessen Gegner

Solche Dinge sind maßgeschneidert für eine Generation, welche die meiste Zeit nicht mehr mit dem Fernsehen verbringt, sondern im Internet.

Sie verbreiten sich rasend auf Facebook und Twitter. In Deutschland wurde das Label mit dem Namen "Putinversteher" bekannt, das einen Ring mit dem Porträt des Präsidenten entworfen hat. Fünf Prinzipien haben die Schöpfer von Set dem Projekt übergeordnet, für Moral ("Wir sind gegen gleichgeschlechtliche Ehen"), für Religion ("Wir verteidigen die traditionellen Religionen Russlands"), für Politik ("Ganz einfach. Wir sind für Putin"), Kultur ("Wir bemühen uns, russisch zu sprechen und zu denken") und Wirtschaft ("Die Waren und Dienstleistungen, die wir herstellen, sind mehr als Waren: Sie transportieren unsere Ansichten").

Die Geldgeber der Jugendorganisation bleiben geheim

Zweigstellen gibt es in allen großen Städten zwischen Wladiwostok und Kaliningrad und natürlich auch in Sewastopol auf der Krim. Darüber, wer Set bezahlt, möchte der Initiator Makar nicht reden. Es seien "Einzelpersonen und Unternehmen". Die Mitstreiter sammeln Hilfsgüter, binden Sankt-Georgs-Schleifen an den Zaun der ukrainischen Botschaft in Moskau, die neuen Symbole für das Gedenken an den "Großen Vaterländischen Krieg" und gleichzeitig Erkennungszeichen der von Moskau unterstützten Separatisten in der Ostukraine.

Als die Sendung nach gut vier Stunden zu Ende geht, sind einige Aktivisten in ihren Sitzsäcken eingeschlafen. "Wann bekommen die Mitarbeiter von Gazprom einen angemessenen Lohn?", fragt die Moderatorin derweil. Da schauen sich auch die Putin-Jünger an und müssen lachen. "Sie meinen, man sollte ihren Lohn senken?", fragt Putin zurück. Nicken im Raum. Da ist man sich mit dem Vater einig.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2438040
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 17.04.2015/cmy
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.