Süddeutsche Zeitung

Polnisch-ukrainische Beziehungen:Anteilnahme in Blau-Gelb

Wie kaum ein anderes Volk in Europa verfolgen die Polen den revolutionären Umsturz in der Ukraine. Tausende beteiligten sich am Wochenende in Städten wie Warschau, Breslau und Lublin an Solidaritätskundgebungen. Dabei ist das Verhältnis zwischen den Völkern historisch keineswegs ungetrübt.

Man hört ihn täglich, und er wirkt sehr entschieden. Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk, sonst nicht der Gesprächigste, lässt seit zwei Wochen keinen Tag vergehen, ohne sich zum Geschehen in der Ukraine zu äußern. "Die Annahme, es könnte innerhalb der nächsten Stunden oder Tage zu einem Happyend kommen, ist völlig unbegründet", warnte er schon vorige Woche. Dann rief er seine Landsleute auf, als Zeichen der Solidarität mit den Nachbarn im Osten abends brennende Kerzen in die Fenster zu stellen. Und am Dienstag appellierte er an die Ukrainer, jetzt nicht vorrangig auf Rache zu sinnen, sondern ihr Land vor dem Staatsbankrott zu retten.

Donald Tusk zieht in dieser Sache mit seinen Landsleuten an einem Strang. Den revolutionären Umsturz in der Ukraine be-gleitet wohl kein anderes Volk in Europa mit so lebhafter Anteilnahme wie die Polen. Der Kulturpalast in Warschau, das höchste Gebäude des Landes, wird seit Tagen nachts in blaues und gelbes Licht getaucht, es sind die ukrainischen Nationalfarben. Auch die Zeitungen schmücken ihre Sonderseiten inzwischen schon routinemäßig mit blau-gelben Streifen.

"Brüder, wir bewundern euch"

Die Gazeta Wyborcza als führendes Blatt des Landes druckte gar eine blau-gelbe Doppelseite mit der ukrainischen Aufschrift "Wir mit Euch" und bat die Leser, sie wie eine Flagge ins Fenster zu hängen. "Brüder, wir bewundern Euch", lautete der Titel eines Leitartikels von Chefredakteur Adam Michnik, der selber ein legendärer Freiheitskämpfer war. "Die Polen verstehen die Tragik der ukrainischen Geschichte", schrieb Michnik. "Denn sie kennen aus der eigenen Vergangenheit den Preis, den sie für ihr Streben nach einem freien und würdigen Leben zahlen mussten."

Das ganze Land schwelgt in Solidarität, auch wenn das nachbarschaftliche Verhältnis historisch nicht ungetrübt ist. Im Zweiten Weltkrieg hatten in Wolhynien und Ost-Galizien, zwei Regionen, die einst zu Polen gehörten und seit 1945 Teil der Ukraine sind, ukrainische Aufständische unter deutscher Besatzung Massaker an Zehntausenden polnischen Zivilisten verübt, später kam es zu Gegenschlägen.

In diesen Tagen des Freiheitskampfes auf dem Maidan in Kiew aber tritt dies alles zurück hinter dem Wunsch der Polen, dass auch die Ukrainer die Diktatur endgültig überwinden mögen. Tausende beteiligten sich am Wochenende in Städten wie Warschau, Breslau und Lublin an Solidaritätskundgebungen.

Ukrainische Verletzte in polnischen Krankenhäusern

Man sammelte Geld für die Unterstützung der Nachbarn, und in katholischen Kirchen wurden unzählige Messen gelesen. Mindestens 17 ukrainische Verletzte der Kämpfe in Kiew befinden sich in polnischen Krankenhäusern. Und schon seit längerem bereitet Polen sich nach den Worten seines Ministerpräsidenten Tusk auch darauf vor, notfalls ukrainische Flüchtlinge aufzunehmen.

Der Aktivste der Aktiven aber ist der Außenminister Radosław Sikorski. Er hatte am Wochenende mit seinem deutschen Kollegen Frank-Walter Steinmeier und dem Franzosen Laurent Fabius in Kiew unter dramatischen Umständen verhandelt. Wie er später sagte, nutzte er dabei "alle Argumente, auch die emotionalen aus unserer eigenen polnischen Geschichte". Der erzielte Kompromiss aber wurde durch den wütenden Widerstand auf dem Maidan und den Fortgang der Revolution überrollt.

Sikorski sieht sich heute von der nationalkatholischen Opposition in Polen angegriffen, weil er auf dem Höhepunkt des Ringens die Kiewer Oppositionellen mit Verweis auf die polnischen Revolutionserfahrungen zur Annahme des Kompromisses gedrängt - mit den Worten: "Andernfalls werdet ihr Kriegsrecht haben, ihr werdet die Armee haben und ihr werdet alle tot sein." "In wessen Namen hat Sikorski das gesagt?", fragte daraufhin der polnische Oppositionsführer Jarosław Kaczyński. "Das ist eine sehr weitgehende Drohung." Sikorski gab trocken zurück: "Es ist leicht, vom Kanapee in Warschau aus zu kritisieren."

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SZ vom 26.02.2014/mane
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