Süddeutsche Zeitung

Beginn des Zweiten Weltkrieges:Das Feixen der Landser

  • Noch immer herrscht das Bild vor, Hitlers Wehrmacht sei beim Einmarsch in Polen 1939 "sauber" geblieben.
  • Ein Sammelband mit Aufzeichnungen deutscher Soldaten widerlegt dies eindrucksvoll.

Zwar haben Fachhistoriker längst die Vorgeschichte und den Verlauf des deutschen Angriffs auf Polen vor genau 80 Jahren genauestens rekonstruiert. Doch das Bild der meisten Deutschen vom Kriegsschauplatz Osteuropa dominieren der Holocaust sowie Stalingrad.

Dies belegte vor 24 Jahren die umstrittene Ausstellung über Verbrechen der Wehrmacht - in ihr kam Polen überhaupt nicht vor, obwohl es sehr viel Anschauungsmaterial geboten hätte.

Das Wissen über die "September-Kampagne", wie es in Polen heißt, wo der in Deutschland etablierte, indes semantisch nicht zutreffende Begriff "Überfall" nicht verwendet wird, prägen die Ereignisse, die einst die NS-Propaganda herausgestellt hatte: der fingierte Überfall auf den Reichssender Gleiwitz, die ebenfalls fingierte Wutrede Hitlers ("Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen!"), der Beschuss der polnischen Stellungen auf der Westerplatte bei Danzig durch den Kreuzer Schleswig-Holstein.

Dass bereits das Vordringen der Wehrmacht nach Osten, von den Beteiligten als "Polenfeldzug" verharmlost, von schwersten Kriegsverbrechen begleitet war, deren Opfer vor allem aus der Zivilbevölkerung kamen, ist bis heute in der bundesdeutschen Gesellschaft wenig präsent.

Ein Sammelband, besorgt unter anderem von Hans-Christian Jasch, dem Leiter der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, ergänzt nun auf vortreffliche Weise die Fachliteratur über den September 1939 mit einer Fülle von zeitgenössischen Zeugnissen, die ebenso beeindruckend wie bedrückend sind: Die Aufzeichnungen und Fotosammlungen von Wehrmachtssoldaten, die in dem Band ausgewertet werden, geben nicht nur die Schrecken des Kriegs wieder, sondern belegen auch den Hochmut und Zynismus der Angreifer gegenüber den Angegriffenen, die systematisch unterjocht wurden.

Zu einem Bild von Artilleriefeuer lautet der Bildtext: "Unsere Beleuchtung bei Nacht", unter Fotos von getöteten Menschen und verendeten Tieren steht: "So sah es öfter aus."

Der Leiter eines Fotoladens, bei dem Soldaten Abzüge der Bilder bestellten, hat deren Lieblingsmotive festgehalten: "Zerstörte Dörfer, Gehöfte und Untermenschen in Polen."

Ein Foto zeigt, wie feixende Wehrmachtssoldaten mehrere verängstigte Juden mit langen Bärten umringen, darunter steht der Halbsatz: "Nicht schön anzusehen - polnische Juden." Auf einen Eisenbahnwaggon, der sie nach Osten brachte, hatten deutsche Landser geschrieben: "Wir fahren nach Polen, um Juden zu versohlen."

Die meisten Fotos und Tagebucheintragungen betreffen indes die katholische Zivilbevölkerung. In den ersten Kriegstagen witterten die Wehrmachtssoldaten überall Freischärler, wie der Historiker Jochen Böhler schildert. Wohl Tausende von Zivilisten wurden als angebliche Partisanen erschossen, ohne jegliche Untersuchung, wie es eigentlich vorgeschrieben war.

Böhler hat bereits in mehreren Büchern sowie mit einer Ausstellung den Mythos widerlegt, dass die Wehrmacht in den ersten Kriegswochen "sauber geblieben" sei und die Verbrechen im besetzten Polen auf das Konto der SS-Einsatzkommandos gegangen seien.

Die NS-Bürokratie hatte sich dafür Tarnnamen ausgedacht: "Völkische Flurbereinigung" stand für die Vertreibung von Hunderttausenden Polen aus den Gebieten, die ans Deutsche Reich angeschlossen wurden, sowie die Deportation der Juden in Ghettos; "Außerordentliche Befriedung" hieß die Erschießung von etwa 5000 Angehörigen der intellektuellen Führungsschicht, unter ihnen viele Priester, als "Kulturträger", denn Polen sollte ein Reservoir von Arbeitskräften werden, somit als Kulturnation vernichtet werden.

Die Kriegserfahrung prägt Polen bis heute

Die Erfahrung der Kriegsgeneration, dem deutschen Terror hilflos ausgeliefert zu sein, prägt in Polen auch das Bewusstsein der Enkelgeneration von heute, wie der von der jetzigen Führung in Warschau geschasste Gründungsdirektor des Danziger Weltkriegsmuseums, Paweł Machcewicz, überzeugend in seiner Analyse darlegt.

Der reich illustrierte Band, der sich an ein größeres Publikum wendet, stellt somit auch einen wichtigen Beitrag zum heute stockenden deutsch-polnischen Dialog dar: Er verdeutlicht eindringlich, dass dies für unsere Nachbarn im Osten keine abgeschlossenen Kapitel der Geschichte sind. Schon allein aus diesem Grund sind ihm viele Leser zu wünschen.

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SZ vom 26.08.2019/odg
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