Süddeutsche Zeitung

Tote Flüchtlinge in Österreich:Auf der Autobahn des Todes

  • Die österreichische Polizei findet auf der Autobahn im Burgenland einen Lkw mit Dutzenden Leichen. Nach dem Fahrer wird gefahndet.
  • Der Lkw ist am Mittwochmorgen in Budapest losgefahren, spätestens in der Nacht zum Donnerstag hat er die Grenze zu Österreich passiert.
  • Die Zahl der Schlepper in österreichischen Gefängnissen ist zuletzt stark gestiegen.

Von Ruth Eisenreich und Cathrin Kahlweit

Ein fürchterlicher Anblick muss es gewesen sein, der sich den österreichischen Polizisten bot. Mitarbeiter der Autobahngesellschaft Asfinag waren auf den Kühllaster mit ungarischem Kennzeichen und einem Werbeaufdruck für slowakisches Hühnerfleisch aufmerksam geworden. Mit nicht abgesperrter Ladetür stand er in einer Parkbucht auf der Autobahn A4 nahe der ungarischen und der slowakischen Grenze. Die herbeigerufenen Polizisten fanden Dutzende Leichen im Lkw. Als sie die Tür öffneten, lief Verwesungsflüssigkeit aus dem Laderaum. So berichtet es der Polizeichef des Burgenlands, Hans Peter Doskozil, bei einer Pressekonferenz am Donnerstag - ausgerechnet dem Tag, an dem in Wien Vertreter von EU und Balkanstaaten über die Misere der Menschen auf der Flucht beraten.

Der Lkw muss vor der Bergung gekühlt werden

Am Donnerstagabend war der Lkw in eine Kühlhalle gebracht worden. Dort wollten Gerichtsmediziner im Laufe der Nacht mit der Bergung der Leichen beginnen. Erst danach, so Doskozil, werde man die genaue Zahl der Toten angeben können. Mehr als 20 seien es wohl gewiss, "es können auch 50 Personen sein", sagt er nüchtern, und ausschließen, dass Kinder und Frauen unter den Opfern seien, könne er auch nicht.

Der Lkw, so haben offenbar erste Auswertungen von Mautkameras ergeben, ist am Mittwochmorgen in Budapest losgefahren, spätestens in der Nacht zum Donnerstag hat er die Grenze zu Österreich passiert. Die österreichische Polizei fahndet nun gemeinsam mit den ungarischen Behörden nach dem Fahrer; die Untersuchungen an dem Lkw werden wohl noch Tage dauern.

A4 wird zum Schlepper-Hotspot

Die A4 ist einer der Hotspots, auf dem Schlepper Tausende Flüchtlinge auf dem letzten Teilstück der Westbalkanroute ausnehmen, aussetzen, im Stich lassen. Von Flüchtlingen, die in viel zu kleinen Autos bis zur Grenze gefahren und dann, um ihr letztes Geld gebracht und ausgeraubt, im Nirgendwo aus den Wagen geworfen werden, berichten Anwohner des Grenzgebiets und die Grenzpolizei fast täglich.

Auf der Bahnstrecke von Budapest nach Wien kam es in den vergangenen Tagen immer wieder zu Beinahe-Katastrophen: Züge mussten gestoppt werden, weil Schlepper ihre ahnungs- und orientierungslose Kundschaft entlang der Bahngleise aus den Autos geworfen und zu Fuß auf den Weg gen Westen geschickt hatten; die Flüchtlinge, die auf dem Gleisbett wanderten, konnten sich teilweise nur knapp vor heranrasenden Zügen retten.

Die Zahl der Schlepper in Österreichs Gefängnissen ist sprunghaft gestiegen

Dass nun Menschen nicht nur im Mittelmeer, sondern auch mitten in Mitteleuropa von den Schleppern dem sicheren Tod überlassen werden, schien da nur eine Frage der Zeit zu sein. Der burgenländische Diözesanbischof Ägidius Zsifkovics formulierte daher, was wohl viele angesichts der Tragödie auf der Autobahn nach Wien denken: Die EU sei auf eine "subtile Form" Mittäterin bei dieser Katastrophe, denn die umgekommenen Flüchtlinge seien "auf der Suche nach einer besseren Zukunft Opfer skrupelloser Netzwerke und einer versagenden europäischen Politik geworden".

Die Zahl der Schlepper in österreichischen Gefängnissen ist zuletzt stark gestiegen, wie das Justizministerium nun wissen ließ: um knapp hundert in zwei Monaten. Im ersten Halbjahr 2015 habe es überdies in Österreich weit mehr Anklagen wegen Schlepperei gegeben als im gesamten Jahr 2013. Erst am Dienstag hatte die Polizei, ebenfalls auf der A4, drei Schlepper festgenommen, die drei Dutzend Menschen über die Grenze nach Österreich gebracht und auf der Autobahn ausgesetzt hatten. Der Fahrer sei ohne Pause von der serbischen Grenze durch Ungarn bis nach Österreich durchgefahren. Diese Route ist derzeit eine der einträglichsten im innereuropäischen Schlepperverkehr: Bis nach Österreich kostet die Fahrt schon mal gern 500 Euro - pro Person.

Erwachsene und Kinder schlafen im Freien

Die Tragödie im Burgenland wirft aber auch ein Schlaglicht auf die Flüchtlingssituation in Österreich, die sich seit Monaten immer weiter zuspitzt. Die rot-schwarze Regierungskoalition scheint unfähig zu sein, Lösungen zu finden. So lebten im auf etwa 1800 Menschen ausgelegten Erstaufnahmelager Traiskirchen zeitweilig bis zu 4500 Menschen, darunter viele Kinder und Jugendliche. Seit Wochen schlafen bei Wind und Wetter Hunderte Menschen - Erwachsene, aber auch unbegleitete Minderjährige und kleine Kinder - auf den Gängen oder unter freiem Himmel am Boden.

Vor Kurzem untersuchte Amnesty International das Lager, ihr Ergebnis: Österreich verletze "fast alle menschenrechtlichen Konventionen", die Situation in Traiskirchen sei "menschenunwürdig". Das liege aber nicht an Geldmangel, sondern an "administrativen Fehlern", konstatierte AI.

Innenministerin fordert schärfere Kontrollen

Nun haben die toten Flüchtlinge mitten in Österreich die Diskussion um das richtige Vorgehen in der Asylpolitik noch einmal weiter angefacht. Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) sprach von einem "dunklen Tag" und bekräftigte ihre Forderungen nach schärferen Kontrollen und härteren Strafen für Schlepper. Ähnlich äußerte sich Außen- und Integrationsminister Sebastian Kurz (ebenfalls ÖVP). Erst am Mittwochabend hatte sich Kurz in der "Zeit im Bild 2", der Hauptnachrichtensendung des öffentlich-rechtlichen ORF, für eine schärfere Asylpolitik ausgesprochen.

Wenn nicht bald eine "europäische Lösung" gefunden werde, müsse man über "wesentlich intensivere Grenzkontrollen" reden, müsse man eine Kürzung der Sozialleistungen für Flüchtlinge sowie "Blitzverfahren" für Asylbewerber diskutieren. "Dann werden andere Einzelstaaten, nicht nur die Ungarn, sondern vielleicht auch wir, Maßnahmen setzen, die nicht so erfreulich sind", sagte er.

Und dann mischte sich noch einmal Amnesty International ein - mit einem Statement, das wie ein Schlusswort zu diesem schrecklichen Tag klang, aber doch kein Schlusswort sein konnte: "Wer immer hier von Tragödie spricht, ist ein Heuchler. Das ist ein vorhersehbarer und auch fahrlässig in Kauf genommener, grauenhafter Kollateralschaden", sagte der Generalsekretär von Amnesty Österreich, Heinz Patzelt, der österreichischen Nachrichtenagentur APA. Und er wagte eine düstere Prophezeiung: Es werde sicher nicht die einzige Katastrophe bleiben.

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SZ vom 28.08.2015/tamo
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