Süddeutsche Zeitung

Profil:Apollonia Buchinger

Die Letzte ihrer Art - Nonne im aufgelösten Kloster Altomünster.

Mit Ruhe und Kontemplation ist es bei Apollonia Buchinger vorerst vorbei. Seit Tagen läutet bei der Klosterschwester ständig das Telefon, Medien aus ganz Europa interessieren sich für die 62-Jährige. "Mittlerweile bin ich wahrscheinlich weltweit bekannt", sagt sie. Es schwingt ein wenig Galgenhumor mit. Denn Schwester Apollonia hatte sich vehement gegen das gewehrt, was nun der Vatikan per Dekret verfügt hat. Apollonias Kloster im oberbayerischen Altomünster, das einzige des Birgittenordens in Deutschland, wird aufgelöst, die Gebäude übernimmt das Erzbistum München-Freising. Ein unvermeidlicher Schritt, sagt Rom, denn das Kloster habe keine ordentliche Leitung mehr bilden können. Wie auch: Apollonia Buchinger ist die einzig verbliebene Nonne in dem großen Klosterkomplex.

25 Jahre verbrachte die gebürtige Oberpfälzerin hinter Altomünsters Klostermauern. Anfangs lebten noch zehn Schwestern hier, doch nach und nach starben die anderen oder gingen in ein Münchner Altenheim für Nonnen. Apollonia, die jüngste, blieb übrig. Ihr Schicksal steht stellvertretend für ein existenzielles Problem vieler Ordensgemeinschaften: Die Zahl der Nonnen geht dramatisch zurück. Laut einer Statistik der Deutschen Ordensobernkonferenz (DOK) gab es 1995 noch mehr als 38 000 Ordensfrauen in der Bundesrepublik. Ende 2015 waren es nur noch knapp 17 000. Und der Trend wird sich fortsetzen: 84 Prozent aller deutscher Nonnen sind älter als 65 Jahre. Gleichzeitig können sich kaum noch junge Frauen für das Leben im Kloster begeistern. Gerade mal 74 Novizinnen registrierte die DOK im Jahr 2015 bundesweit. Kleine Gemeinschaften mit strengen Regeln trifft dies besonders, den Orden der heiligen Birgitta von Schweden zum Beispiel. Er fordert von seinen Mitgliedern eine strenge Klausur. Und in Oberbayern, in dessen Geschichte Klöster eine prägende Rolle gespielt haben, gibt es besonders viele dieser kleinen Gemeinschaften. Bis zu 15 Klöstern könnte in den nächsten Jahren ein ähnliches Schicksal bevorstehen wie das von Altomünster, fürchten Heimatpfleger. Etwa Kloster Reutberg nahe dem Tegernsee: Hier leben nur noch zwei greise Franziskanerinnen, die sich bald entscheiden müssen, was aus ihrer Ordensgemeinschaft werden soll. Der Nonnenmangel ist längst auch ein Problem für Kirche und Politik. Viele Klöster sind wichtige Landmarken von erheblichem kulturhistorischen und nicht zuletzt touristischem Wert. Im Erzbistum spricht man von prägenden "Orten der Spiritualität", die unbedingt erhalten werden müssten. Einen direkten Zugriff haben die Bistümer darauf allerdings nicht. Die meisten Klöster sind Rom unterstellt und können frei über ihr Vermögen entscheiden. Und das ist oft beträchtlich, dank des Immobilienbesitzes und der kunsthistorischen Schätze, die hinter Klostermauern verborgen sind. In der Bibliothek des Klosters Altomünster etwa befinden sich Handschriften und Druckwerke von überregionaler Bedeutung. Zu den Manuskripten gehören sechs liturgische Bücher aus dem Mittelalter, die in einem Forschungsprojekt der Bayerischen Staatsbibliothek erfasst worden sind. Sie sollen nun digitalisiert und online gestellt werden, um sie für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Eine solche Öffentlichkeit ließ die Ordensregel im Leben von Schwester Apollonia lange nicht zu. Das war nicht immer so. Früher gehörte die Gymnasiallehrerin den Armen Schulschwestern in München an, in deren Auftrag sie Mathematik, Erdkunde und Russisch unterrichtete. Jetzt müsste sie erneut den Orden wechseln, um in einem Kloster leben zu können. Damit kann sie sich nicht recht anfreunden. Am liebsten ginge sie in ihre Heimat, in die Oberpfalz zurück. Als Altersruhesitz hat sie einen alten Pfarrhof im Auge. Um ihren Lebensunterhalt muss sie sich nicht sorgen: Den bestreitet bis zu ihrem Tod das Erzbistum.

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SZ vom 21.01.2017
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