Süddeutsche Zeitung

Militärmanöver:Scheinriese

Moskau modernisiert seine Flotte. Das jüngste Manöver war mit mehr als 10 000 Soldaten das größte seit Ende des Kalten Krieges - Kriegsschiffe kreuzten sogar in der Kieler Bucht. Doch der Eindruck neuer Stärke täuscht.

Als nächstes sind die Norweger an der Reihe: Ab Mittwoch wollen die Besatzungen der Fregatte Admiral Gorschkow, des Raketenkreuzers Marschall Ustinow, des U-Boot-Zerstörers Seweromorsk und drei weiterer russischer Kriegsschiffe unweit der Westküste Norwegens üben. Die Aktion ist nur ein Schatten dessen, was die russische Marine Anfang August mit offiziell 69 Schiffen und U-Booten, 58 Flugzeugen und 10 634 Soldaten veranstaltete: das größte Flottenmanöver in der Ostsee seit Ende des Kalten Krieges. Das Manöver, bei dem russische Kriegsschiffe auch in der Kieler Bucht auftauchten, steht ebenso wie eine vorangegangene Nato-Übung im Zeichen zunehmender Spannungen.

Schon 2008 verordnete Russlands Präsident Wladimir Putin dem damals veralteten russischen Militär, einschließlich der Flotte, umfangreiche Modernisierung und Aufrüstung. Alleine die Marine sollte bis 2020 etwa 54 größere Kriegsschiffe und 24 neue U-Boote bekommen, überschlug 2018 der Londoner Militärexperte Peter Roberts. 2013 befahl Putin auch die Wiederaufnahme zuvor angekündigter Großmanöver zu Lande und zu Wasser.

Im Mittelpunkt der Modernisierung der russischen Flotte stehen neben massivem Einsatz in elektronischer Kriegsführung, die im Kriegsfall Kommandostrukturen der Nato lahmlegen soll, etwa neue Antriebe für Atomraketen oder leise, nur schwer zu ortende Atom-U-Boote. Englands Verteidigungsminister stellte schon im Februar 2018 fest, Russland habe die Aktivität seiner Atom-U-Boote verzehnfacht.

Ein weiteres Augenmerk liegt auf der möglichen Ausschaltung von Nato-U-Booten. Beim russischen Manöver, das sich vom 1. bis 9. August über die gesamte Ostsee erstreckte, übten die Russen der Regierungszeitung Rossiskaja Gaseta zufolge vor allem das Aufspüren und die Vernichtung feindlicher U-Boote. Das Manöver war mehr als doppelt so groß wie ein vorangegangenes Anfang September 2018. Es war nur möglich, weil Moskau auch Kriegsschiffe aus dem Pazifik oder dem Mittelmeer zum "Tag der russischen Flotte" am 28. Juni vor Sankt Petersburg befohlen hatte: zur größten Flottenparade seit Jahren, bei der Putin ankündigte, Russland werde "eine von ihren Möglichkeiten her einmalige Flotte bauen, die Flotte einer starken, souveränen Großmacht".

Auch in der Arktis, künftiger Schauplatz von Rohstoffausbeute, rüstet Russland auf

Gewiss hat die russische Marine einige militärische Leckerbissen im Arsenal. Die Nato geht einem Bericht vom Mai zufolge etwa davon aus, dass Russland im Konfliktfall auch kilometertief auf dem Meeresgrund liegende Kommunikationskabel durchtrennen kann. Moskau verfügt dem Londoner Institut für strategische Studien zufolge über ein Dutzend Tiefsee-U-Boote wie etwa die atomgetriebene Loscherik, die am 1. Juli in die Schlagzeilen geriet, als gleich 14 Eliteoffiziere durch ein Feuer an Bord ums Leben kamen. Auch in der Arktis, künftiger Schauplatz von Rohstoffausbeute und eisfreien Schiffsrouten, rüstet Russland verstärkt auf.

Die Nato reagiert: England modernisiert seine Atom-U-Boote; Norwegen, zusehends besorgt über russische Aktivitäten nahe seiner Grenzen, erlaubt Atom-U-Booten aus den USA, England und Frankreich mittlerweile auch die Nutzung eines zivilen Hafens, so der Barent Observer. Und die US-Marine gab im Mai 2018 bekannt, sie reaktiviere gegen Russland die 2. Flotte - ein im Kalten Krieg gegründeter Kampfverband, der 126 Kriegsschiffe, 4500 Flugzeuge und 90 000 Soldaten umfasste, bis er 2011 in einer kurzen Entspannungsphase zwischen Washington und Moskau außer Dienst gestellt wurde.

Ein Jahr später erklärte sich die wiederauferstandene 2. US-Flotte für einsatzbereit und übernahm im Juni in der Ostsee die Führung des jährlichen Flottenmanövers Baltops: Das Manöver, das mit 56 Kriegsschiffen und gut 8600 Soldaten aus 18 Nato-Ländern vom Kieler Hafen ausging und Landemanöver in Estland, Lettland und Litauen einschloss, stellte den simulierten Kampf gegen U-Boote - dem Bericht der Nato zufolge eine Schwachstelle - in den Mittelpunkt und war das größte Flottenmanöver in der Ostsee seit Jahrzehnten. Bis zum russischen Manöver Anfang August.

Der Eindruck neuer russischer Stärke trügt mitunter. Putin kündigte im Februar an, die Marine werde 2019 vorzeitig sieben neue Atom-U-Boote bekommen. Tatsächlich zeigte das erste dieser U-Boote, die Kasan, trotz Bauzeit von zehn Jahren, bei Testläufen erhebliche Konstruktionsfehler und Mängel und dürfte nun frühestens 2021 ausgeliefert werden, berichtete die militärnahe Nesawissimaja Gaseta. Der russische Fachdienst "flot.com" kommt zu dem Schluss, Russland habe 2018 gegenüber den USA trotz Aufrüstung "nicht aufgeholt, sondern ist weiter zurückgefallen".

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SZ vom 12.08.2019
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