Süddeutsche Zeitung

Pendler:Nahverkehr ohne Personen

Ausgangs­beschränkungen und Homeoffice lassen die Einnahmen von Bus und Bahn einbrechen. Betriebe fürchten das Aus, Verbände fordern einen Schutzschirm, Politiker die Solidarität der Fahrgäste.

Wer derzeit in der Hauptstadt etwas Normalität sucht, findet sie immerhin an den großen Verkehrsachsen. Die 1400 gelben Busse der Berliner Verkehrsbetriebe fahren weiter kreuz und quer durch die Stadt und bedienen die Haltestellen mit wenigen Einschränkungen. Einen Unterschied allerdings gibt es: Kleine wie auch die großen Doppeldecker-Busse, die zu Stoßzeiten normalerweise gut 100 Menschen transportieren, sind in diesen Tagen oft gähnend leer. Nicht selten sitzt nur der Fahrer im Bus.

Bis vor wenigen Wochen erlebten Deutschlands Nahverkehrsbetriebe einen enormen Boom. Wachsende Städte bestellten reihenweise neue Busse und U-Bahnen, um die immer größeren Menschenströme durch die Städte zu bugsieren - klimafreundlich und ohne Autos. Doch die seit März geltenden Ausgangsbeschränkungen und die Home-Office-Welle in deutschen Unternehmen haben die Branche in eine beispiellose Krise gestürzt: Die Einzelticketverkäufe, die normalerweise 50 Prozent der Ticketeinnahmen ausmachen, brachen laut Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) um 80 bis 90 Prozent ein. Egal ob Berlin, Flensburg oder Rosenheim: Es steigen kaum noch Passagiere ein, damit fließt auch viel weniger Geld in die Kassen.

Der Münchner Verkehrsverbund hat einen Fahrgastrückgang von 70 bis 85 Prozent

Die Lage ist dramatisch, denn die Kosten laufen weiter. Die Verkehrsbetriebe sind angehalten, weiter zu fahren, um etwa medizinisches Personal zur Arbeit zu bringen. Sie sollen dabei auch nicht viel weniger Fahrzeuge einsetzen, damit sich die Fahrgäste auf viele Busse, S- und U-Bahn-Wagen verteilen können - das reduziert auch im Nahverkehr die Ansteckungsgefahr. Dass die Einnahmen drastisch sinken, die Kosten aber beinahe gleich hoch bleiben, löst landauf, landab finanzielle Schieflagen aus. "Für viele Verkehrsunternehmen sind die wirtschaftlichen Folgen durch wegbrechende Fahrgeldeinnahmen schon jetzt verheerend", sagt VDV-Hauptgeschäftsführer Oliver Wolff. Von Liquiditätsproblemen in den ersten Betrieben ist in der Branche die Rede. Von der Sorge, das Personal nicht mehr bezahlen zu können.

Eine Umfrage macht klar, wie prekär die Lage längst ist. In München meldet etwa der MVV einen Fahrgastrückgang um 70 bis 85 Prozent. Pro Monat entstünden dem MVV damit Einnahmeverluste von 30 bis 50 Millionen Euro. Man befinde sich "nahezu täglich im Gespräch mit der Politik" über nötige Maßnahmen, sagt eine MVV-Sprecherin. Wichtig sei eine zeitnahe Kompensation von Einnahmeausfällen. Es fehle schlicht an Geld. Die Berliner BVG verzeichnen einen Fahrgastrückgang um 70 bis 75 Prozent. Das Angebot hätten die Verkehrsbetriebe aber nur um 13 Prozent reduziert, sagt ein Sprecher. Die aktuellen Fahrgastrückgänge bei Bussen und Bahnen sorgten für Einnahmeverluste in der gesamten Nahverkehrsbranche, erklärt der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV).

Die Unternehmen ringen um einen gemeinsamen Appell an die Politik. Am Freitag schaltete sich der Verwaltungsrat der Verkehrsverbünde nach Informationen der Süddeutschen Zeitung zu einer Krisensitzung zusammen. In den kommenden Tagen wollen die Betriebe voraussichtlich weitere Hilfen fordern. Denn sie stecken in einem Dilemma. Weil sie oft als kommunale Betriebe organisiert sind, finden sie keinen Schutz unter dem eingeführten Rettungsschirm der Regierung für private Unternehmen. Verluste müssen eigentlich die Kommunen ausgleichen. Doch die sind oft selbst finanzschwach und angesichts des Ausmaßes der Ausfälle überfordert. So forderte Michael Neugebauer, Chef der Göttinger Verkehrsbetriebe, bereits einen eigenen Rettungsschirm für Niedersachsens ÖPNV-Branche, damit sie die Krise überlebt. In Baden-Württemberg appelliert die Politik an die Hilfe der Fahrgäste. Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) bat Eltern, Schüler-Abos nicht zu kündigen und normal weiter laufen zu lassen. Das könne dazu beitragen, kleine und mittelständische Busunternehmen und andere Verkehrsbetriebe vor gravierenden wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise - bis hin zur Insolvenz - zu bewahren.

Denn die nächsten großen Aufgaben warten schon. Die Verkehrsbetriebe bereiten sich bereits darauf vor, das Angebot langsam wieder auszuweiten. Um allerdings die Abstandsregel von 1,5 Metern einhalten zu können, sei künftig ein viel größeres Angebot nötig, sagt VDV-Chef Wolff. Zu Stoßzeiten brauche man dann wohl vier mal so viele Fahrzeuge.

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SZ vom 06.04.2020
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