Süddeutsche Zeitung

Profil:Christian Petzold

Der Filmemacher hat Freude am Mythos und an der Politik.

Zum fünften Mal ist der Filmemacher Christian Petzold nun mit einem Film im Wettbewerb der Berlinale vertreten; kaum ein anderer deutscher Regisseur wird mit seinen Arbeiten so zuverlässig zu großen Festivals eingeladen. "Undine" heißt der neue Film, der am Sonntag Premiere hat. Petzold hat eine germanische Sage verwendet: Das Wasserwesen Undine muss ins Wasser zurück, weil ihr Geliebter sie verlassen hat.

Auch die Undine im Film ist verlassen worden wie die Undine in der Sage; anders als diese verliebt sie sich aber von Neuem. Sie ist Historikerin, Museumsführerin, eine Berlin-Expertin, die anderen erzählt, welche Wasserwege unter Berlin verlaufen und wo die Sumpfgebiete liegen. Es geht also um Menschen vor Sumpflandschaft, könnte man sagen. Im Deutschlandfunk erzählte Petzold, wie er den alten Stoff aufbereitet hat - Undine wehrt sich gegen ihr Schicksal, "weil in den Märchen doch meistens die Mädchen und die Frauen die Opfer sind".

Petzold hat eine sehr eigene Art des Erzählens - es gehört zu seinen Markenzeichen, dass er Versatzstücke alter Filme durchschimmern lässt, er liebt Hitchcock und das alte Hollywood. Und seine Filme haben immer mehrere Ebenen, sie sind Liebesgeschichten oder Krimis; wer genau hinschaut, kann in ihnen noch tiefere Schichten entdecken. Petzold ist ein Familienmensch, auch bei der Arbeit: Er hat sich ein richtiges Ensemble aufgebaut - mit Paula Beer und Franz Rogowski, den Hauptdarstellern in "Undine", drehte er auch schon seinen vorherigen Kinofilm "Transit".

Petzold, 1960 geboren, ist Absolvent der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, nach dem Studium blieb er dort hängen - er betont gern, dass er seinen Wehrersatzdienst da schon abgeleistet hatte. Er ist Mitbegründer einer eigenen Stilrichtung des deutschen Films, der Berliner Schule. Das sind Filme, die an der Oberfläche, in alltäglichen Bildern und Zeitabläufen, fast dokumentarisch wirken. Gerade bei Petzold darf man diesen Bildern aber nie trauen - es vermengen sich bei ihm oft Realitätsebene und Fantasie, er bildet das Unterbewusstsein seiner Figuren ab und findet so manchmal das Unterbewusstsein einer ganzen Gesellschaft. Es ist durchaus passend, dass Petzold nun "Undine" als eine Art Märchenfilm gedreht hat.

Mit seinen Filmen betreibt Petzold Traum- und Traumaforschung - als einer der wichtigsten Filmemacher Deutschlands gilt er vor allem deswegen, weil all seine Filme bei näherer Betrachtung zutiefst politisch sind und davon handeln, wie alles, was in Deutschland geschieht, ein Produkt der eigenen Geschichte ist: des Nationalsozialismus in "Phoenix" (2014), des Linksterrorismus in "Die innere Sicherheit" (2000), der DDR in "Barbara" (2012). Wer sich vorwärtsbewegen will, findet Petzold, muss genau wissen, was hinter ihm liegt. Zur Orientierung braucht man Geschichtsbewusstsein, im Kino wie im richtigen Leben.

Cineasten nennen Petzolds Filme gerne "Phantomfilme". Das soll heißen, dass seinen Figuren meist auf unterschiedliche Art die Existenz genommen wurde, sie sind Gespenster. "Yella" (2007), gespielt von Nina Hoss, erträumt sich im Augenblick des Sterbens, eine andere Abzweigung im Leben genommen zu haben - das ist dann der Film, den die Zuschauer sehen. Die Menschen in "Transit" (2018) befinden sich in einer anderen Art von Zwischenreich; auf der Flucht vor dem Nationalsozialismus warten sie in Marseille auf die Ausreise nach Amerika. "Transit" basiert auf dem Roman, den Anna Seghers 1941 im Exil geschrieben hat. Petzold verlegte die Handlung unverändert ins Jetzt, mit einem erschreckenden Effekt: Flucht und Vertreibung, die Angst vor dem näher rückenden Faschismus fügen sich hier nahtlos in die Gegenwart.

Wenn wir uns nicht weiterentwickelt haben, hat er einmal gesagt, sind wir alle Gespenster.

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SZ vom 22.02.2020
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