Süddeutsche Zeitung

Mali:Gefährlicher Pragmatismus

Das Land setzt im Kampf gegen Islamisten auf Milizen - die Gewalt nimmt dadurch eher zu.

Die Fassaden der Lehmhäuser sind verkohlt, ein Geländewagen brennt, als das Video aufgenommen wird. Zu sehen ist ein Dorf ohne Menschen. In Ogossagou nahe der Grenze zu Burkina Faso fielen am 25. März in der Morgendämmerung bewaffnete Männer ein und ermordeten 157 Menschen, Angehörige der Fulani, einer ethnischen Gruppe in der Sahelzone und muslimischen Minderheit.

Für das blutige Massaker von Ogossagou machten die Behörden die Dogon-Volksgruppe verantwortlich. Es gilt als bisheriger Höhepunkt einer Reihe ethnischer Kämpfe in Zentralmali. Präsident Ibrahim Boubacar Keïta sagte, er habe gedacht, was er in Ogossagou gesehen hat, sei der Tiefpunkt gewesen. Doch die Gewalt nahm kein Ende: Wieder überfielen Milizen Dörfer, ermordeten Dutzende. Auf die Massaker folgten stets Vergeltungsmorde.

In diesem Jahr verging kaum ein Monat ohne Blutbad. Die Zahl der Binnenvertriebenen in der Region war zwischen 2018 und 2019 von 18 000 auf 70 000 gestiegen. Anfang August einigten sich Fulani und Dogon auf einen Friedensvertrag. Dass die Gemeinschaften ihren blutigen Konflikt nun ruhen lassen, ist jedoch Wunschdenken der Regierung. Bereits 2018 waren Abkommen geschlossen worden, welche die Toten von Ogossagou nicht verhindern konnten. Kürzlich wandte sich deshalb Außenminister Tiébilé Dramé mit einem Appell an den UN-Sicherheitsrat: Die Mission Minusma, an der sich auch die Bundeswehr beteiligt, müsse ausgeweitet werden.

Die Konflikte zwischen den Volksgruppen sind inzwischen ebenso zur Sicherheitsbedrohung für den Staat geworden wie die Sezessionsbestrebungen der abtrünnigen Tuareg und der Kampf gegen die Islamisten, die den Vielvölkerstaat lähmen. Zudem überschneiden sich die Konflikte zwischen ethnischen Gemeinschaften, zwischen Islamisten und der Regierung und zwischen bewaffneten Milizen.

Mali droht der Zerfall des Staates und die Regierung trägt dazu bei

Die Spannungen gehen auf Machtkämpfe zwischen Hirten und Bauern zurück. Von den 40 Millionen Fulani sind etwa ein Viertel Viehhirten. In Zentralmali leben zudem Dogon und Bambara. Weil die Dogon-Bevölkerung wächst, steigt ihr Bedarf an Weideflächen und Wasser. Dass Hirten und Bauern im Kampf um knapper werdende Ressourcen ganze Dörfer auslöschen, greife als Erklärung allerdings zu kurz, meint Andrew Lebovich vom European Council on Foreign Relations (ECFR). Vielmehr gehe es dabei um politische Repräsentation. Der Klimawandel und Waffen, die durch den Bürgerkrieg in Umlauf kamen, verschärften den Konflikt.

Die schlechte Sicherheitslage geht auf das Jahr 2012 zurück, als eine Koalition aus Rebellen, radikalen Islamisten und Tuareg-Separatisten erfolgreich das Territorium im Norden eroberte. Sie erklärten die Unabhängigkeit des Azawad, des Nordens. Die militanten Islamisten wussten die Abwesenheit des Staates auszunutzen und breiteten sich im dicht besiedelten Landesinneren aus. Innerhalb eines Jahres wurde dort ein Anstieg der Gewalt um mehr als 600 Prozent dokumentiert. Heute gilt Mali als Rückzugsort für Islamisten aus der gesamten Sahelregion und Westafrika.

Mali droht der Staatszerfall, und die Regierung trägt daran Mitschuld. Angesichts der eigenen schwachen Armee unterstützte sie Milizen, die die Islamisten zurückdrängen sollten. Der Pragmatismus erwies sich als gefährlich. Der Staat habe in Nord- und Zentralmali schon immer mithilfe von Stellvertretern regiert, sagt Lebovich. Diese aber sind abhängig von bewaffneten Gruppen. Der Staat unterstützt also indirekt die Milizen, die nun die Bevölkerung terrorisieren, um seinen Einfluss in umkämpften Regionen durchzusetzen. "Die Strategie hatte das Ziel, die Gewalt einzudämmen", sagt Lebovich. Nur funktioniert habe das nicht. Bei dem Versuch, die Krise im Norden zu lösen, trug die Regierung dazu bei, die Gewalt zu verlagern. Im April demonstrierten 15 000 Malier in der Hauptstadt Bamako gegen die Untätigkeit der Regierung. Zwar versprach Präsident Keïta mehr Sicherheitskräfte. Doch das Dilemma des Staates offenbart einmal mehr dessen Schwäche.

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SZ vom 30.08.2019
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