Süddeutsche Zeitung

NSU-Mord in München vor Gericht:Witwe wendet sich an Zschäpe

Wenige Kilometer entfernt vom Oberlandesgericht wurde 2001 Habil Kılıç in München erschossen. Nun erzählt seine Witwe im NSU-Prozess, wie ihr Leben nach dem Mord zu Bruch ging - und wendet sich direkt an die Angeklagte Beate Zschäpe. Bei der Aussage eines ehemaligen Polizisten kommt es zu heftigen Wortgefechten.

Aus dem Gericht berichtet Anna Fischhaber

Es muss kurz nach halb elf gewesen sein, als die Täter den Obst- und Gemüseladen an einer vierspurigen Straße in München-Ramersdorf betraten. Keine 100 Meter entfernt liegt das nächste Polizeirevier. Es war ein warmer Tag Ende August 2001, die Tür hatte wohl offen gestanden. Gerade noch hatte ein Kunde eingekauft, nun steht Habil Kılıç, 38, allein hinter der Theke des Ladens. Ein Schuss trifft ihn in die Wange, ein zweiter - er fällt bereits - in den Hinterkopf.

Später finden die Ermittler ein Stück Plastik, die Hülsen tauchen nicht auf. Sie glauben deshalb, dass Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos die Pistole in einer Tüte versteckt hatten. Habil Kılıç gilt als das vierte Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds, der Mord dauerte nur wenige Minuten.

Ein Foto zeigt ein paar langgezogene Wohnblocks und viel Grün. Dann sind ein paar aufgeschnittene Melonen in einer Auslage zu sehen. Auf dem nächsten Bild liegt plötzlich ein Mann auf dem Boden. Die weißen Fliesen sind voller Blut. Auf der Anklagebank blickt Beate Zschäpe nun konzentriert in ihren Laptop, weg von der Wand des Verhandlungssaals, auf der die grausame Tat akribisch dokumentiert wird. Vor dem Oberlandesgericht München wird an diesem Donnerstag der erste NSU-Mord in München verhandelt. Ein Mord, der sich vor knapp zwölf Jahren nur wenige Kilometer entfernt vom Gericht ereignet hat.

"Er war ein guter Mensch", sagt die Witwe von Habil Kılıç vor Gericht. Über die Tat kann sie nicht viel berichten, die 51-Jährige war im Urlaub in der Türkei, als ihr Mann erschossen wurde. Danach habe sie alles verloren. Den Laden, die Wohnung, viele Freunde. Jahrelang sei sie verdächtigt worden, habe Angst gehabt, erzählt sie. Ihre Adresse will sie nicht nennen. Misstrauisch blickt sie die Angeklagten an, starrt Beate Zschäpe an. "Fragen Sie doch diese Frau", sagt sie.

Der Vorsitzende Richter versucht immer wieder, ihr Details über ihren Mann, ihr Leben, den Mord zu entlocken. Einige Fragen des Richters wirken seltsam, die Frau wird immer ungeduldiger. Wie solle man sich schon fühlen, wenn der Mann ermordet werde? Wenn man danach das Blutbad selbst beseitigen müsse? "Können Sie sich vorstellen, wie es uns ging?", fragt sie schließlich.

"Wir haben sie als Zeugen gesucht"

Die Stimmung ist aufgeheizt an diesem Donnerstag im Gerichtssaal. Als Zeuge ist am Vormittag zunächst Josef Wilfling geladen, langjähriger Leiter der Münchner Mordkommission. Wilfling verteidigt die erfolglosen Ermittlungen der Polizei, betont, wie sie jeden Quadratzentimer am Tatort abgesucht hätten. Erzählt, wie man zunächst nach dem Auto und dem "Dunkelhäutigen" gefahndet habe, die zwei Anwohnerinnen vor dem Laden gesehen haben wollen - eine Geschichte, die sich später als "Fake" herausstellt, wie der Pensionär erklärt.

Ein anderer Zeuge will einen Mann mit "Mongolenbart", ein Türke angeblich, gesehen haben - doch der lässt sich nicht ermitteln. Und dann sind da noch die Radfahrer, die zwei Nachbarinnen zur Tatzeit beobachtet haben. Zwei junge, schlanke, sportliche Männer mit modernen Rädern, die ein wenig wie Kuriere aussahen. Mindestens einer mit Headset.

"Wir haben sie als Zeugen gesucht", sagt Wilfling. Schließlich habe es keine Hinweise auf eine Tatrelevanz gegeben, beeilt er sich zu sagen. Zudem hätten die Zeuginnen keine Beschreibung abgeben können. "Das war alles sehr vage." Und Radler im Sommer - das sei nun mal nichts ungewöhnliches. Gemeldet hätten sich die Männer nie. "Jetzt weiß ich natürlich auch, dass das die Täter waren", sagt Wilfling. Er bemüht sich, ruhig zu bleiben, will wohl nicht den selben Fehler machen wie im Untersuchungsausschuss, wo er schließlich sagte: "Haben Sie schon einmal einen Neonazi auf dem Fahrrad gesehen?". "Dummerweise", wie er nun zugibt.

Hitzige Wortgefechte

Doch die Fragen der Nebenkläger werden immer drängender. "Sie erwähnten, dass ein Dunkelhäutiger als Tatverdächtiger angesehen wurde, zwei Radfahrer lediglich als Zeugen - wie kam es zu dieser Differenzierung?", will etwa ein Anwalt wissen. Ob die Polizei nicht gewusst hätte, dass auch in Nürnberg Radfahrer am Tatort beobachtet worden waren. Wieso man nur im türkischen Milieu, nicht aber in der rechten Szene ermittelt hatte? Ob der Polizist noch nie von Mölln gehört habe?

Nun wird auch Wilfling ungeduldig. "Das war eine professionelle Hinrichtung", sagt er. Damals hätte man das nicht mit der rechten Szene in Verbindung bringen können, sondern nur mit dem organisierten Verbrechen. Und bei dem ein oder anderen Opfer habe doch eine Verbindung nach Holland geführt. "Jetzt soll man bitte mal nicht so tun, dass es keine türkische Drogenmafia gibt", sagt er schließlich. Wilfling sagt aber auch: "Herr Kılıç war ein kreuzbraver, fleißiger Mensch."

"Jetzt regen Sie sich bitte ab"

Die Wortgefechte werden immer hitziger. Ein Anwalt der Nebenklage wirft Wilfling nun "Halbwahrheiten" vor. "Es ist kein Geheimnis, dass es in Deutschland auch kranke Menschen gibt, die sich als Neonazis bezeichnen", sagt er wütend. Ein wenig bekommt man das Gefühl, mit Wilfling sitze nicht ein Zeuge, sondern ein weiterer Angeklagter in München vor Gericht. Schließlich unterbricht der Vorsitzende Richter den Prozess - "jetzt machen wir mal fünf Minuten Pause, jetzt regen Sie sich bitte ab", sagt Manfred Götzl zum Anwalt der Nebenklage.

Zufrieden scheint nach dieser Befragung nur ein Nebenklagevertreter zu sein. Und das ist ausgerechnet Bernd-Michael Manthey, der die Witwe des Opfers Habil Kılıç vertritt. "Ich bin überzeugt, dass in München alles gemacht worden ist, um diese Radfahrer zu ermitteln", sagt er in der Mittagspause. "Aus heutiger Sicht hätte man natürlich die rechte Szene stärker in die Ermittlungen einbeziehen müssen. Aber damals wusste man das eben nicht."

Die Witwe von Habil Kılıç wirkt traumatisiert, jahrelang war sie in ärztlicher Behandlung. "Ich verstehe das alles nicht. Ich kenne diese Frau nicht", sagt sie am Ende ihrer Aussage und wendet sich erneut zur Anklagebank. Doch Beate Zschäpe starrt noch immer auf ihren Laptop. So als ginge sie der Mord nichts an. Die Ermittler hatten in der Wohnung des NSU einen Zeitungsartikel über die Münchner Tat gefunden. Darauf: ein Fingerabdruck von Zschäpe.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1719246
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
Süddeutsche.de/rus
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.