Süddeutsche Zeitung

Coronavirus:Ermittlungen gegen Wolfsburger Pflegeheim sollen eingestellt werden

112 von 162 Bewohnern waren infiziert, 47 starben: In keiner Einrichtung hatte es im Frühjahr so viele Corona-Tote gegeben wie im Hanns-Lilje-Heim. Doch die Staatsanwaltschaft sieht kein Fehlverhalten.

Von Lena Kampf und Rainer Stadler

Nach Informationen von Süddeutscher Zeitung, WDR und NDR will die Staatsanwaltschaft Braunschweig die Ermittlungen wegen des Corona-Ausbruchs im Wolfsburger Hanns-Lilje-Heim einstellen. Im Frühjahr hatten sich dort 112 von 163 Bewohner mit COVID-19 infiziert, 47 von ihnen starben. Ein Wolfsburger Rechtsanwalt und Angehörige hatten daraufhin Strafanzeige gestellt und sie mit vermeintlichen Hinweisen auf schlechte Hygiene- und Arbeitsbedingungen im Heim begründet.

Das Verfahren wegen fahrlässiger Tötung richtete sich gegen den Vorstandsvorsitzenden der Diakonie Wolfsburg, die Trägerin des Heims ist. Im Raum stand, ob bei der Behandlung der Corona-Fälle im Heim rechtswidrig, auch durch Unterlassen, gehandelt wurde. Im Rahmen der fast neun Monate andauernden Ermittlungen wurden Angehörige und Pflegekräfte befragt, sowie Krankenakten ausgewertet. Die Staatsanwaltschaft konnte jedoch kein strafbares Fehlverhalten feststellen.

Die Pflegekräfte fühlten sich stigmatisiert

Die Dauer der Ermittlungen begründete ein Braunschweiger Justizsprecher damit, dass man es bei einer solchen Tragödie allen Beteiligten schuldig sei, sämtlichen Vorwürfen auf den Grund zu gehen und damit mitzuhelfen, am Ende zwischen berechtigter Kritik und unhaltbaren Unterstellungen unterscheiden zu können.

In keiner anderen Einrichtung hatte es im Frühjahr so viele Corona-Tote gegeben, wie im Wolfsburger Hanns-Lilje-Heim, das deswegen auch international in die Schlagzeilen geraten war. Die Pflegekräfte schilderten gegenüber SZ, WDR und NDR, wie stigmatisierend diese Vorwürfe für das Heim gewirkt hätten. Entsprechend erleichtert zeigten sich Mitarbeitende aus dem Hanns-Lilje-Heim angesichts einer wohl bevorstehenden Einstellung des Strafverfahrens: "Jetzt zeigt sich, dass wir zu Unrecht an den Pranger gestellt wurde", sagt eine Pflegerin, und ein Kollege ergänzt: "Es ist gut, wenn wir diesen Druck nicht ins neue Jahr mitnehmen müssen."

Der Rechtsanwalt und die Angehörigen, die die Strafanzeige gegen die Diakonie gestellt hatten, haben nun zwei Wochen Zeit, Widerspruch gegen die Einstellung einzulegen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5157484
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.